60. Geburtstag

Nico Hofmann: „Privates opfern war der Preis der Karriere“

Ufa-Chef Nico Hofmann wird am 4. Dezember 60 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Ein Treffen in seinem Büro.

Seinen 60. Geburtstag verbringt er am anderen Ende der Welt, wo er nicht zu erreichen ist: Nico Hofmann, hier in seinem Ufa-Büro in Babelsberg.

Seinen 60. Geburtstag verbringt er am anderen Ende der Welt, wo er nicht zu erreichen ist: Nico Hofmann, hier in seinem Ufa-Büro in Babelsberg.

Foto: Reto Klar

Am kommenden Mittwoch wird Nico Hofmann 60 Jahre alt. An dem Tag will der Ufa-Chef allerdings so weit wie möglich von Deutschland weg sein – um nicht erreichbar zu sein. Hofmann hat wohl alles erreicht, was man im Leben erreichen kann: erst als Regisseur, dann als Produzent und schließlich als Chef der ganzen Ufa-Gruppe. Mit Produktionen wie „Der Turm“, „Bornholmer Straße“, „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat er Fernsehgeschichte geschrieben. Und ist damit noch lange nicht fertig. Der Preis für seine unermüdliche Tätigkeit ist allerdings, dass er nur schwer zur Ruhe kommt. Deshalb jetzt die Auszeit. Wir haben ihn kurz zuvor in seinem Charlottenburger Büro getroffen.

Berliner Morgenpost: Wie werden Sie Ihren 60. Geburtstag begehen?

Nico Hofmann: Weit weg von Berlin. Ich bin mit meiner Schwester auf einer Antarktis-Kreuzfahrt, ich habe also psychologisch den am weitesten entfernten Punkt gewählt. Da bin ich dann auch nicht zu erreichen, dort gibt es kein Netz, das war wohl auch unbewusst meine Intention hinter der Reise.

Denkt man, wenn dann die 6 vorne dran steht, auch darüber nach, wann man mal aufhört und in Rente geht?

60 zu werden, habe ich lange unterschätzt. Die 50 fand ich schön, die 40 ganz toll, bei 30 gab es eine gigantische Feier. Aber 60 ist eine andere Art Einschnitt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder du gehst in Rente oder du setzt deine Energie und Lebenserfahrung weiter ein. Ich bin ganz klar bei der zweiten: Ich habe die innere Haltung entwickelt, so lange weiterzumachen, wie ich mich gut damit fühle. Und so lange, wie das Team um mich herum das auch will. Es gibt nichts Schlimmeres, als Menschen, die nicht Abschied nehmen können. Das kann man in der Politik und auch in der Wirtschaft oft genug beobachten.

Schauen Sie bei so einem runden Geburtstag zurück? Oder haben Sie das mit Ihrem Buch „Mehr Haltung, bitte!“ genug getan?

Das beschäftigt mich in der Tat schon das ganze Jahr über. Ich habe jetzt 21 Jahre bei der Ufa und bei Bertelsmann verbracht und mich gefragt: Was hast du erreicht? Ich bin stolz auf viele Filme. Ich bin auch stolz auf Regisseure und Schauspieler, die ich entdeckt oder begleitet habe. Nehmen wir Namen wie Heino Ferch, Claudia Michelsen, Ben Becker, Volker Bruch oder Jonas Nay. Oder Regisseure wie Christian Schwochow und Philipp Kadelbach, die ihre ersten größeren Produktionen mit uns gedreht haben. Privat sieht die Bilanz ganz anders aus: Natürlich fehlt mir, dass ich keine Familie oder Partnerschaft habe, aber das Berufliche hätte ich wohl nicht erreicht ohne die Bereitschaft, Privates zu opfern. Das war der Preis.

Wie viele Produktionen gehen eigentlich auf Ihr Konto? Als Regisseur, als Produzent, als Ufa-Manager?

Das sind über 450, ein riesiges Portfolio. Da sind auch einige Produktionen dabei, die man so heute sicher nicht mehr drehen würde: etwa Titel in der Anfangsphase von teamWorx, die wir gemacht haben, um Geld zu verdienen. Und natürlich gibt es Filme, auf die ich besonders stolz bin, darunter „Unsere Mütter, unsere Väter“, eine Produktion, die meine ganze Familiengeschichte zusammenfasst. Ich bin außerdem enorm stolz auf „Bornholmer Straße“ und „Der Turm“, genauso auf „Deutschland 83“. Es ging uns um eine neue Herangehensweise, über deutsche Geschichte nachzudenken, sowohl erzählerisch als auch in der Bildsprache. Mich beschäftigt mehr denn je die Geschichte des Ostens. Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass die DDR-Geschichte noch lange nicht auserzählt ist, sie wird uns noch massiv beschäftigen, gerade politisch.

Wenn man das berühmte Rad der Zeit zurückdrehen würde, würden Sie irgendetwas anders machen?

Ich würde sicherlich bei vielen Entscheidungen mit mehr Gelassenheit reagieren. Das ist vielleicht die Weisheit des Alters. Ich bin geduldiger geworden. Zumindest teils. Früher war ich schrecklich durchlauferhitzt, eine Zeit lang auch wirklich getrieben. Wenn man eine Firma wie teamWorx gründet, steht man unter ungeheurem Druck. Aber 90 Prozent meiner Filme wurden auch immer von einer eigenen, politischen Haltung zu dem Thema bestimmt. Ich wollte mit diesen Produktionen etwas bewirken und gesellschaftliche Diskussionen anregen. Das habe ich sicherlich nicht vorrangig gemacht, um Geld zu verdienen.

Sie haben als Regisseur begonnen. Fehlt Ihnen das, nicht mehr selber zu inszenieren?

Nein. Ich habe als Produzent meine eigentliche Berufung gefunden und habe so viel Regietalente fördern dürfen, die ich besser fand als mich. Ich hätte heute wohl auch nicht mehr die Geduld, Regie zu führen. Aber ich gebe zu, ich habe gerade noch mal Blut geleckt beim 70. Tatort von Ulrike Folkerts, der sich an eine 28 Jahre alte Folge anlehnte: „Der Tod im Häcksler“, den ich damals mit Ulrike und Ben Becker gedreht habe. Ben war auch in der Jubiläumsfolge wieder dabei, mir wurde die Regie angeboten. Ich habe wirklich Wochen mit mir gerungen, ob ich das machen soll. Aber das wäre utopisch gewesen bei meinem täglichen Arbeitspensum als Ufa-Geschäftsführer. Ich wäre ein halbes Jahr ausgefallen.

Nach Ihrer Zeit als Regisseur waren Sie lange Produzent. Auch das ist vorbei. Vermissen Sie das?

Das vermisse ich wesentlich mehr. Das ist auch die Gretchenfrage, wie ich mich künftig aufstelle. Ich habe sehr viel delegiert, sehr viel Verantwortung an jüngere Kollegen abgegeben. Bei einigen ausgewählten Projekten bin ich noch als Produzent dabei und merke, wie groß die Lust am direkten Produzieren ist. Das UFA-Management macht sehr viel Spaß, aber künstlerisch gesehen, fehlt mir das Produzieren sehr.

Bereuen Sie den Schritt womöglich? Jetzt müssen Sie sich auch mit Unterhaltungsformaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Bauer sucht Frau“ beschäftigen.

Nein, den Schritt bereue ich in keiner Weise. Ich bin unheimlich unterhaltungsaffin, ich mag diese Formate sehr. Mich muss man dazu überhaupt nicht zwingen. Das Tolle an der Ufa ist, es gibt hier so viele unterschiedliche Bereiche, dass wir alles angehen können, was wir wollen. Die Ufa ist eigentlich das Abbild der Gesellschaft. Alle gesellschaftlichen Themen spiegeln sich auch im Ufa-Universum. Es ist für mich eine große Herausforderung, wie man gemeinsam mit allen Mitarbeitern eine Firma weiterentwickelt. Das sind demokratische Prozesse, die wir erst einmal lernen müssen. Ein Produzent ist nicht unbedingt demokratisch. Aber in der Geschäftsführung ist das eine wichtige Aufgabe, für jede einzelne Produktion auch. Produzieren hat mehr denn je mit Haltung zu tun.

Nebenbei lehren Sie auch noch an der Filmakademie in Ludwigsburg und leiten die Wormser Festspiele. Wie kriegt man das alles unter einen Hut?

Eigentlich nur mit Verzicht auf Privatleben. Ich bin rund um die Uhr bis zum Wochenende unterwegs. Und da fragt man sich schon mit 60, willst du so weiterleben? Aber die Filmakademie werde ich nicht aufgeben, die Zusammenarbeit mit den Studenten ist für mich eine unendliche Bereicherung. Bei Worms läuft der Vertrag 2022 aus, aber das produziere ich zusammen mit Thomas Laue, unserem Chefdramaturg, der da die treibende Kraft ist. Aber auch Worms ist und bleibt jedes Mal unglaublich spannend und bereichernd.

Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen?

Mit Sicherheit.

Bernd Eichinger, ein enger Freund von Ihnen, war ein ähnlicher Workaholic – und ist ganz plötzlich tot zusammengebrochen.

Damit beschäftige ich mich eigentlich permanent. Bernd war ja nicht der Einzige. Ich war auch mit Frank Schirrmacher befreundet, der nur 54 wurde. Und es gab weitere Wegbegleiter. Nach solchen Schicksalsschlägen gehst du achtsamer mit dir um. Und wenn man eine Serie wie „Charité“ produziert, ist der Unterton dabei der Umgang mit dem Leben und dem Tod. Man sieht ja auch an den Zuschauerzahlen, wie zentral dieses Thema ist.

Und wie beugt Nico Hofmann dem Stress vor, dem er permanent ausgesetzt ist?

Ich mache Pilates, drei Mal die Woche. Regina Ziegler hat mich darauf gebracht. Und dann muss ich aufs Wasser. Wann immer ich kann, bin ich auf meinem Boot. Das bringt mich unheimlich runter.

Sie haben sich der Erzählung der jüngeren deutschen Geschichte verschrieben. Manche Kritiker haben Ihnen allerdings auch eine „Geschichtsverwertungshegemonie“ vorgeworfen? Tut das weh oder lässt Sie das kalt?

In gewissen Bereichen mag das gestimmt haben. Ich habe eine bestimmte Melodram-Melodie auf eine Reihe von Filmen gelegt. Aber das machen wir schon seit über zehn Jahren nicht mehr. Die ganze Machart unserer Produktionen hat sich komplett verändert. Ich würde schon in Anspruch nehmen, dass unsere Filme heute eine ganz andere Wertigkeit und auch eine andere moralische Haltung entwickeln.

Zu Haltung haben Sie auch letztes Jahr in Ihrem Buch aufgerufen. Wie sehen Sie in dem Zusammenhang die jüngsten Wahlergebnisse? Die Gesellschaft ist zunehmend gespalten. Ist Haltung da nicht mehr gefragt?

Ich fürchte, die Wahlergebnisse sind genauso, wie ich sie im Buch prognostiziert habe – und ich war ja nicht der einzige. Ich beschäftige mich oft mit der Frage, warum viele Menschen aus dem Osten so verletzt sind und sich vom Westen abgehängt fühlen. Die Revolution ging ja von den Bürgern der DDR aus. Umso trauriger stimmt es mich, dass sich viele dort von der Demokratie abwenden. Die AfD mag sich eine demokratische Partei nennen, aber die Auftritte von Björn Höcke sind definitiv nicht demokratisch, auch nicht die von Herrn Kalbitz. Da werden permanent Grenzen überschritten. Diese Partei ist nicht diskutierbar, bevor sie sich nicht von einem solchen Gebaren sehr klar abgrenzt. Das finde ich in Zeiten wie diesen hochproblematisch.

Sie sind ein sehr politischer Mensch. Hätten Sie sich je vorstellen können, in die Politik zu gehen? Wäre auch das noch ein Weg, den Sie beschreiten könnten?

Ich könnte schon deshalb nie in die Politik gehen, weil ich den politischen Alltag in seiner Exponiertheit abgründig finde. Deshalb schauen die Leute ja auch täglich „Tagesschau“. Es gibt nur zwei große menschliche Dramenbereiche: der eine ist Fußball, der andere Politik. Das ist übrigens auch ein Grund, warum es so schwierig ist, über Fußball oder Politik Filme zu machen: weil du die Wirklichkeit selten überbieten kannst.