Neues Buch

McEwans Novelle „Die Kakerlake“: Von Küchenschaben gekapert

Kommentar zum Brexit: In Ian McEwans Novelle „Die Kakerlake“ verwandelt sich eine Schabe in einen britischen Politiker.

Der Schriftsteller Ian McEwan gilt als entschiedener Gegner des Brexit – diese Haltung hat er jetzt in einer Satire  verarbeitet.

Der Schriftsteller Ian McEwan gilt als entschiedener Gegner des Brexit – diese Haltung hat er jetzt in einer Satire verarbeitet.

Foto: Damien Grenon / picture alliance / Damien Grenon/Photo12

Als er in Downing Street Number 10 morgens neben seiner Kaffeetasse eine Schmeißfliege entdeckt, erfasst ihn großer Appetit. Auf die Fliege, den Kaffee (schwarz, ohne Zucker) mag er nicht. Kein Wunder, denn gestern war Jim Sams noch eine Kakerlake. Nach dem Aufwachen tastete seine Zunge, was für „ein glitschiger Fleischlappen“, noch erstaunt die „unermessliche Anzahl an Zähnen“ ab. Doch dann fügte er sich, zog angewidert den bereitgelegten Anzug an: „Seine Spezies war überaus stolz auf ihre schönen glänzenden Leiber und wäre nie auf die Idee gekommen, sie zu verhüllen.“ Nach den ersten vorsichtigen Schritten klappte es auch mit dem aufrechten Gang auf nur zwei Beinen.

Ian McEwan hat Franz Kafkas „Verwandlung“ umgekehrt. In seiner satirischen Novelle „Die Kakerlake“ wird nicht der Mensch zum Käfer, stattdessen entpuppt sich der Premierminister des vereinten Königreichs als Küchenschabe in menschlicher Gestalt.

Wohlstand für alle durch eine Umkehr des Geldflusses

Dies in einer Zeit großer Umbrüche. Die Briten sind gespalten: Eine zunehmend einflussreiche Gruppe von „Reversalisten“ (Rückdrehern) will nicht weniger als die Grundsätze von Politik und Wirtschaft auf den Kopf stellen: Für ihre eigene Arbeit, fordern sie, sollen die Briten künftig bezahlen, für ihren Konsum dagegen entlohnt werden. Ihre Kampagnen versprechen: beispiellosen Wohlstand für alle durch eine Umkehr des Geldflusses. Vollbeschäftigung. Alles wird besser. Und bereits 2015, von „nationalistischer Begeisterung befeuert“, hatte die Mehrheit der Bevölkerung beim Referendum tatsächlich für das Undenkbare gestimmt. Noch gestern galt der Premierminister als unentschlossener Taktiker zwischen den Fronten. Aber gestern steckte in ihm auch noch nicht das Wesen einer Kakerlake. Und er ist nicht der einzige, der eine Verwandlung erlebte.

Bei der Kabinettssitzung erkennt Jim Sams instinktiv, dass die Mehrheit der Minister ebenfalls seiner Spezies angehört. Sehr beruhigend, gemeinsam wird man die Sache in Angriff nehmen. Nur beim Außenminister scheint etwas schief gelaufen zu sein, bei der Kaperaktion der Kakerlaken. Aber den wird man schon noch los werden.

Übrigens handelt es sich genau genommen nicht um gemeine Küchenschaben, sondern Parlaments-Kakerlaken, die durch ihren eigentlichen Lebensraum in den Bodenritzen im Palace of Westminster bestens über die Abläufe in der Politik informiert sind.

Im Grunde erzählt Ian McEwan eine moderne Fabel, wenn auch wohl die erste, in der Kakerlaken eine tragende Rolle übernehmen. Das Wort Brexit taucht im ganzen Buch nicht einmal auf, auch der Name Boris Johnson nicht, aber natürlich ist klar, worum und um wen es geht.

Ian McEwan, ein entschiedener Gegner des Brexit, wollte seine „Sicht der Dinge“ zumindest darstellen: „Eine Satire schien mir dazu der richtige Weg. Mehr oder weniger treffen hier Gelächter und Verzweiflung aufeinander.“ Und so lässt er seine Reversalisten gegen die antreten, die weiterhin dem Uhrzeigersinn folgen wollen. Sprich: Brexiteers gegen Remainer.

Eine große Herausforderung im Projekt der Reversalisten schließlich bildet der internationale Handel: Werden die europäischen Partner mitspielen - künftig ihren Exportgütern noch Geld hinterherschicken? Wohl kaum. Es sei denn, man könnte sie überzeugen, selbst bei der großen Umkehr mitzumachen. Und wenn die nicht mitspielen, wenigstens den Präsidenten der Vereinigten Staaten für die Idee gewinnen: Archie Tupper.

Auch Präsident Archie Tupper lässt sich ködern

Den nicht zu unterschätzenden Tupper an Bord zu holen, verlangt „allerdings verlockende Anreize“, sofort bringt Jim Sams geeignete Ideen zu Papier: ein Bankett mit Ihrer Majestät, goldene Kutsche, Lakaien, Fanfaren oder gar die Schenkung des Hyde Park als privater Golfplatz? Aber Tuppers eigene Golfplätze waren wahrscheinlich viel größer. Also doch besser: „Hosenbandorden plus Victoria-Kreuz plus Bath-Orden“?

Tatsächlich lässt sich Präsident Archie Tupper ködern - allerdings mit schnöden Wachstumsversprechungen seines ohnehin riesigen Vermögens durch den Reversalismus. Am Telefon erkundigt der sich nach den Fortschritten im „Revengelismus-Projekt“ der Briten. Jim Sams: „Läuft bestens.“ Und Archie Tupper stimmt ein: „Die Dinge ein bisschen aufmischen finde ich immer gut. Der EU so richtig auf die Nerven gehen.“

Ein Gespräch unter Staatsführern, ganz nach des Premiers Geschmack. Sollte etwa auch der Präsident der USA... Jim Sams fühlt sich ermutigt zur großen Frage: „Ein letztes noch, Mr. President. Darf ich Sie was Persönliches fragen? Okay. Sind Sie... Haben Sie früher mal ... Sechs Beine gehabt?“ Schlagartig ist die Leitung tot.

Bleibt ein Besuch bei der Kanzlerin in Berlin. Die hat eigentlich nur zwei Fragen an den Premier: „Warum zerreißen Sie ihr Land? Warum behelligen Sie Ihre besten Freunde und führen sich auf, als wären wir Ihre Feinde?“ - „Weil, ja weil...“, viel mehr fällt der Kakerlake einfach nicht ein. Neue Erkenntnisse über den Brexit liefert McEwans Satire naturgemäß nicht. Der schmale Band bietet aber pures Lesevergnügen.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Diogenes, 144 Seiten, 19 Euro.