Theaterkritik

Ginsberg in der Volksbühne: Melancholisch statt wütend

Ein Gedicht machte Furore in der Hippie-Zeit. Doch von der Wucht, die „Howl“ hatte, ist in der Volksbühne nichts spürbar.

"Howl" in der Volksbühne. V.l.n.r.: Theo Trebs, Yuka Yanagihara, Hendrik Arnst, Paul Brody.

"Howl" in der Volksbühne. V.l.n.r.: Theo Trebs, Yuka Yanagihara, Hendrik Arnst, Paul Brody.

Foto: David Baltzer

Ein Gedicht wie ein Aufschrei: Wütend, fiebrig, roh, getränkt mit dem Schmerz einer ganzen Generation. Das ist die Tonlage in „Howl“, dem berühmtesten Text von Allen Ginsberg, diesem ikonischen Gedicht der Beat-Generation. Übrig geblieben ist davon in David Martons musikalisch-theatraler Annäherung an der Volksbühne leider sehr wenig. Marton inszeniert keinen rebellischen Befreiungsschlag, kein politisches Protestgeheul gegen die Prüderie der McCarthy-Ära, sondern ein verspielt melancholisches Sittenbild einer Generation.

Auf der Drehbühne tummeln sich zwischen einem Betonrohbau, ein paar Backsteinhaufen und einem türkisfarbenen Springbrunnen lauter vertraute Typen aus dem Ginsberg-Kosmos. Ein schwules Pärchen, ein fescher Matrose, ein offenbar drogenberauschter Maniac, elegante Frauen, Hippies und ein miesepetriger alter Sheriff. Ein grauschwarzes Bergmassiv gibt es auch noch, das dunkle Schatten an die Wand wirft und im Innern eine karge Kammer birgt mit schmalem Eisenbett. Es ist die Zelle einer psychiatrischen Anstalt.

Ginsberg hatte das Gedicht seinem Schriftstellerkollegen Carl Salomon gewidmet, den er in der Psychiatrie kennenlernte. Auch Ginsbergs Mutter war psychisch krank.

Vom Werk selbst bekommt man kaum etwas zu hören

All das verschwimmt hier zu Andeutungen, zu aneinander gereihten winzigen Schlaglichtern, die zwar fast alle irgendeinen Bezug zum Original-Text haben, ihn jedoch nie wirklich aufnehmen. Direkt zitiert wird er ohnehin kaum, drei kleinere gesprochene Passagen gibt es an diesem anderthalbstündigen Abend. Und die wirken bezeichnenderweise eher wie Fremdkörper. Wie aubfh Silvia Riegers nuschelig gebrüllte Anklage an den Moloch Stadt mitsamt seiner seelenlosen, zerstörerischen Hässlichkeit.

Alles andere an diesem Abend ist Musik. Mit Pauken und Trompeten und mehreren Klavieren. David Marton, der schon als Theatermusiker für Christoph Marthaler arbeitete, hat die Aufführung akribisch durchkomponiert. Allerdings ganz anders als vielleicht zu erwarten gewesen wäre.

Nicht etwa Patti Smith oder Bob Dylan, die zum Ginsberg Dunstkreis gehören, erklingen hier, sondern Barockes. Erhabenes und Sakrales von Johann Sebastian Bach, aufgejazzt mit wunderschönen Trompeten-Sequenzen. Überhaupt nötigt die musikalische Komponente des Abends Respekt ab. Wie sie sich gegenseitig an den diversen Klavieren zuspielen, rhythmisch antreiben, dazu den Gesang an- und abschwellen lassen, das ist durchaus betörend.

Doch das hilft nicht. Von der politischen, gesellschaftskritischen und flirrenden Wucht von „Howl“ ist diese Inszenierung bedauerlicherweise meilenweit entfernt.

Volksbühne, Linienstr. 227, Mitte. Kartentel.: 24 065 777. Nächste Termine: 23.11., 8.12., 22.12.