Theater

Ein handfester Krimi mit detailverliebtem Bühnenbild

„Die Anderen“ von der belgischen Autorin und Regisseurin Anne-Cécile Vandalem überzeugt mit Plot, Twist und Auflösung am Schluss.

Besonders die Details machen das Theaterstück besonders. Hier zu sehen sind: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Felix Römer, Lukas Turtur, Kay Bartholomäus Schulze, Bernardo Arias Porras (v.li.)

Besonders die Details machen das Theaterstück besonders. Hier zu sehen sind: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Felix Römer, Lukas Turtur, Kay Bartholomäus Schulze, Bernardo Arias Porras (v.li.)

Foto: ARNO DECLAIR

Irgendwo in Europa. Es ist dunkel und es regnet schon seit acht Monaten. Das berichten die wenigen Menschen, die hier in diesem Dorf leben. Ein Hotel gibt es auch, obwohl sich fast nie jemand an diesen unwirtlichen Ort verirrt. „Zum Alten Kontinent“ heißt es. Es ist eins von diesen schlimmen Hotels, dunkle Holzvertäfelung, ein Plastikeimer fängt das Regenwasser auf, das durch das undichte Dach dringt, ein Tierkopf mit Geweih hängt über der verglasten Tür. In den Gängen des Hotels gibt es noch mehr ausgestopfte Tiere, die glotzen mit ihren toten Augen und sehen immer noch bedrohlich aus, obwohl kein Leben mehr in ihnen ist. Doch der Tod hat einen langen Atem. Die Dorfbewohner wissen das. Weil hier vor Jahren etwas geschah, was so unaussprechlich furchtbar war, dass es alle nur „Die Sache“ nennen.

Vandalem glaubt an die Kraft der Geschichte

Auch hier, in diesem Text, kann nicht offen über „die Sache“ gesprochen werden, das wäre Spielverderberei, denn die belgische Autorin und Regisseurin Anne-Cécile Vandalem hat mit „Die Anderen“ an der Schaubühne einen handfesten Krimi inszeniert. So richtig mit Plot und Twist und Auflösung am Schluss. Das gibt es im Theater ja auch nicht so oft. Dass Vandalem eine gute Erzählerin ist, die an die Kraft der Geschichte glaubt, hatte sie schon bei zwei Einladungen zum FIND-Festival an der Schaubühne gezeigt. Dort gastierte sie 2017 mit „Tristesses“ und im Frühjahr 2019 mit „Arctique“. Beide Produktionen entstanden mit ihrer Kompagnie „Das Fräulein“, jetzt inszenierte sie erstmal mit dem Ensemble der Schaubühne.

Das präsentiert sich in diesem düster-grotesken Schauerstück, das in weiten Teilen zudem sehr filmisch aufbereitet ist, in absoluter Bestform. Ein bis ins Detail abgestimmtes Team, das das Konstrukt der traumatisierten, archaischen Dorfgemeinschaft hervorragend auf die superrealistische Bühne bringt.

Schauspielerin Jule Böwe überzeugt mit ihrem Talent

Ganz besonders Jule Böwe, in der Rolle der durchgehend angetrunkenen Hotelbesitzerin Alda, hat große Momente. Wenn sie etwa im Auto sitzt, man hört und sieht den Regen die Scheiben herabrinnen, die

Kamera zeigt in Großaufnahme wie sich ihre Gesichtszüge verschieben von tränenerstickter Verzweiflung zu einer gefährlichen Entschlossenheit. Und immer diese Brüchigkeit in der Stimme, die so perfekt zur Figur passt, weil diese Stimme alles zulässt, Trauer und Trauma ebenso wie herbe Kühle.

Diese Alda fährt an einem Abend einen jungen Fremden, einen Flüchtling namens Ulysses (Bernardo Arias Porras) an. Alda bringt ihn in ihr Hotel. Obwohl Fremde aufgrund irgendeines Gesetzes der Gemeinschaft weder erwünscht noch geduldet sind. Natürlich knüpft die Regisseurin damit an aktuelle politische Diskurse an, aber die schweben eher so mit, ein explizit politischer Abend ist das nicht.

Absurd-komischen Gesamtatmosphäre mit den Mitteln des Theaters und des Films

Dem Fremden fällt auf, dass es in dem Dorf keine Kinder gibt, er findet ein paar Dinge heraus. Ihm schlägt Misstrauen entgegen. Eines Tages ist er verschwunden. Und nochmal kommt jemand von außen, eine Sozialarbeiterin (Veronika Bachfischer), die nach Ulysses sucht. Sie stellt sehr viele Fragen und bekommt am Ende bei einem gemeinsamen Martinsgans-Essen mehr Antworten als ihr lieb ist. Alles weitere muss an dieser Stelle verschwiegen werden. Wobei der Fokus des Abends letztlich gar nicht so auf der Auflösung liegt, sondern viel eher auf der beeindruckend akribischen Herstellung der schaurigen, rätselhaften, bisweilen sogar absurd-komischen Gesamtatmosphäre mit den Mitteln des Theaters und des Films.

Christophe Engels und Karolien de Schepper haben dem Ensemble dafür zwischen hohen dunklen Tannen einen Bau auf die Drehbühne gestellt, der diverse Spielflächen bereithält: Das von Alda (Jule Böwe) und René (Kay Bartholomäus-Schulze) betriebene Hotel mit seinem runtergekommenen Foyer samt Küche und einem Zimmer. Wenn sich das Ganze in Bewegung setzt, dreht es weiter zu der Wohnung der einsamen Lehrer-Witwe Marge (Stephanie Eidt) und noch ein bisschen weiter zum Büro des Bürgermeisters Owen (Felix Römer).

Diverse Spielflächen mit Detailverliebtheit ausgestattet

All diese Räume, die sichtbaren und die unsichtbaren, die von Kameras eingefangen und auf eine große Leinwand über der Bühne projiziert werden, sind mit enormer Detailverliebtheit ausgestattet. Die Wände, die Bilder, die Einrichtungsgegenstände, alles, was hier rumliegt, was wie versehentlich von der Kamera gestreift wird, ein Hochzeitsbild, ein Schuhregal, ein zerfleddertes Schulheft, all das verdichtet sich zu einer Atmosphäre von erdrückender, tieftrauriger Tristesse.

Inhaltlich mag die Story selbst vielleicht ein bisschen grob gestrickt sein, aber der Aufwand, der zur Herstellung dieser Atmosphäre betrieben wird und das tolle Ensemble, das die abgründigen Figuren darin perfekt navigiert, machen diesen Abend sehr sehenswert. Auf eins allerdings sollte man sich gefasst machen, wir sind schließlich in der Vorweihnachtszeit: Auf Gänsebraten hat man nach diesem Abend womöglich erstmal ein paar Tage keine Lust.