Neu im Kino

„Die zwei Päpste“: Tango zweier Widersacher

Anthony Hopkins und Jonathan Pryce spielen die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus. Das ist erst amüsant, bald aber hochproblematisch.

Vertrauliche Gespräche unter vier Augen: Der noch amtierende Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins, l.) und Kardinal Bergoglio, der spätere Papst Franziskus (Jonathan Pryce).

Vertrauliche Gespräche unter vier Augen: Der noch amtierende Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins, l.) und Kardinal Bergoglio, der spätere Papst Franziskus (Jonathan Pryce).

Foto: picture alliance/AP Photo

Am Ende wagen sie sogar ein Tänzchen miteinander. Oder, na ja, staksen etwas unbeholfen ein paar Schritte herum. Franziskus, der Papst aus Argentinien, der Mann, der auf Mitmenschen zuzugehen weiß, hat den Tango und den Rhythmus natürlich im Blut.

Der steife, unzugängliche Benediktus aber, der deutsche Papst a. D., will nicht so recht und lässt sich eher mitziehen. Aber so tänzeln die beiden, im Innenhof des Vatikans, ein paar Schritte in seltener Harmonie zusammen. Zur Gaudi der wenigen Angestellten, die Zeuge davon werden.

„Die zwei Päpste“: Der Trailer zum Film

Diese Szene gibt auch ein bisschen den Takt vor für die Herangehensweise von Fernando Meirelles’ ungewöhnlichen Netflix-Film „Die zwei Päpste“, der am Donnerstag für kurze Zeit in wenigen Kinos läuft und dann ab 20. Dezember auf der Streamingplattform abrufbar ist.

Ein Tänzchen im Innenhof des Vatikans

Da ist das Fundament der Fakten über den mehr als ungewöhnlichen Zustand, dass die Welt erstmals seit 1415 wieder zwei lebende Päpste hat. Aber der Film hält sich nicht an diese Tatsachen, sondern tänzelt mit einem höchst ironischen Free Dance über sie hinweg.

Anthony McCarten, erfolgreicher Dramatiker („Ladies Night“), Romancier („Superhero“) und Drehbuchautor („Bohemian Rhapsody“), hat über die überraschende Abdankung Benedikts XVI. das Sachbuch „Die zwei Päpste“ geschrieben, in dem er „Die Entscheidung, die ­alles veränderte“ (so der Untertitel) detailgenau rekapituliert.

Meirelles’ Film, zu dem McCarten auch das Drehbuch schrieb, ist aber nicht bloß der Film zum Buch. Im Gegenteil, und das nimmt erst mal sehr für ihn ein, schiebt er alle Fakten beiseite und spekuliert keck – „inspiriert durch wahre Begebnisse“, wie es anfangs heißt –, wie es gewesen sein könnte.

Er nutzt dabei ein letztlich simples Muster: Er lässt die zwei so unterschiedlichen Charaktere immer wieder aufeinandertreffen und vertrauliche Gespräche unter vier Augen führen. Ist natürlich fiktiv, könnte aber so gewesen sein. Ist ja schließlich keiner dabei gewesen.

Ratsuche beim größten Kritiker

Eigentlich ist es ja der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio (Jonathan Pryce), der abdanken und lieber wieder ein einfacher Priester sein will. So weit stimmen auch die Fakten. Im Film aber reist der Kardinal deshalb – auf eigene Kosten – nach Rom, um Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins) seine Entlassungsurkunde vorzulegen. Der denkt aber gar nicht daran, sie zu unterzeichnen. Das sähe ja so aus, als würde er seinen ärgsten Widersacher kaltstellen.

Der Papst hat zu dieser Zeit, auch das ist Fakt, schon genug am Hals mit all den Skandalen um die Vatikan-Bank, um Korruption im Umfeld des Heiligen Stuhls und massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche. Darüber will er sich im Film ausgerechnet mit seinem größten Kritiker beraten und bestellt ihn zu sich. Die Gesuche der beiden überschneiden sich.

Der Nachfolger will zuerst abdanken

Und so spazieren die so unterschiedlichen Würdenträger durch die weiten Gärten des Vatikans und die endlosen Gänge des Petersdoms und führen lange Gespräche über Tradition, Fortschritt und den Zustand der Kirche. Und schließlich dreht Benedikt den Spieß einfach herum. Und wirft selber hin. Und Bergoglio, der schon bei der Papstwahl 2005 die meisten Stimmen nach Kardinal Joseph Ratzinger bekommen hatte, sieht sich plötzlich damit konfrontiert, dass er nun das Erbe Benedikts antreten könnte.

Es ist immer wieder absurd, das starre Reglement einer Papstwahl zu erleben, was man schon aus Nanni Morettis Filmkomödie „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ von 2011 kennt (der noch vor Benedikts Rücktritt 2013 entstand und diesen vielleicht schon vorausgeahnt hat).

Die Schauspieler liefern sich ein Duell der Spitzenklasse

Natürlich macht es auch großen Spaß, in „Die zwei Päpste“ zu sehen, wie der misanthrope Benedikt XVI. sich komplett in seine Sommerresidenz zurückzieht und seine Mahlzeiten ganz allein einnimmt, während Bergoglio, ganz Mann des Volkes, an einem Straßenstand in Rom Pizza verzehrt. Oder wie Benedikt seine Lieblingsserie „Kommissar Rex“ im Fernsehen guckt, während Franziskus ihn zur Liebe zum Fußball zu bekehren versucht.

Und natürlich ist es ein immenser Schauwert, wie die großen britischen Charaktermimen Hopkins und Pryce sich hier ein Darstellerduell der Spitzenklasse liefern. Wobei man den beiden durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit ihren Figuren attestieren kann. Und sie sich Mimik und Gestik genau abgeguckt haben.

Doch so interessant diese Ausgangsposition ist und so hübsch sie gespielt wird, tritt der Film doch bald auf der Stelle. Nach dem anfänglichen Witz, die so gegensätzlichen Figuren aufeinanderprallen zu lassen, müsste es irgendwann auch um die großen Themen gehen.

Leerstellen im Vorleben Ratzingers

Die Skandale im Vatikan, die damals die Welt der Gläubigen erschüttert haben, werden aber nur gestreift. Stattdessen weicht der Film auf Bergoglios Vorleben aus und beleuchtet dessen höchst ambivalente Rolle während der Militär-Junta in Argentinien, die er selbst als Sünde betrachtet und als deren Buße er seine Papst-Bürde vielleicht auch versteht.

Erfolgsregisseur Meirelles („City of God“) traut aber an dieser Stelle seinen Stars nicht und verhandelt diese Episode nicht in einem weiteren Dialog, sondern bebildert sie – vielleicht aus Angst, mit bloß zwei Darstellern auf Dauer zu langweilen – in einer langen Rückblende.

Über das sicher noch ambivalentere Vorleben von Ratzinger erfährt man im Film dagegen – ganz anders als in McCartens Buch – gar nichts. Da wird schon ein seltsames Ungleichgewicht deutlich. Und ein fataler Hang zur Weichzeichnerei, der den ganzen Film prägt.

Am Ende nur versöhnliche Töne, ja Absolution

Denn am Ende erweist sich diese Netflix-Produktion – für den der Streamingdienst einmal mehr ein paar wenige Kinos unter branchenwidrigen Knebelbedingungen zur Werbeplattform missbraucht – als hochproblematisch. Sie will die Missstände in der Kirche andeuten, auch Benedikts Eitelkeit und Bergoglios moralisches Dilemma. Aber es bleiben zu viele Leerstellen. Und am Ende predigt der Film doch nur Versöhnung, wenn nicht gar Absolution. Und das passt so gar nicht zum satirischen Ausgangspunkt.

Da reicht es auch nicht, wenn am Ende die beiden Päpste, der amtierende und der emeritierte, zusammen Fußball gucken. Oder wenn sich im Abspann kurz auch die echten Päpste, die quasi Tür an Tür wohnen, die Hand schütteln. Da muss man denn doch auf McCartens Buch zurückgreifen. Der Film ist nicht mehr als ein Appetithäppchen, um diese Lektüre schmackhaft zu machen.