Musik

Hier können Sie Bachs Weihnachtsoratorium in Berlin erleben

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Volker Blech
Bachs Weihnachtsoratorium, hier in einer Aufführung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Bachs Weihnachtsoratorium, hier in einer Aufführung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Foto: Maurizio Gambarini

Jauchzen, frohlocken, mitsingen: Aufführungen von Bachs Weihnachtsoratorium haben in Berlin Tradition. Hier können Sie dabei sein.

Berlin. Der jubelnde Eingangschor „Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage“ über das Mysterium der Geburt Jesu gilt darüber hinaus als ein Bekenntnis zum Leben. Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach gehört zur Adventszeit wie Märkte, Lichterschmuck und Süßigkeiten. Für viele ist der Konzertbesuch eine gepflegte Tradition, die nicht an den christlichen Glauben gebunden sein muss.

In Berlin wird das Oratorium auch nicht nur in Kirchen, sondern von drei wichtigen Chören im Kammermusiksaal der Philharmonie aufgeführt, dazu kommt ein Konzert im früheren Betsaal des Jüdischen Waisenhauses in Pankow. Es steht ein künstlerisch wie historisch interessanter Jahrgang bevor.

Zu Bachs Zeiten wären allerdings Aufführungen an Adventssonntagen undenkbar gewesen, die Tage waren den Gläubigen für die stille Einkehr und die Buße vorbehalten. Das sechsteilige Oratorium für Gesangssolisten, gemischten Chor und Orchester wurde erstmalig in den Gottesdiensten zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 vom Leipziger Thomanerchor aufgeführt. Teil I am ersten Weihnachtsfeiertag, Teil II am zweiten, Teil III am dritten, Teil IV gab es an Neujahr, Teil V am Sonntag nach Neujahr und den abschließenden Teil VI am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Jede Aufführung dauert etwa eine halbe Stunde. Heutzutage werden nur ausgewählte Teile gespielt, in den Konzertankündigungen finden sich überwiegend die Teile I–III, gern kombiniert mit Teil VI.

Sing-Akademie zu Berlin hat Bach wiederentdeckt

Aber die Sing-Akademie zu Berlin fällt aus der Rolle, kündigt ihre Grell’sche Fassung für den 26. Dezember an und erinnert damit beiläufig an die für die weltweite Bach-Renaissance wichtige Berliner Musikgeschichte. Denn der alte Bach war nach seinem Tod 1750 schnell in Vergessenheit geraten, erst der aus einer Berliner jüdischen Familie stammende Felix Mendelssohn Bartholdy holte ihn 1829 mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion durch die Sing-Akademie ins Konzertleben zurück.

1857 führte dann der damalige Direktor Eduard Grell das Weihnachtsoratorium erstmals auf. Grell fasste die sechs Teile zusammen, strich 18 von 64 Nummern und zuckerte das Ganze im romantischen Zeitgeist auf.

Wenn Dirigent Kai-Uwe Jirka jetzt die Berliner Fassung von 1857 in der Sophienkirche an der Großen Hamburger Straße aufführt, ist damit ein symbolischer Ort gewählt. Unter den dortigen Gräbern findet sich das von Carl Friedrich Zelter, der Direktor der Sing-Akademie und Lehrer von Felix Mendelssohn Bartholdy war.

Eine bereits vorhandene Musik erhielt einen neuen Text

Musikalisch hatte sich der Thomaskantor Bach gern bei sich selbst bedient. Eine bereits vorhandene Musik erhielt einen neuen Text. Das sogenannte Parodieverfahren war eine übliche und zeitsparende Praxis. Zahlreiche Sätze des Weihnachtsoratoriums waren zuvor für meist weltliche Kantaten komponiert worden. Der Chor „Jauchzet, frohlocket!“ entstammt einem Geburtstagsständchen für Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, aus dem Jahr 1733. Der weltliche Huldigungstext lautet: „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“ Beide Varianten passen zur festlichen Musik.

Verschiedene Textgattungen finden sich im Libretto wieder. Die Basis bildet der episch geprägte Text des Neuen Testaments, der den jeweils zweiten Kapiteln der Evangelien nach Lukas und Matthäus entnommen ist. Die freien Dichtungen gehen wohl auf Christian Friedrich Henrici alias Picander, der häufig mit Bach zusammenarbeitete, zurück. Die lyrisch geprägten Choraltexte stammen von Paul Gerhardt, Martin Luther oder Johann Rist.

Für unser heutiges Ohr klingt manches merkwürdig. Das Gesamtwerk schließt etwa mit dem Choral „Nun seid ihr wohl gerochen“. Aber das hat nichts mit Riechen zu tun. „Gerochen“ ist das alte Partizip II des Verbs „rächen“. Im modernen Deutsch klänge also gerächt vertrauter.

Wer braucht die ganz Großen, wenn man auch selber singen kann

Der Evangelist wird nach alter kirchlicher Tradition von einem Tenor gesungen. Er erzählt in Rezitativen die Weihnachtsgeschichte vom Volkszählungsbefehl des Kaisers Augustus bis zum Abzug der Heiligen Drei Könige. Im aktuellen Konzertbetrieb werden leidenschaftlichere Tenöre bevorzugt. Ältere Generationen haben noch Peter Schreier im Ort, sein lyrischer, leicht näselnder Tenor verströmte etwas Distanziertes. Das Label Berlin Classics hat jetzt eine alte Aufnahme mit dem Dresdner Kreuzchor und Peter Schreier von 1974/1975, die ein Verkaufsrenner ist, neu remastert.

Aber wer braucht schon die ganz Großen, wenn man auch selber singen kann. Wenn der Konzertchor der Friedenskirche Niederschönhausen am Montag zum Mittsing-Konzert ins Jüdische Waisenhaus einlädt, dann soll man doch bitte seine eigenen Noten mitbringen.

Weihnachtsoratorium in Berlin – eine Auswahl:

Berliner Dom Kantaten I–III am 7./8.12.19 und Teile IV–VI am 4.1.20; Barockorchester Aris & Aulis, Kammerchor der Berliner Domkantorei unter Domkantor Tobias Brommann; Am Lustgarten, Mitte. Tel. 20269136.

Jüdisches Waisenhaus Mitsingkonzert der Teile I + III am 9.12.19 im Betsaal; der Konzertchor der Friedenskirche Niederschönhausen lädt ein; Berliner Straße 120/121, Pankow; Karten: reservix.de.

Gedächtniskirche Teile I–III und VI am 21.12.19; Bach-Chor und Collegium unter Achim Zimmermann; Breitscheidplatz, Charlottenburg; Tel. 47997474

Sophienkirche Sing-Akademie zu Berlin am 26.12.19 mit der Grell’schen Fassung von 1857; Kammer- und Mädchenchor der Sing-Akademie und Staats- und Domchor unter Kai-Uwe Jirka; Große Hamburger Str. 29–30, Mitte; Karten: reservix.de.

Kammermusiksaal/Philharmonie Teile I–III und VI am 13.12.19; Karl-Forster-Chor unter Volker Hedtfeld. Tel. 8264727. Teile IV–VI am 21.12.19; Berliner Bachakademie unter Heribert Breuer; Tel. 01806/570070 (Eventim). Teile I–III und VI am 22.12.19; Berliner Konzert Chor unter Jan Olberg; Tel. 47997474 (Papagena).

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