Porträt

Hanna Plaß: „Ich habe ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit“

Hanna Plaß spielt die Schneekönigin in der Tischlerei der Deutschen Oper. Ein Treffen mit der Schauspielerin

Die Berliner Schauspielerin Hanna Plaß spielt die Schneekönigin in der Tischlerei der Deutschen Oper.

Die Berliner Schauspielerin Hanna Plaß spielt die Schneekönigin in der Tischlerei der Deutschen Oper.

Foto: Thomas Aurin

Es beginnt die Zeit, in der viele Kinder ihre Eltern an die Hand nehmen und ins Theater gehen. An der Deutschen Oper startet am Freitag der Kinder-Blockbuster „Die Schneekönigin“ nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, bis Jahresende sind in der Tischlerei 33 Aufführungen des Musiktheaters von Samuel Penderbayne angesetzt. Was ein Kraftakt für jeden Darsteller ist. „Ich habe so etwas noch nie gemacht“, sagt Hanna Plaß. „Es ist witzig, weil man im Probenprozess immer auf die Premiere hinarbeitet – und danach erst einmal loslässt. In diesem Fall arbeiten wir auf 33 Vorstellungen hin, am Tag nach der Premiere spielen wir gleich eine Doppelvorstellung.“

Die seit zwei Jahren in Berlin lebende Schauspielerin und Sängerin, vom Typ her die nette Studentin aus der WG von nebenan, ist erstmals im Opernhaus unterwegs. Und hat in der Inszenierung von Brigitte Dethier reichlich zu tun. „Ich spiele drei Figuren: die Schneekönigin, die Räuberkönigin und die Blumenkönigin“, sagt Hanna Plaß: „Die sind sehr unterschiedlich, haben aber alle das Thema Einsamkeit und Abhängigkeit.“ Kaum hat sie den Satz gesagt, muss sie darüber lachen. „Das klingt sehr depressiv“, sagt sie fast entschuldigend, aber in der Kinderoper gehe es um Gerda, die ihren Freund Kay an die Schneekönigin verloren habe.

Im Stück macht Gerda sich also auf die Suche nach ihm. Kay und Gerda werden bei dieser Suche erwachsen. „Am Ende des Märchens sind beide reifer und älter geworden“, sagt die Darstellerin. Also ein Stück über die Pubertät? „Viele interpretieren das Märchen so“, bestätigt sie. Demnach ist Hanna Plaß als Schneekönigin die Verführerin. Das weist sie mit Blick auf ihr Publikum zurück. „Wir machen das Stück für Kinder ab acht Jahren. In einer Probe ganz zu Beginn mussten wir es erarbeiten, alles Verführerische heraus zu lassen. Das wäre eine Erwachsenen-Sicht. In diese Ecke darf es aber nicht rutschen. Es wird auch im Märchen so nicht erzählt.“

Plaß wurde in London geboren

Die 30-Jährige, die in London geboren wurde, hat selbst keine Kinder, glaubt sich aber bestens in ihre Zuschauer einfühlen zu können. „Ich habe viele kleine Geschwister und eine große Familie. Deswegen habe ich immer für Kinder Blödsinn gemacht. Das ist auch mein Humor, ich mache gerne Quatsch.“ Aufgewachsen ist sie im Fichtelgebirge in Oberfranken: „Mein Vater hatte sich als Architekt selbstständig gemacht und hatte das Gefühl, er muss mit den Leuten kommunizieren können.“

Ihre Mutter stammt aus Nordfriesland. Es erklärt, warum Hanna Plaß in ihrer Schauspieler-Biografie unter Sprachkenntnissen neben Englisch auch „Friesisch fließend“ angibt. Bislang gab es offenbar beruflich keine großen Nachfragen. Studiert hat sie in der Otto-Falckenberg-Schule in München, wo sie bereits beim ersten Versuch angenommen wurde. „Es ist eine harte Zeit, weil man sich super viel mit sich selbst beschäftigen muss.“ Auf der Schauspielschule lerne man auch zu akzeptieren, sagt sie, dass es keine absolute Wahrheit gäbe. „Und dass das Theater ein Prozess der Kommunikation ist.“

Neben dem Theater hat sie eine zweite Leidenschaft, die Musik. Unter dem Pseudonym Ginger Redcliff war sie als Sängerin und Keyboarderin unterwegs. „Ich lebe in beiden Welten, und beide sind mir sehr wichtig. Ich gehe sonst ein wie eine Primel.“ Inzwischen benutzt sie das Pseudonym nicht mehr. „Das Theater hat dann irgendwann übernommen. Die Booking-Zeiträume für Konzerte sind anders als die Spielplanungen von einem Theater. Das schließt sich gegenseitig meist aus.“ Aber sie habe im Theater viel musiziert.

Die Schauspielerin hat gerade fürs Fernsehen gedreht

Inzwischen wird der ein oder andere sie aus dem Fernsehen und auch Kino kennen. Sie hat auch gerade eine Drehphase hinter sich. „Ich hatte für ein Jahr gesagt, ich nehme im Theater nichts an und konnte dadurch fürs Fernsehen mehr machen. Es waren zwei Krimis fürs ZDF. Und das war auch super schön.“ Daneben hat sie die Sat1-Comedyserie „Think Big“ abgedreht. „Ich spiele Nicole Pütz aus Köln-Chorweiler, die ein Nagelstudio mit ihrer besten Freundin eröffnen will. Aber sie bekommt keinen Kredit von der Bank und beschließt deshalb, ihr Abi zu faken und BWL zu studieren.“ Nicole Pütz werde Geschichte schreiben, fügt sie noch fröhlich hinzu. Womit alles gesagt ist.

Einige Jahre lang gehörte Hanna Plaß zum Ensemble des Stuttgarter Staatstheaters, als Schauspielerin hat sie mit Regisseuren wie Armin Petras, Sebastian Baumgarten, Frank Castorf, Calixto Bieto oder Stephan Kimmig gearbeitet. „Die sind mir alle gleich nah“, sagt sie. Und dann kommt ein Aber. „In den letzten fünf Jahren hat sich wahnsinnig viel entwickelt, was die Anforderungen ans Theater betrifft. Auf der Bühne müssen etwa Queer-Fragen diskutiert werden. Oder wie wollen wir mit der Spaltung der Gesellschaft umgehen? Viele dieser Regisseure sind in einer Zeit groß geworden, als patriarchale Verhältnisse am Theater gar nicht in Frage gestellt wurden.“

Die Schauspielerin glaubt, dass es noch ein bisschen dauern wird, bis sich alle am Theater wieder etwas wohler fühlen. „Im Moment ist es ein arger Kampf, bis die Frauen gleichberechtigt zugelassen werden.“ Über die Frage, ob sie sich als politisch verstehe, denkt sie einen Moment länger nach. „Ich habe ein großes Bedürfnis nach Gerechtigkeit“, sagt sie: „Und nach Respekt untereinander. Ich fordere das ein.“