Ausstellung

„Body Performance“: Nacktheit aus verschiedenen Perspektiven

Mit „Body Performance“ bildet die Helmut Newton Stiftung im Berliner Museum für Fotografie verschiedene Perspektiven auf Nacktheit ab.

Bei Beecrofts Performance von 2005 tragen die Frauen nur durchsichtige Strumpfhosen

Bei Beecrofts Performance von 2005 tragen die Frauen nur durchsichtige Strumpfhosen

Foto: Vanessa Beecroft

Berlin. Nacktheit existiert nicht, hat der Philosoph Giorgio Agamben mit Blick auf Performances der italienischen Künstlerin Vanessa Beecroft festgestellt. Sobald wir in Gesellschaften leben und kulturell geprägt sind, ist Nacktheit behaftet mit Interpretationen. Diese legen sich wie Kleider über Körper – und wir sehen alles Mögliche von Unschuld bis Verruchtheit, aber keine wirkliche Nacktheit.

Was jedoch existiert, ist das Gefühl nackt zu sein, ein ambivalentes Gefühl, dem tiefes Vertrauen oder peinliches Ausgeliefertsein zugrunde liegen kann. Um dieses Gefühl zu erleben, müssen wir uns allerdings nicht unbedingt ausziehen. Die Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie erkundet anhand der Werke von 13 Künstlern unterschiedliche Perspektiven auf nackte und angezogene Menschen und zeigt eine Grammatik der Glieder und Gesten von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart.

"Body Performance": Ausstellung würdigt Beecrofts Performance vor 15 Jahren

Der zentrale Ausstellungsraum ist großformatigen Dokumentationen einer spektakulären Körperperformance gewidmet, die vor 15 Jahren in Berlin Stadtgespräch war: Vanessa Beecrofts Performance „VB55“ mit 100 rothaarigen, blonden und dunkelhaarigen Frauen in der Nationalgalerie, ein Werk, das seinerzeit sogar für einigen Tumult sorgte.

Im Unterschied zu früheren Performances mit genormten Magermodels hatte die Künstlerin 2005 in Berlin Durchschnittskörper für das mehrstündige Strammstehen im Museum ausgewählt. Den „philosophischen“ Deutschen könne sie „menschlichere Mädchen“ zumuten, hatte sie gesagt. Die Frauen unterschiedlichen Alters waren lediglich mit transparenten Strumpfhosen bekleidet. Das konnte an Patienten denken lassen, die in Krankenhäusern auf Operationen vorbereitet werden. Die Aktion war eine Gratwanderung zwischen Aus- und Bloßstellen.

Der Körper als Medium

Viele Künstler benutzen Körper als Medien des Ausdrucks, mal expressiv, mal minimalistisch. Das ehemalige Model Viviane Sassen verfremdet, verdreht und bemalt menschliche Körper. Bei Robert Mapplethorpe fügen sich schlanke Frauenkörper harmonisch in Felsformationen ein. Barbara Probst komponiert Stillleben aus Gliedmaßen und zettelt Verwirrspiele mit multiplen Perspektiven an.

Der Österreicher Erwin Wurm stellt in der Serie „One Minute Sculpture“ Menschen in absurd-humoristische Situationen, zum Beispiel lässt er eine Frau Tassen auf den ausgestreckten Beinen balancieren. Der Chinese Yang Fudong ist mit einer Hommage an die Anfänge des chinesischen Kinos der 1930er-Jahren vertreten („New Women“): In exquisiten Interieurs posieren Frauen, die lediglich Make-up und Schmuck tragen. Sie bewegen sich in einer ambivalenten Zone zwischen Tradition und Moderne.

Jürgen Klauke, Inez Vinoodh, Bernd Uhlig

Der deutsche Künstler Jürgen Klauke inszenierte in den 1970er-Jahren, inspiriert vom spanischen Flamenco, bestrapste Etüden („Viva Espana“) mit ausgestreckten Frauenbeinen, die sich wie Uhrzeiger zu drehen schienen. Feministinnen warfen ihm damals vor, ein „Frauenfeind“ zu sein. Bei der Vorbesichtigung im Museum für Fotografie verteidigte sich der Altmeister. Es sei ihm vor allem um den „skulpturalen Charakter“ des menschlichen Körpers gegangen.

Das niederländische Duo Inez&Vinoodh, das gerade eine Ausstellung im Palazzo Reale in Mailand hatte, war unter den ersten, die Aktaufnahmen digital verfremdeten. Sie montierten etwa Kinderlächeln in weibliche Akte und thematisierten die Infantilisierung von Frauen in der Werbe- und Modeindustrie. Im Kontrast zu arrangierten Körperstillleben stehen Fotografien, die Bewegungsabläufe dokumentieren. Eindrucksvolle Beispiele hierfür bietet Bernd Uhlig, der Tanzstücke von Sasha Waltz fotografiert.

Eine wenig bekannte Serie Helmut Newtons aus den frühen 1990er-Jahren zeigt das Ballett in Monte Carlo. Königin Caroline hatte persönlich den Auftrag erteilt. Newton hatte keine rechte Lust, absagen aber konnte er auch nicht. Das Resultat lässt schmunzeln. Die körperbewussten Tanzvirtuosen ließen sich nicht so einfach von dem Mann hinter der Kamera dirigieren, sondern setzten Newton ihre eigene Körperästhetik entgegen, ein bisschen wie in einem stummen Titanenkampf.

Helmut Newton Stiftung/Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Berlin-Charlottenburg, Di., Mi., Fr., Sa. und So. 11–19 Uhr, Do. 11–20 Uhr. Bis zum 10. Mai 2020.

Body Performance - Ausstellung in Berlin: Alle Informationen auch im Museumsportal Berlin