Berliner Ensemble

„Glaube und Heimat“ sieht weder Trost noch Hoffnung vor

| Lesedauer: 6 Minuten
Katrin Pauly
Nichts Helles dringt durch in das fahle Halbdunkel, in das Regisseur Michael Thalheimer seine Charaktere auf der Bühne des Berliner Ensembles stellt.

Nichts Helles dringt durch in das fahle Halbdunkel, in das Regisseur Michael Thalheimer seine Charaktere auf der Bühne des Berliner Ensembles stellt.

Foto: Matthias Horn

Michael Thalheimer inszeniert ein selten gespieltes Stück über den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten.

Einmal in einer ruhigen Minute, da sitzen sie zusammen, der alte Rott und sein Sohn Christoph. Der Christoph hat die zerfledderte Lutherbibel in der Hand und liest laut daraus vor. Die Bibel, die hat er aus einem Versteck geholt. Vater und Sohn leben ihren Glauben im Verborgenen, die Obrigkeit hat’s verboten. Ein brutaler Reiter des Kaisers klappert gerade die Höfe ab, erzwingt ein Bekenntnis, zur Not mit dem Messer.

Zum Katholizismus soll sich ein jeder bekennen, dem protestantischen Irrglauben abschwören. Oder sofort das Land und die Heimat verlassen. Weiterlesen solle er, sagt der Vater zum Christoph, immer weiter, bis ein Trost komme. Der Sohn liest, wird unruhiger. Bis es aus ihm herausbricht: „Vater, da kommt kein Trost!

Entstanden ist das Stück von Karl Schönherr im Jahr 1910

Kein Trost, nirgends, überhaupt dringt nichts Helles durch in das fahle Halbdunkel, in das Regisseur Michael Thalheimer diese Menschen von der ersten Minute an stellt und aus der er sie bis zum Ende nicht entlässt. Bedrohlich dräuen und wummern die Beats von Bert Wrede, in der Mitte der Bühne (Nehle Balkhausen) dreht sich ein gigantischer, metallisch schimmernder quaderförmiger Monolith, der bis in den Bühnenhimmel ragt.

Für das Berliner Ensemble hat Thalheimer sich „Glaube und Heimat“ von Karl Schönherr vorgenommen. Entstanden ist das Stück im Jahr 1910, verhandelt wird ein Glaubenskrieg. Schönherr bezieht sich dabei auf die Vertreibung der Zillertaler Protestanten durch die katholische Obrigkeit im Jahr 1837. Die Handlung selbst verschiebt er noch rund zwei Jahrhunderte weiter zurück, in die Zeit der Gegenreformation.

Eine Familie steht im Fokus

Im Zentrum steht die Familie Rott. Der Alte (gespielt von Josefin Platt) eröffnet den Abend mit einem Schmerzensschrei. Der Dorfdoktor hat punktiert und saugt ihm eine blutige Flüssigkeit aus dem Bauch. Zwei Wochen gibt ihm der schmierige Quacksalber noch. Der Herr gibt’s, der Herr nimmt’s, aber der Alt-Rott will hier sterben und begraben werden in der Heimat, nicht in der Fremde. Auch Sohn Christoph (Andreas Döhler) will bleiben, bei seiner Frau (Stefanie Reinsperger) und dem kleinen Sohn, dem Spatz (Laura Balzer), der im Falle einer Flucht als minderjähriges Kind nicht mitdürfte.

Die Sandbergers von nebenan räumen schon ihr Haus, bringen zwei Hennen vorbei, aber die Rottin will keine „lutherischen Hennen“ auf dem Hof. Der geschäftstüchtige Engelbauer kauft derweil die verlassenen Höfe auf. Ein Dorf in der Zerreißprobe, jeder muss entscheiden, was ihm wichtiger ist und was er bereit ist aufzugeben: Die Glaubensfreiheit oder die Heimat?

„Tragödie eines Volkes“ lautet der Untertitel dieses selten gespielten Stückes eines nahezu vergessenen Autors. Dabei war Schönherr zu Beginn des 20. Jahrhunderts mal ein gefeierter Dramatiker. Das Ansehen verflog nicht zuletzt auch deshalb, weil die Nazis sich seine Literatur für ihre Blut-und-Boden-Ideologie aneigneten und er sich gegen diese Vereinnahmung zumindest nicht offensiv wehrte. Schönherr war mit einer Jüdin verheiratet.

Was mag Thalheimer an dem knorrigen Stück gereizt haben?

Was mag Michael Thalheimer bloß an diesem knorrigen Stück, das zudem in einer sperrigen Mundart geschrieben ist und nicht gerade durch geschliffene Dialoge besticht, so gereizt haben? Der Abend enthüllt das leider nicht. Vielleicht die theoretisch an die Gegenwart andockbaren Themenkomplexe Flucht, Vertreibung, religiöser Fanatismus. Dafür aber stellt Thalheimers Inszenierung letztlich zu wenige Bezüge her, bleibt zu sehr in der bäuerlichen Welt verhaftet.

Auffällig ist, dass er, der für seine Arbeiten Theatertexte oft radikal skelettiert, hier für seine Verhältnisse relativ nah am Ursprungstext bleibt. Tatsächlich hat er, abgesehen von einer ordentlichen Portion Pathos, die in ihrem Dräuen und Dröhnen in nebeldurchtränkter Düsternis allerdings allzu sehr auf Überwältigung angelegt ist, sogar etwas hinzugefügt: Gefühl.

Das geht vor allem aufs Konto der beiden höchst intensiv agierenden Hauptdarsteller Andreas Döhler und Stefanie Reinsperger als Ehepaar Rott und beschert dem Abend immerhin ein paar wunderschöne Momente großer Menschlichkeit inmitten all der Düsternis.

Kein Trost und keine Hoffnung

Döhlers Christoph ist ein Zerrissener, ein Taumelnder, handfest, männlich, schwitzend, ganz und gar echt. Bei Stefanie Reinsperger bricht sich die Nervosität ihrer Figur körperlich Bahn, die Hände zucken, sie läuft vor und zurück, weiß nicht, wohin mit sich, nur einmal, da weiß sie es ganz genau. Das ist, als ihr Mann ihr einen scheuen Kuss auf die Wange drückt, und sie sich ihm daraufhin mit einer Vehemenz an die Brust wirft wie sie es, so rührend verrutscht sieht das aus, wahrscheinlich schon lange nicht mehr getan hat.

Am Ende beweint sie ihr totes Kind und im Text kommt jetzt eine versöhnliche Geste, bei der der Rott dem Reiter des Kaisers (Ingo Hülsmann) aus christlicher Überzeugung die Hand reicht. Er macht das auch hier im Theater, aber so, wie er dabei den Blick zur Seite abwendet und wie der andere die Hand nur kurz und schlaff ergreift, hat das dann doch sehr wenig von echter Versöhnung. Trost und Hoffnung ist für keinen hier vorgesehen. Auch nicht fürs Publikum.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel. 284 08 155. Nächste Termine: 13.12., 20.12., 18.01.