Konzertkritik

Jazz-Ikone Abdullah Ibrahim verzaubert in der Philharmonie

Pianist Abdullah Ibrahim zeigt bei einem Soloabend in der Philharmonie sein ganzes Können. Ein einziges großes Jazz-Lullabye.

Pianist Abdullah Ibrahim, gerade 85 Jahre alt geworden, am Flügel (Archivbild von 2017).

Pianist Abdullah Ibrahim, gerade 85 Jahre alt geworden, am Flügel (Archivbild von 2017).

Foto: Jose Ignacio Unanue / picture alliance / NurPhoto

Berlin. Auf Samtpfoten bewegt sich der Zweimetermann mit grauem Kraushaar und schwarzen Lackschuhen durch sein Programm. Der Pianist Abdullah Ibrahim, vielen unter seinem früheren Künstlernamen Dollar Brand bekannt, ist eine Ikone des globalen Jazz, gerade 85 Jahre alt geworden. Am Dienstagabend hatte das Publikum im großen Saal der Philharmonie eine der inzwischen seltenen Gelegenheiten, ihn mit einem Soloabend zu erleben.

Impulsivität, Eile gar, sind die Sache des betagten Musikers nicht. Ein einziges großes Jazz-Lullabye offeriert er stattdessen, zwei nicht enden wollende Improvisationen, je eine vor und nach der Pause. Mit weichem Anschlag zaubert er seinen Zuhörern ein Strahlen aufs Gesicht.

Wenn die linke Hand nicht gerade in rhythmische Basspattern à la Thelonius Monk abdriftet, liefert sie einen wohlgesetzten Akkordteppich, Voicings und Kontrapunkte für die frei mäandernde Rechte. Die ergeht sich nicht in Skalengeschrubbe oder Freejazzkanonaden. Mitunter eilt Ibrahim zwar einige Tonleitern hinauf, lässt seine Finger mit perlenden Läufen über die Tastatur hinabhuschen. Doch die Grundatmosphäre seines Spiels ist von erhabener Ruhe getragen, ein Ton für Ton erspürendes Voranschreiten.

Abdullah Ibrahim in der Philharmonie: Vergleich mit Keith Jarrett liegt nahe

Jedem Rezensenten wird bei dieser Performance irgendwie der Vergleich mit Keith Jarrett in den Sinn kommen. Er taugt, um einem breiten Publikum eine ungefähre Vorstellung zu geben. Und taugt doch nicht, weil Ibrahim eben nicht Jarrett ist. Er ist musikalisch ganz anders sozialisiert. 1934 in Kapstadt als Adolph Johannes Brand geboren, war er früh einem fruchtbaren Mix an Musikstilen ausgesetzt, von traditionellen afrikanischen Liedern bis zu „Township Jive“ und Klassik.

Aus Protest gegen das Apartheidsystem seiner südafrikanischen Heimat verbrachte Ibrahim Jahrzehnte in Europa und den USA, arbeitete in New York unter anderem kurzzeitig mit Duke Ellington. Er schrieb mit „Mannenberg“ eine Antiapartheidhymne und kehrte, nachdem er zum Islam konvertiert war, als Abdullah Ibrahim in seine Heimat zurück.

Tief verwurzelt in seinem Stil sind familiäre Traditionen. Seine Großmutter war Pianistin in einer lokalen African Methodist Episcopalian Church und seine Mutter leitete den Chor.

Pianist Abdullah Ibrahim: Zum Abschluss singt er einen Folksong

Gospels und Spirituals scheinen in seinen Improvisationen ständig auf. Regelmäßig sucht Ibrahim Ruhe und Strukturierung in hoffnungsvollen, verheißungsvollen Durakkorden. Mit einem solchen reinen Durakkord endet denn auch das Konzert, man fühlt sich an Bach erinnert. Oft findet Ibrahim über typische Gospelharmonik den Weg zu Themen und Melodien seiner Kompositionen, die er in den Improvisationsfluss hinein webt, Titel wie „The Mountain“, „Star Dance“ oder „Sotho Blue“.

Über minimale Schnitzer oder Ungenauigkeiten ist Ibrahim in seinem Alter erhaben. Da ihm ein riesiges stilistisches Repertoire zur Verfügung steht, kann er harmonisch so aus dem Vollen schöpfen, dass vielen die Augen feucht werden.

Die stehenden Ovationen sind das Mindeste, was dieser Mann verdient hat und er bedankt sich dafür sogar mit einer ganz besonderen Zugabe - er singt mit brüchiger Stimme einen Folksong.