Fernsehjubiläum:

Das Sandmännchen wird 60: Kult bei Klein und Groß

Einst war es eine Kultfigur des Ostens, längst ist es ein gesamtdeutsches Phänomen: Jetzt wird das Sandmännchen 60 Jahre alt.

Ein tägliches Fernsehritual: Abends kommt das Sandmännchen mit einer Gute-Nacht-Geschichte. picture-alliance/ dpa

Ein tägliches Fernsehritual: Abends kommt das Sandmännchen mit einer Gute-Nacht-Geschichte. picture-alliance/ dpa

Foto: picture-alliance/ dpa

Schon die Musik allein ist Kult. Wenn die ersten Takte von „Sandmann, lieber Sandmann...“ erklingen, dann singen oder summen zumindest ganze Generationen von Menschenkindern automatisch mit: „… es ist noch nicht so weit“.

Dann kommt dieses Männlein mit den Knopfaugen, dem roten Zipfelmützchen und dem weißen Spitzbärtchen angefahren. Und auch das ist Kult. Denn der Fuhrpark, über den dieses Kerlchen verfügt, ist immens, von historischen Kutschen und Rollern über den unvermeidlichen Trabant bis hin zu futuristischen Raumkapseln.

Ein Produkt des Kalten Krieges

Dann packt das Sandmännchen seinen Sack voller Geschichten aus, und jeder Zuschauer hat seine eigenen Lieblingsfiguren, seien es Pittiplatsch und Schnatterinchen, Flax und Krümel oder Herr Fuchs und Frau Elster. Und am ­Ende ist der Sandsack dran. Dann wird der Schlafsand ausgestreut. Das ist der Moment, wo alle Kinder ganz fest die Augen zudrücken. Weil sie natürlich alle noch nicht schlafen gehen wollen. Ein ganz übler Trick dieses Sandmännleins: Denn damit ist der erste Schritt, die Augen zuzudrücken, ja schon getan.

„Unser Sandmännchen“ ist Kult. Und wird am heutigen Freitag, kaum zu glauben, 60 Jahre alt. Am 22. November 1959 flimmerte die erste Folge in die ostdeutschen Fernsehstuben. „Um 18.55 Uhr kommt unser Sandmännchen“, kündigte damals die TV-Ansagerin Käthe Zille die neue Sendung an, „und wird den kleinen Zuschauern gute Nacht sagen.“

Aus Konkurrenzdruck in nur zwei Wochen entstanden

Und seither gibt es, eine der wenigen Konstanten in unseren unruhigen Zeiten, täglich für zehn Minuten diese moderne televisu­elle Form der Gute-Nacht-Geschichte. Dabei sah dieses Sandmännchen, das da jetzt seinen Runden feiert, eigentlich immer schon aus wie ein 60-Jähriger. Hat sich aber als solcher gut gehalten, wurde immer nur ein wenig zeitgemäß angepasst. Und wird von Millionen Zuschauern geliebt. Auch wenn die längst dem Kinderbettchen entwachsen sind.

Dass der „Abendgruß“ zur Fernseh-Dauerwurst werden sollte, war anfangs allerdings alles andere als absehbar. „Unser Sandmännchen“ war ja eigentlich ein Schnellschuss. Der Fernsehfunk der DDR hatte nämlich spitzbekommen, dass der SFB in West-Berlin ein Sandmännchen plante.

Und schlimmer noch: Konzipiert wurde diese Sendung von Ilse Obrig, die den Sandmann 1956 im Rundfunk der DDR eingeführt hat, dann aber in den Westen der Stadt und zum SFB „rübergemacht“ hatte. Bevor ihr West-Männchen seinen Schlafsack auspacken konnte, wollte man im Osten beweisen, wie verschlafen der Westen war. Und kreierte, trotz der aufwendigen Stop-Motion-Tricktechnik, in kürzester Zeit einen eigenen Sandmann.

Der Osten hatte die Nase vorn

Für die Puppe hatte der Bühnen- und Kostümbildner Gerhard Behrendt gerade mal zwei Wochen Zeit, Komponist Wolfgang Richter musste sein Lied sogar über Nacht komponieren. Das Sandmann-Lied sollte erst nur eine Notlösung sein, Experten hielten es für zu kompliziert. Stattdessen wurde es ein Ohrwurm. Sandmann-Ost gegen Sandmann-West: Der Kalte Krieg manifes­tierte sich also nicht nur im Wettrennen um die Eroberung des Alls, sondern auch um die Gunst der Kinderherzen. Und da hatte die DDR tatsächlich die Nase vorn. Das West-„Sandmännchen“ mit seinen Kulleraugen und dem Rundbart („Nun liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab euch etwas mitgebracht“) ging erst neun Tage später, am 1. Dezember auf Sendung.

Der Sandmann durfte nicht Ballon fliegen

Von Anfang an spielte beim Ost-Sandmännchen aber auch die Politik in die entrückte Fantasiewelt hinein. Nicht nur, dass sein Ziegenbärtchen nicht wenige an SED-Chef Walter Ulbricht erinnerte. Die Reisen des Sandmanns führten zwar in ferne Welten, aber meist in andere sozialistische Länder. Und auch mal, wenn auch selten, in Pionierferienlager, zur Nationalen Volksarmee oder gar zu Grenztruppen an Oder und Neiße.

Starb ein hoher Staatsfunktionär, wurde im DDR-Fernsehen statt des Sandmännchens Trauermusik gesendet. Und eine Folge wurde von der SED sogar verboten: Da schwebte der Sandmann mit einem Heißluftballon ein. Erst zwei Tage zuvor allerdings waren zwei Familien mit genau solch einem Gefährt von Thüringen nach Bayern geflohen.

Proteststurm gegen das Sandmann-Aus

Natürlich haben die kleinen Zuschauer die politischen Bezüge nicht verstanden. Und die größeren haben darüber themengerecht die Augen verschlossen. Aber während man sonst in der DDR lieber heimlich West-Fernsehen guckte, gab man abends, kurz vor sieben, dem eigenen Sandmann gegenüber dem fast gleichzeitig laufenden West-Kollegen klar den Vorzug.

Der West-Sandmann wurde übrigens noch vor dem Mauerfall, im März 1989, eingestellt, also nicht mal 30 Jahre alt. Dem Ost-Kollegen drohte nach dem Ende der DDR und damit des DDR-Fernsehfunks dasselbe Schicksal. Aber da gab es eine ungeahnt breite Protestwelle, die belegte, welch identitätsstiftende Kraft dieses Kerlchen entwickelt hatte. Rudolf Mühlfenzl, damaliger Rundfunkbeauftragter der neuen Länder, verpflichtete sich persönlich, dass der Sandmann erhalten blieb.

Nun innerhalb der ARD, erst im ORB und nach dessen Fusion mit dem SFB beim RBB. Neben dem Ampelmännchen ist das Sandmännchen eine der wenigen positiv besetzten DDR-Marken und Beispiele vom gelungenen Fortbestehen nach der Wiedervereinigung. Auch wenn das Sandmännchen nun nicht mehr zu Völkern der Welt, sondern in Fantasie- und Tierwelten reist.

Ein bisschen Medienkritik muss freilich sein. Natürlich war das Sandmännchen, egal ob im Osten oder im Westen, auch eine perfide frühe Gewöhnung und Anbindung künftiger Zuschauer ans junge Medium. Und Eltern setzten ihre Kinder nur zu gern vor den Fernseher, um sie mal für ein paar Minuten still zu kriegen. Und sich womöglich auch vor dem Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten zu drücken.

Zum Jubiläum eine große Ausstellung in Potsdam

Aber heute werden kleine Kinder den ganzen Tag vor irgendwelche Bildschirme geparkt und ihre Fantasie kaum noch angeregt, sondern durch die Dauerberieselung eigentlich im Keim erstickt.

Da ist das im Prinzip recht altmodische, wenn nicht gar anachronistische Sandmännchen mit seinen nur zehnminütigen Filmchen fast schon ein Bollwerk gesunden, weil kurzen TV-Konsums. Vielleicht genießt diese Figur deswegen auch heute noch solche Popula­rität. Nicht nur beim direkten Zielpub­likum, sondern auch bei den Älteren, die damit aufgewachsen sind.

Eine lange Fernsehnacht im MDR

Zum 60. Geburtstag wird das Sandmännchen nun mit zahllosen Events gefeiert. Im Filmmuseum Potsdam ist noch bis 30. Dezember die große Ausstellung „Mit dem Sandmann auf Zeitreise“ zu sehen. Eigens für das Jubiläum wurden vom RBB 13 neue Pittiplatsch-Folgen entwickelt, die ersten seit 1991.

Außerdem feiert der Sender das Jubiläum am heutigen Abend mit der Sondersendung „60 Jahre süße Träume“. Und der MDR startet am Sonnabend ab Mitternacht in eine lange Sandmännchen-Nacht. Obwohl das dessen eigentlicher Mission ja grundlegend zuwiderläuft. Denn noch immer gilt: Sandmännchen gucken – und ab ins Bett.