Filmausstellung

„Brandspuren“: Leerstellen, die Geschichte erzählen

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Peter Zander
Restaurierte Filmplakate und Dokumente zu der Geschichte:  Besucher sehen sich die Ausstellung "Brandspuren. Filmplakate aus dem Salzstock" an.

Restaurierte Filmplakate und Dokumente zu der Geschichte: Besucher sehen sich die Ausstellung "Brandspuren. Filmplakate aus dem Salzstock" an.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Erst ausgelagert, dann verrottet, nun wieder aufbereitet: Die Deutsche Kinemathek zeigt „Brandspuren – Filmplakate aus dem Salzstock“.

Jeder kennt das. Poster, die man mal an der Wand hängen hatte und dann weggepackt hat. Findet man sie Jahre später wieder, haben sie Brüche oder gar Risse. Aber noch wesentlich lädierter sehen die Filmplakate aus, die jetzt in der Deutschen Kinemathek zu sehen sind.

Es sind historische Plakate, teils von Filmen, die verschollen sind und von deren Existenz man sonst gar nichts mehr wüsste – das allein macht sie unendlich wertvoll. Aber sie haben regelrechte Brandspuren. Waren in Fetzen gerissen.

Eine Lektion zum Schutz von Kulturgütern im Krieg

Und wurden dann in mühevoller Kleinarbeit wie ein Puzzle wieder zusammengefügt und aufwändig restauriert Nun erstrahlen sie in altem Glanz und in leuchtenden Farben. Die Leerstellen und Makulaturen aber sind nicht ausgebessert worden. Im Gegenteil: Um sie geht es. Sie sind das eigentliche Thema.

„Brandspuren – Filmplakate aus dem Salzstock“ heißt die neue Sonderausstellung, die von heute an in der Deutschen Kinemathek zu sehen ist. Doch der Titel ist eigentlich Tiefstapelei. Die Plakate sind nur das direkte Anschauungsmaterial. Eigentlich wird damit viel mehr erzählt: die Geschichte des Reichsfilmarchivs, das von den Nazis gegründet wurde. Und das Ende dieser Schätze in einem Salzstock, wo sie seit Jahrzehnten tief unter der Erde verrotten.

Verlagerung in bombensichere Bunker

Als das Reichsarchiv 1934 gegründet und ein Jahr später in Dahlem eröffnet wurde, sollten dort Filme gesammelt werden, „die aus irgendwelchen Gründen ein besonderes Interesse erwecken“.

Das ist eigentlich ein löbliches Unternehmen. Die Bedeutung des noch jungen Mediums Film wurde damals auch in anderen Ländern erkannt, überall begann man, Filmschätze zu sammeln und zu archivieren. Die Reichsfilmkammer, die dies in Nazi-Deutschland verantwortete, war gleichwohl ein wirkungsvolles Instrument zur „Gleichschaltung“ und Ausgrenzung in der Filmbranche.

Hier wurden auch internationale Filme gesammelt, die dem Weltbild der Nazis durchaus nicht entsprachen und Otto Normalkinobesucher deshalb vorenthalten wurden. Während höhere Nationalsozialisten sie sich durchaus in Privatvorstellungen anschauten. Die dafür eingerichteten Archivlager in und um Berlin wurden dabei allerdings bald zu klein, denn die Bestände wuchsen rasch an. Auch deshalb, weil die Nazis in den ersten Kriegsjahren zahlreiche Filme aus den besetzten Ländern mitnahmen.

Als im Sommer 1943 die Luftangriffe der Alliierten auf Berlin immer heftiger wurden, begann man allerdings, Kulturgüter zu schützen und aus den Museen und Archiven heraus hektisch in bombensichere Bergwerke und Bunker westlich von Berlin zu verlagern. Große Teile des Reichsfilmarchivs wanderten so in das Steinsalzbergwerk Grasleben, 30 Kilometer von Braunschweig entfernt.

War wirklich eine Lampe schuld am Brand?

Dort wurden etwa Negative von Wochenschauen eingelagert oder Akten der Filmprüfstelle Berlin. Filme, die im Babelsberger Gelände verwahrt wurden, wurden 1945 von sowjetischen Militärs beschlagnahmt. In das Salzlager von Grasleben drangen dagegen im April 1945 Amerikaner ein.

Es bleibt bis heute unklar, was sie alles mitgenommen haben. Wahrscheinlich wurde ein Großteil des Materials abtransportiert, weil die Wochenschauen als wertvolle Beweise für die bald anstehenden Kriegsverbrecherprozesse dienen sollten. Aber dann brach im Juni 1945 ein Feuer aus.

Soll es wirklich eine umgekippte Grubenlampe gewesen sein, die den Brand auslöste? Ausgerechnet in einem Salzstock, wo wertvolle Kulturgüter vor den Kriegsfolgen geschützt werden sollten? Oder hatten amerikanische Agenten das Feuer absichtlich gelegt, um ihre Spuren zu verwischen? Das wird sich wohl nicht mehr klären lassen.

Die Geschichte wird hier selbst filmreif, bekommt hier fast einen abenteuerlichen Indiana-Jones-Touch. In den Salzstock, der bis heute in Betrieb ist und Speise- wie Streusalz liefert, durften 1986 erstmals Vertreter der Stiftung Deutsche Kinemathek 430 Meter unter Tage einfahren. Sie brachten ziemlich ramponiertes Material mit, angekokeltes Schriftgut, brüchige Plakate und Fotos, die miteinander verklebts sind.

Alle Plakate sind auch digital zu sehen

Was alles aufwändig restauriert wurde und nun den Grundstock der Ausstellung bildet. Alle restaurierte Plakate sind in der Digital-Sammlung des Hauses online zu sehen, 24 davon hängen in den Sälen im vierten Stock des Filmhauses.

Schauwerte haben auch Überreste, die auf weiteren Einfahrten 2017 und 2019 gehoben wurden und nun in einer „Schuttvitrine“ zu sehen sind. Anhand eines Plakats wird exemplarisch dessen Restauration veranschaulicht. Allerhand Fotos und Dokumente erzählen die Geschichte des Reichskammerarchivs – und die der Verlegung in die Salzgrube.

Und ein Kurzfilm fährt dann auch hinab in das Bergwerk. Und gibt einen anschaulichen Einblick von dem einstigen Lager, den Folgen des Brandes – und den möglichen Schätzen, die da noch immer in tieferen Schichten schlummern könnten.

Deutsche Kinemathek / Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2, Mitte. Tel.: 3009030. Mi-Mo 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 31. Mai 2020.