Filmreihe „Hauptrolle Berlin“

„Comedian Harmonists“: Das Lied vom kleinen bisschen Glück

Im Zoo Palast wird noch einmal der Film „Comedian Harmonists“gezeigt. Und Hauptdarsteller Ben Becker erzählt von den Dreharbeiten.

Comedian Harmonists / Joseph Vilsmaier | Verwendung weltweit

Comedian Harmonists / Joseph Vilsmaier | Verwendung weltweit

Foto: Pa / picture alliance / united archives

Sie waren so etwas wie die erste deutsche Boy-Group. Die „Beatles“ der 20er-Jahre. Weil sie mit kunstvoll arrangierten A-Cappella-Songs, humoristischen Darbietungen, vor allem aber frech-frivolen Liedtexten ihren Mitmenschen in Zeiten größter Not ein wenig Zerstreuung vor den täglichen Sorgen und, wie es in einem ihrer größten Hits heißt, „ein kleines bisschen Glück“ bereiteten.

Die Comedian Harmonists repräsentierten den Zeitgeist, standen für ein Lebensgefühl, sie haben, wie man heute sagen würde, den Soundtrack der Weimarer Republik mitgeprägt. Bis die Nazis ihren Erfolg gewaltsam beendeten.

Und doch: Ihre Lieder wie „Veronika, der Lenz ist da“, „Wochenend’ und Sonnenschein“ und „Der kleine grüne Kaktus“ sind Evergreens und sie selbst eine Berliner Legende. 1997 hat Joseph Vilsmaier ihre Geschichte verfilmt. Und damit eine neue Harmonists-Welle ausgelöst.

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die „Berliner Morgenpost“ gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt, wird diese Erfolgsproduktion nun noch einmal, 22 Jahre nach ihrer Uraufführung in eben jenem Kino, gezeigt.

Die Nazis beendeten ihre Karriere abrupt

Es ist die klassische Dramaturgie von Künstlerbiografien, die in tiefem Elend beginnen und dann zum Erfolg führen. Mit dem Unterschied freilich, dass dieser Film gleich von sechs Künstlern handelt.

Die Zeiten sind lausig in Berlin. Auch für den verkrachten Schauspieler Harry Frommermann (Ulrich Noethen). Bis er auf die Idee kommt, einen humoristischen Männergesangsverein nach Vorbild der amerikanischen Revelers zu gründen. Und dafür am 18. Dezember 1927 eine Anzeige im „Berliner Lokal-Anzeiger“ aufgibt: „Achtung. Selten. Schön klingende Stimmen für einzig dastehendes Ensemble gesucht“.

Die Bewerber rennen ihm die Bude ein, alle genauso mittellos wie er, aber völlig talentfrei. Bis Robert Biberti (Ben Becker) sich mit Ellenbogen durch die Schlangen drängelt und Frommermann mit seinen Freunden bekannt macht.

Karriere-Aus aus rassistischen Gründen

Es ist die Geburtsstunde der Comedian Harmonists, die der überall grassierenden Arbeitslosigkeit und Verzweiflung heiter-musikalischen Seelentrost spenden – und damit selbst der Armut entkommen. Nur erkennen sie die Zeichen der Zeit, gegen die sie doch so frech ansingen, selber nicht. Bis drei der Sänger 1934 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen werden: weil sie Juden sind. Und die Nazis ihnen 1935 sämtliche Auftritte verbieten.

Vilsmaier hat immer wieder Filme über die Nazizeit gedreht: „Herbstmilch“, „Rama Dama“, „Stalingrad“ – Dramen über die schlimmsten Jahre der jüngeren Geschichte. „Comedian Harmonists“ war ein Abschluss – und zugleich ein Prolog dazu.

„Du musst diesen Film machen“

Lange hatte Vilsmaier damit gerungen ob er sich an diese Geschichte wagen sollte. Bis er Roman Cycoswki, dem damals letzten Überlebenden der Harmonists – er sollte nur ein Jahr nach Kinostart, mit 97 Jahren sterben – begegnete. Da wusste der Regisseur sofort: Du musst diesen Film unbedingt machen.

Vilsmaier suchte keine Sänger. Singen sollten, das war von Anfang an die Idee, die originalen Harmonists, die man doch mundtot hatte machen wollen. Das war eine, wenn auch digital leicht bearbeitete, Verbeugung vor dem legendären Vokalensemble.

Die Schauspieler sollten dazu nur synchron die Lippen bewegen. Dennoch mussten sie die komplizierten Arrangements akribisch einstudieren. Dafür engagierte der Regisseur lauter Darsteller, die gerade angesagt und schwer im Kommen waren: Ben Becker, Heino Ferch, Kai Wiesinger, Max Tidof, Heinrich Schafmeister, dazwischen aber als Kino-Novize Ulrich Noethen, der mit diesem Film seinen Durchbruch erleben sollte.

Diese Sechs ließ Vilsmaier (neben vielen weiteren Stars in Nebenrollen) mit all ihren Egos aufeinanderprallen. So dass sich bald ähnliche Spannungen und gruppendynamischen Prozesse entzündeten wie bei der Original-Formation. Wo die einen den Ton angeben wollten und die anderen die Harmonie wiederherstellen mussten. Für die Schauspieler war das alles andere als angenehm, dem Film aber brachte es den nötigen Kitzel.

Eine Szene, die man sich nicht ausdenken kann

Dabei konzentriert sich Vilsmaier vor allem auf die Konkurrenz zwischen Frommermann, dem Gründer und findigen Arrangeur, und Biberti, dem eiskalten Manager des swingenden Sextetts, die auch noch um dieselbe Frau (Meret Becker) buhlen. Der Film erlaubt sich dabei einige Freiheiten und Verdichtungen, die Geschichte von sechs Figuren wäre anders wohl auch kaum in einen Spielfilm zu pressen gewesen. Die gespenstischste Szene aber, in der ausgerechnet der fränkische Gauleiter Julius Streicher (Rolf Hoppe), unter den Nazis einer der schlimmsten Antisemiten, die Truppe einlädt und sich von ihnen ein deutsches Volkslied wünscht – die kann man sich nicht ausdenken, die ist verbürgt.

Den Stoff hatte Eberhard Fechner bereits 1976 in dem dokumentarischen TV-Zweiteiler Die „Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe“ aufgegriffen. Zum damaligen Zeitpunkt lebten noch vier der sechs Harmonists, die Fechner ihre Geschichte erzählten. Die Sänger haben sich nach der erzwungenen Trennung nie wieder gesehen. Zu tief waren die Wunden.

Auch eine Mahnung gegen neue rechte Strömungen

Denn in Wirklichkeit trennte sich nicht nur, wie im Film, der Pianist Erwin Bootz (Wiesinger) aus Angst vor den Nazis von seiner jüdischen Frau. Die „arischen“ Mitglieder verlangten von ihren jüdischen Kollegen sogar finanziellen Schadenersatz, weil sie wegen ihnen nur noch im Ausland auftreten durften. Die Truppe war also keineswegs nur Opfer des Nationalsozialismus, deren Rassismus wirkte durchaus mitten unter ihnen.

Vilsmaier macht aus der Truppe dagegen - trotz aller Konkurrenz und Konflikte – eine eingeschworene Einheit, die lange versucht, den Nazi-Sumpf zu ignorieren. Bis es zu spät ist. Das mag historisch nicht ganz korrekt sein, macht den Film über den zeithistorischen Rahmen hinaus aber allgemeingültig und auch wieder ganz aktuell: als Mahnung gegen die neue Formierung rechtsradikaler Strömungen. Wobei die frivolen, schmissigen Hits fast zu Widerstandsliedern werden für eine offene, tolerante, diverse Gesellschaft.

„Comedian Harmonists“, am 1. Weihnachtsfeiertag 1997 gestartet, wurde einer der großen Kinohits der Saison. Und löste eine neue Begeisterung für die „Comedian Harmonists“ aus. Die Aufnahmen der Originaltruppe waren in kürzester Zeit vergriffen, Plattenläden auf die Nachfrage nicht vorbereitet.

Der Film löste eine neue Harmonists-Welle aus

Die Komödie am Kurfürstendamm, die zeitgleich das Bühnenstück „Comedian Harmonists“ einstudiert hatte, befürchtete, wegen des Films werde keiner kommen.

Das Gegenteil war der Fall: Das Haus war stets ausverkauft. Und die Schauspieler, die eigentlich nur für das Stück gecastet waren, tingeln noch heute als „Berlin Comedian Harmonists“ durch die Lande – in Berlin wieder am 15. Dezember im Schiller Theater. Und auch bei der neuen „Berlin Berlin“-Revue, die am 19. Dezember Premiere im Admiralspalast feiert, dürfen Comedian Harmonists natürlich nicht fehlen. Eine Berlin-Legende, die noch immer populär ist.

Zoo Palast 3. Dezember, 20 Uhr, in Anwesenheit des Hauptdarstellers Ben Becker.