Deutsches Theater

Hekabe: Barfuß durch die brennende Stadt

Stephan Kimmig verknüpft am Deutschen Theater Texte von Homer und Euripides: „Hekabe – Im Herzen der Finsternis“.

Ein Abend der gesprochenen Worte: Linn Reusse, Almut Zilcher und Katharina Matz (v.l.).

Ein Abend der gesprochenen Worte: Linn Reusse, Almut Zilcher und Katharina Matz (v.l.).

Foto: ARNO DECLAIR

Der Krieg ist aus, Troja liegt in Schutt und Asche, ein blutgetränktes Trümmerfeld. Übrig geblieben sind die Frauen. Sie haben ihre Männer, Brüder, Söhne im zehn Jahre währenden Krieg verloren, doch Odysseus und seinen siegreichen Griechen genügt der Triumph der gewonnen Schlacht nicht und auch nicht der Schmerz dieser Frauen. Die letzte Kriegsbeute der Sieger sind die Frauen selbst, die sie versklaven, erniedrigen, vergewaltigen, unter sich aufteilen. In aller Brutalität beschrieben hat das Euripides, der mit seinen beiden Tragödien „Die Troerinnen“ und „Hekabe“ einen auf die weiblichen Kriegsopfer fokussierten Gegenentwurf zu Homers Heldenepen über Odysseus und Achilleus präsentierte.

Aus den Texten beider Autoren hat Regisseur Stephan Kimmig gemeinsam mit dem Dramaturgen John von Düffel fürs Deutsche Theater einen Abend mit dem Titel „Hekabe – Im Herzen der Finsternis“ komponiert. Sein Untertitel lautet: „Ein Konzert“. Vier Notenpulte stehen auf der Bühne, mit aufgeschlagenen, dunklen Mappen. Rechts davon ein Tischchen mit allerlei Klangwerkzeugen für den Musiker. Die zu drei Seiten aufragenden, in zeitloser Holztextur getäfelten Wände vermitteln den Charme eines intimen Konzertsaales. Die Playlist des Abends umfasst zehn Titel. Sie heißen zum Beispiel „Götter“, „Mütter“ oder „Herrscher“.

Auch der letzte Sohn wird schließlich umgebracht

Ein Intro gibt es auch. In dem wird Hekabe eingeführt und vorgestellt, die einstige Königin von Troja und jetzige Königin der Klage, die barfuß durch ihre in Flammen stehende Stadt läuft. Ihre Geschichte steht im Zentrum des Abends, wird allerdings nicht chronologisch erzählt, stattdessen leuchten immer wieder einzelne Sequenzen aus dem Hekabe-Mythos auf, wie ihr der Krieg und seine Mörder fast alle ihrer angeblich 50 Kinder nahmen, wie sie zur Sklavin von Odysseus wurde, wie schließlich auch ihr letzter Sohn Polydor noch umgebracht wird und sie sich noch einmal aufbäumt, um dafür Rache zu nehmen. Zur antiken Gesellschaft, die an diesem Abend vorstellig wird, gehören neben Hekabe noch viele weitere: Kassandra und Polyxena (Hekabes Töchter), Andromache (Hekabes Schwiegertochter), der griechische Heerführer Agamemnon, Athene und mehr.

Eine solide Vorkenntnis dieses komplexen Kosmos schadet definitiv nicht. Ohnehin fordert der Abend ein sehr genaues Zuhören, denn das ist sein Prinzip: Er setzt voll aufs gesprochene Wort, hier wird ganz bewusst keine einzige Figur entwickelt, kein Konflikt im Dialog ausgetragen, keine Innenschau betrieben, keine Bebilderung gereicht. Nichts soll von den Worten ablenken. Mit Worten werden aus Tätern Helden gemacht, mit Worten kann man sich die Hoheit über die Geschichtsschreibung aber auch zurückerobern wie es die Frauen hier versuchen. Der Text wird gesprochen, nicht gespielt. Meist frontal nach vorne ins Publikum. Es ist ein extrem artifizielles und komplett entdramatisiertes Setting, das Kimmig hier ganz gezielt aufbaut. Nur die Lichtregie setzt ab und an ein paar dramatische Akzente. Und die dräuend-minimalistischen Klänge, die Michael Verhovec an seinem elektronisch verstärkten Klangtisch produziert.

Drei Frauen aus drei Generationen

Die vier, die neben ihm auf dem Spielfläche stehen, verlassen den Platz hinter ihrem jeweiligen Notenpult nur selten, dabei brauchen sie den Text, der darauf aufgeschlagen liegt, kaum, sie sprechen meistens frei. Neben Paul Grill – als einzigem männlichen Schauspieler – sind das drei Frauen aus drei unterschiedlichen Generationen, die fast 90-jährige Katharina Matz, die Mittsechzigerin Almut Zilcher und die 27-jährige Linn Reusse. Das ist insofern relevant, weil sie als reine Sprecherinnen der ganzen unterschiedlichen und im Laufe des Abends immer wieder neu verteilten Rollen, doch deutlich mehr auch sie selbst bleiben als es bei einer gespielten Figur der Fall wäre. Sehr deutlich wird das zum Beispiel in der Szene, in der Katharina Matz einmal auf Knien und Händen am Boden hockt und sich gar nicht mehr einkriegt in ihrem bitteren Lachen der alten abgeklärten Frau bei der Vorstellung, dass Odysseus mit ihr, Hekabe, sich die Frau nimmt, „die keiner wollte.“ Bei einer jungen Frau hätte das ein komplett anderes Bild abgegeben.

Als Konzept ist das alles durchaus konsequent durchdacht und beeindruckend klar durchkomponiert, die Kehrseite allerdings ist, dass uns der Regisseur die Figuren durch die offensive Künstlichkeit der Spielsituation maximal vom Leib hält. Am Anfang funktioniert das noch ganz gut, vielleicht nicht gerade als Konzert, aber doch als puristisches Hörspiel mit Musik über eine zeitlose Gewaltspirale, bei der Hass stets Hass nach sich zieht. Doch immer dort, wo es dramatischer, auch individueller wird und ganz besonders am Schluss, wenn Hekabe doch noch ihren Durchbruch als selbstbestimmte Rächerin hat, fehlt dieser abstrakten, distanzierten Text-Musik-Installation das Theater dann doch sehr.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Mitte. Kartentelefon: 28 44 12 25. Nächste Termine:
28. November, 4. und 7. Dezember.