Interview

Friedrichstadt-Palast: „Immer Unterhaltung mit Politik“

Der Friedrichstadt-Palast in Berlin wird 100: Intendant Berndt Schmidt über Glanz und Krisen des Revue-Theaters.

Intendant und Geschäftsführer Berndt Schmidt im Foyer des Friedrichstadt-Palastes.

Intendant und Geschäftsführer Berndt Schmidt im Foyer des Friedrichstadt-Palastes.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. „Promidichte Null“, sagt Intendant Berndt Schmidt über die glanzvolle Jubiläumsaufführung der Revue „VIVID“ am 29. November. Der Friedrichstadt-Palast feiert sein 100. Bühnenjubiläum und hat dazu Gäste aus Polizei, Feuerwehr, Hilfseinrichtungen oder Krankenpflegediensten eingeladen. Sie würden Berlin zusammenhalten, meint Schmidt, und hätten es verdient, auch einmal eingeladen zu werden. Gefeiert wird eine Tradition, die 1919 mit Max Reinhardts Großem Schauspielhaus, einem Revue- und Lustspieltheater, begann.

Herr Schmidt, was ist Ihre Lieblingsgeschichte, wenn Sie jemandem privat von Ihrem Haus erzählen?

Berndt Schmidt Wir sind der letzte Mohikaner, the Last Man Standing, uns gibt es seit den 20er-Jahren. Das kann in Berlin kein anderes Unterhaltungstheater von sich behaupten. Alle anderen haben entweder Form und Inhalt gewechselt, waren früher ernst, heute unterhaltend oder umgekehrt. Das benachbarte Berliner Ensemble war ein Unterhaltungstheater, bis es Bert Brechts Theater wurde. Wir haben eine durchgehende Geschichte.

Friedrichstadt-Palast: Die DNA war Unterhaltung, aber nicht hirnlos

Gibt es in der DNA Ihres Revuetheaters etwas Typisches?

Wir waren schon immer Unterhaltung mit Politik. Manchmal war die Politik gut und manchmal nicht. Im Dritten Reich wurde versucht, hier Propagandarevuen zu machen. Was aber nicht funktionierte, und man ging zurück auf „Frau Luna“. Der Tod von Lenin wurde 1924 im Großen Schauspielhaus betrauert. Erwin Piscator machte in den 20er-Jahren Politrevuen, zwischendrin gab es immer die großen Revuen von Erik Charell wie „Im weißen Rössl“. Wenn es eine DNA gibt, dann war es Unterhaltung, aber nicht hirnlos. Kunst war immer politisch, und wenn Unterhaltung Kunst sein will, ist auch sie politisch.

Was waren die Glanzzeiten, was die Tiefpunkte seit der Eröffnung?

Kunst ist nur frei, wenn sie frei sein darf. Das war in den 100 Jahren nicht immer der Fall. In den ersten 13 Jahren der Weimarer Republik konnte sie frei sein und hat tolle Blüten hervorgebracht. Im Dritten Reich mussten die Spielpläne dem Reichspropagandaministerium vorgelegt werden.

Lesen Sie auch: Friedrichstadt-Palast - Eine wechselvolle Geschichte

Das Haus unterstand Goebbels?

Dem Reichspropagandaministerium und der Arbeiterorganisation „Kraft durch Freude“, kurz KdF. Wer dort Mitglied war, bekam verbilligte Karten. Es war das größte Propagandatheater in Deutschland, weil das alte Haus 3500 Sitzplätze hatte. Man hat auch versucht, KdF-Revuen zu machen. Die haben aber nicht funktioniert, weil die Leute nichts über die neue Herrenrasse als Bühnenshow haben wollten. Also wurde man wieder traditioneller. Am Haus lässt sich gut das Auf und Ab der Zeiten nachvollziehen. Auch in der DDR, einer Diktatur, die aber in ihrer Bösartigkeit nicht mit dem Dritten Reich vergleichbar ist, war keine künstlerische Freiheit zugelassen. Schon bei der Eröffnungsmoderation des neuen Hauses 1984 hat sich der Moderator O.F. Weidling den Mund verbrannt und bekam anschließend Berufsverbot. Revue war also schon immer nicht unpolitisch.

Sie sind 2007 als Intendant und Geschäftsführer geholt worden, um das Haus wieder aus der Verlustzone herauszuführen. Die 100 Jahre waren auch wirtschaftlich immer ein Auf und Ab?

Das stimmt, schon unter Max Reinhardt. Er war ein freier Theaterunternehmer, aber sein Theaterimperium war am Ende in große Schwierigkeiten geraten, weil klassisches Theater auch damals schon ohne staatliche Zuschüsse an die Grenzen kam.

Empfinden Sie es eigentlich als ungerecht, wenn die Theater rundherum in Mitte gut subventioniert sind und Sie als Revuetheater einen hohen Eigenanteil erwirtschaften müssen?

Man kann natürlich immer fragen, ob wir nicht mehr bekommen könnten, weil unser Ensemble nicht so gut bezahlt wird wie die in umliegenden Theatern und Opernhäusern. Wenn man uns wiederum mit freien Gruppen vergleicht, sind wir privilegiert. Andere Theater, die Unterhaltung machen, bekommen gar keine Förderung. Wir bekommen eine Zuwendung. In einer ganz gerechten Welt würden alle angemessen viel bekommen. Aber in Berlin ist das Geld nicht ohne Ende da. Ich will mich nicht beschweren.

Der Friedrichstadt-Palast zeigt gerade ein Theaterstück des künftigen Volksbühnenchefs René Pollesch. War Ihre Motivation dafür die Rückbesinnung auf die Anfänge? Zur Eröffnung am 29. November 1919 war „Die Orestie“ von Aischylos gezeigt worden. Oder sehen Sie gar eine Leerstelle im aktuellen Berliner Theaterangebot?

Ich lag auf meiner Couch und habe eine Whatsapp-Nachricht von Kultursenator Klaus Lederer bekommen. Das war im Mai 2017. Er sagte, er stehe gerade mit René Pollesch auf der Wiese vor der Volksbühne. Der hat gerade ein Theater verloren und hätte Lust, mal etwas am Palast zu machen. Ob ich mir das vorstellen kann? Ich habe zurückgeschrieben: Pollesch? Keine Ahnung, wie das gehen soll. Aber großartige Idee.

Was war Ihr Bild von dem Theatermacher?

Ich wusste, dass René Pollesch positives Theater macht. Er gehört nicht zu denen, die Böses und Niederträchtiges auf die Bühne bringen wollen. Ich wusste auch, dass Pollesch den Friedrichstadt-Palast mag, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn zu fragen. Ich habe ihm dann gesagt, er habe am Haus totale Kunstfreiheit. Du kannst das Haus auch dekonstruieren. Mach was Du willst. Das hat er dann auch zusammen mit Fabian Hinrichs getan.

Schweifen wir kurz ins Foyer ab, wo Lampen hängen, die DDR-Designer umfunktioniert hatten, weil sie ursprünglich für Kuh-Melkanlagen gedacht waren. Die DDR und ihre Produkte gibt es nicht mehr?

Im Jahresgebrauch gehen die Röhren kaum kaputt, beim regelmäßigen Reinigen zerbrechen immer einige. Aber wir haben alle Glasröhrenreserven der DDR aufgekauft und bei uns eingelagert.

Nach der Bundestagswahl 2017 gerieten Sie in die Schlagzeilen, weil Sie sich als Intendant mit Ihrem Haus öffentlich von der AfD distanzierten. Es gab heftige Diskussionen, ob öffentliche Kulturinstitutionen so etwas überhaupt dürfen. Was hat Sie an der Diskussion am meisten überrascht?

Ich war überrascht, dass mir die Leiter anderer Institutionen nicht selbstverständlich zur Seite gesprungen sind. Manche haben sich auch gefragt, ob man sich öffentlich so dezidiert vom Parteibild einer im Kern rechtsextremen Partei abgrenzen darf. Ich habe immer gedacht, wer, wenn nicht die Theater? Wir bekommen doch die Zuwendungen, um die Freiheit der Kunst zu gewährleisten und auf Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen. Ich definiere Theater als eine gesellschaftliche Speerspitze für Veränderungen, wie es etwa auch das Maxim Gorki Theater im Selbstverständnis ist. Es war damals seltsam, dass zuerst ein Unterhaltungstheater diese klare Abgrenzung getan hat.

Die Retourkutsche folgte direkt, die Berliner AfD forderte eine Zuschusssenkung für den Friedrichstadt-Palast. Das wurde abgeschmettert. Wie ist heute der Stand der Auseinandersetzung?

Damals gab es eine heftige Woche, in der mein Mail-Account überquoll. Es waren über 1000 Hassmails und darunter auch Morddrohungen. Ich habe jede Hassmail als Bestätigung gesehen. Anhänger einer bürgerlichen Partei wie der CDU oder FDP hätten kaum in einem solchen Ton reagiert. Von Anhängern bürgerlicher und demokratisch gesinnter Parteien hätten wir wohl auch keine Bombendrohung bekommen, bei der wir 1600 Leute aus dem Haus evakuieren mussten. Das passiert eben, wenn man sich mit extremen Parteien anlegt. Aber danach war es relativ ruhig.

Ihr Haus ist Vorreiter auch im Kampf gegen zunehmende Homophobie und zunehmenden Antisemitismus. Warum tut das gerade ein Revuetheater?

Unsere vier Gründer, Max Reinhardt, Erik Charell und das Architektenehepaar Hans und Marlene Poelzig, litten später auf die ein oder andere Weise unter dem NS-Regime. Reinhardt als Jude, Charell als Jude und Homosexueller, und die Bauten der Poelzigs galten als entartet. Es wäre ein Verrat an unseren Gründern und unserer Gründerin, wenn wir aus dieser Erfahrung heraus nicht immer wieder auf Fehlentwicklungen hinweisen. Wir machen keine Tagespolitik auf der Bühne, aber wir positionieren uns.

100 Jahre liegen hinter dem Theater. Was werden die nächsten zehn Jahre bringen, zeichnen sich Trends für die Revue ab?

Das ist Glaskugelleserei und alle, die es gemacht haben, blamieren sich irgendwann. Schon die zwei, drei Jahre, die wir nach vorne schauen müssen, um neue Revuen zu entwickeln, sind eine anstrengende Sache. Vielleicht kann man behaupten, dass zukünftig ein Teil des Bühnenbilds durch ein digitales Implantat im Kopf entstehen wird. Aber wer weiß schon, wann so etwas kommt.

Alle Informationen zum Friedrichstadt-Palast