Kunst

Kleckse, abstrakt und erotisch: Horst Janssen in Berlin

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Johanna Di Blasi
Ohne Titel aus dem Jahr 1977 ist eines der in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gezeigten Bilder des 1929 geborenen Künstlers.

Ohne Titel aus dem Jahr 1977 ist eines der in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gezeigten Bilder des 1929 geborenen Künstlers.

Foto: Hamburger Kunsthalle / bpk VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Christoph Irrgang

Eine Ausstellung erinnert an die abstrakten Werke des vor 90 Jahren geborenen Zeichners und Grafikers Horst Janssen.

Berlin. Es gibt nichts Harmloseres als Kleckse. Könnte man meinen. Die feministische Kunstgeschichtsschreibung sieht das jedoch anders. Hier wird die künstlerische Potenz des Kleckerns und Farbspritzens mit der „ejakulatorischen Aktivität“ (Amelia Jones) eines traditionell männlich-gedachten Künstlergenies in Verbindung gebracht.

Horst Janssen (1929-1995), der norddeutsche Zeichner, Grafiker und Erotomane, hätte einer solchen Interpretation des kreativen Ergusses gar nicht widersprochen. Zahlreiche Aussagen des Künstlers weisen in dieselbe Richtung. Aus „physischen Erregtheiten“ beziehe er seine „Kritzeleien“ sagte er und verglich schmatzende Geräusche beim Einfärben der Druckplatten mit „Geräuschen einer Liebesnacht“.

Horst Janssen knüpft an die Surrealisten an

Die Ausstellung „Lebens Kleckse. Todes Zeichen“ in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg anlässlich des 90. Geburtstags des Künstlers überrascht mit der Fokussierung auf eine wenig bekannte Facette von Janssens Werk: Kleckskompositionen. Der Künstler habe mit Techniken der automatischen Formentstehung bewusst an Surrealisten angeknüpft, sagt die Kuratorin Kyllikki Zacharias.

Wer Janssen mit figürlichen Grafikserien und Plakaten assoziiert und als typische Sujets neben weiblichen Akten verwelkte Blumen, überfahrene Frösche und andere Vanitas-Motive vor Augen hat, wird überrascht sein, dass sich der Künstler in allen Schaffensjahrzehnten auch mit Abstraktion auseinandergesetzt hat.

Aus den Klecksen bricht ein Pandämonium hervor

Anders als etwa beim Nachkriegsmoderne-Vertreter Willi Baumeister, der vom „hohen Zustand der Abstraktion“ gesprochen hat, fehlt bei Janssen jegliches Pathos. Abstraktion steht nicht stellvertretend für einen vermeintlich ideologiefreien Westen, sondern erscheint als Vorstufe des Bildlichen oder als ironisches Gebilde. Etwa bei einem Blatt mit dem Titel „Visitenkarte für einen Kriecher“ (1975) – der Kriecher ist ein längsgezogener Klecks mit Fühlern.

Aus Klecksen brechen bei Janssen Geister und Totenköpfe hervor, das romantische Pandämonium, oder entstehen Geliebte, mit deren Strümpfen sich der Künstler identifizierte, als Fetischen einer Lust, die ambivalent erscheint: liebend und vernichtend. Stets sind es männliche Figuren, die als Tiere oder Teufel Frauenkörper penetrieren. Es sind surrealistische Cadavre Exquis, die Janssen in Serien wie „Carnevale di Venezia“ mit Rohrfeder und Lavierung aufbereitete.

Ein unruhiges Leben mit Gefängnisaufenthalt

Als Künstlertyp entsprach Janssen der in der Nachkriegszeit kultivierten Figur des erotomanen und autodestruktiven Genies fast schon karikaturhaft; wie Jackson Pollock oder Francis Bacon ergab sich auch Janssen Alkoholexzessen. Allerdings blieb er aufgrund seines Festhaltens am Medium Zeichnung und der figürlichen Darstellungsweise aus Avantgardezirkeln ausgeschlossen.

Auf eine schwere Kindheit als unehelicher Sohn, der von der Mutter, einer Schneiderin, aus Scham versteckt wurde, dann als früh verwaister Zögling in einer Nazi-Eliteschmiede folgte ein unruhiges Leben: mit wechselnden Affären und Ehefrauen, polternden Auftritten in Gummistiefeln bei Vernissagen in Hamburg, einer Messerattacke auf eine Freundin und anschließendem Gefängnisaufenthalt. Wenig später knallte Janssen gegen eine Laterne. Eine von ihm übermalte Fotografie zeigt ihn mit verletztem Gesicht.

Experimentierfreudig, nicht konservativ

Solche Bilder rücken Janssen fast in die Nähe von Figuren aktionistischer Kunst, etwa den Wiener Aktionisten, auch wenn die Aktion mit Laterne wohl keine freiwillige war. In einem Manual zur Bilderherstellung empfahl der Künstler, Papier über Asphalt zu schleifen, um es mit Kratzern zu strukturieren. Auch das Perforieren oder Versengen von Bilduntergründen zeigen einen experimentierfreudigen Künstler, entgegen dem Ruf des Konservativen oder gar Reaktionären.

Die Berliner Schau reiht sich in einen Janssen-Geburtstagsreigen ein. Unter dem gemeinsamen Titel „Kosmos Janssen“ beleuchten derzeit das Horst-Janssen-Museum Oldenburg und die Kunsthalle Emden ebenfalls Facetten des Bild- und Wortkünstlers.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstraße 70, Berlin-Charlottenburg, Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa.-So. 11-18 Uhr. Bis 3. Mai 2020.