Theater

Ersan Mondtag zeigt das Leben in der Welt der Trolle

Leben in der Welt der Trolle: Der Regisseur inszeniert Sibylle Bergs Text als apokalyptische Farce – das macht großen Spaß

Figuren mit Schweineohren: Ist der Hass die neue Leidenschaft?

Figuren mit Schweineohren: Ist der Hass die neue Leidenschaft?

Foto: Judith Buss Fotografie

Hoppla, da hocken im Parkett lässig verstreut ein paar Totengerippe auf den Sitzen. Huch, kleiner Schreck: klar, die sind aus Plastik. Trotzdem ein bisschen unheimlich und – ja, schon: ernst. Aber auch komisch. Lachhaft will man nicht sagen, schon gar nicht lustig. Doch irritierend ist der Gag allemal, den der fantastisch verspielte, dabei klar denkende Regisseur Ersan Mondtag seiner Inszenierung von Sibylle Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ voranstellt.

Ein Scherz, der den für sieben Figuren monologisch strukturierten Dreiteiler gleich vorab auf den Punkt bringt: Es geht um nichts weniger als ums Leben. Also ums Überleben mit seinen tausend Ängsten vorm Abstürzen, vorm elend und unglücklich und von allem besonders von sich selbst entfremdet sein. Sowie keinen Sinn zu finden außer der einzigen Gewissheit: eben dem Tod.

„Für mich war das Leben, wie der Sex nie war“

Davon ist, sämtliche Daseinsbereiche streifend, die Rede (Sex, Liebe, Arbeit, Familie, Freizeit, Wohnen etc.). Und zwar in gallig ätzendem Sarkasmus, gelegentlich auch mit verbitterter Melancholie. – „Für mich war das Leben, wie der Sex nie war: hart und gefährlich. Manchmal denke ich, die Welt gibt es nur, um mich zu vergessen. Wann hört das auf, dass einem die Augen tränen vor Traurigkeit? Wann ist das Leben endlich um?“

Schon schlimm, alles. Voller Weltschmerz und todernst. Doch die ob ihrer cool unkorrekten, also präzis und tief ins Schwarze treffenden Weltsicht verehrte Autorin, preisgekrönt und gefeiert als böse Hexe des alltäglichen Grauens mit hinterrücks gutem Hang zur mehr oder weniger fein versteckten Trotzallem-Menschenliebe, unsere Sibylle Berg glasiert ihr „Altarbild des Lebens“ raffiniert mit schlagendem Witz und sardonischem Gelächter; dazu reichlich Liedgesang auf entfernt Brechtsche Art; Kompositionen: Breni Bachtel.

Content für die Wasserwerke

Teil eins spielt sonntags. Da haben sie genug Zeit, die schwer aus ihrer Bahn an den Rand des Abgrunds geworfenen Leute unterschiedlichster Art, behaust in einer von Nina Peller gebauten allerwestweltlich ruinösen Pappkulissen-Stadt, über ihr dummes ödes Dasein zu referieren: etwa ein schwuler Ex-Kindergärtner mit ausgestopftem Kater als Gefährten, eine Kunstwissenschaftlerin und Teilzeitalkoholikerin, ein Mann in den besten Jahren, der tagtäglich „Content für die Wasserwerke“ produziert, eine überforderte Mutter mit regelmäßig kotzendem Kind sowie diverse Jugendliche auf routinierter Gewalt-Tour…

Klingt nach Unterschichten-Bashing. Alsbald aber kapieren wir: Das einst bildungsbürgerliche Personal entspricht uns, dem Mittelwert des lust- und hilflos suchenden „homo europaeicus“. Wir, der weggebrochene Mittelstand, die stumme Mehrheit ist gemeint, die da im Gorki gemütlich grinsend sitzt zwischen den Gerippen und sich schwer tut mit dem Nachweis eines nützlichen Mitglieds der Gesellschaft.

Gebete um Knarren

Teil zwei erzählt aus der neoliberalen, schönen, digitalen Arbeitswelt, in der nur noch Maschinen kommunizieren und viele von den alltäglichen Demütigungen und Evaluierungen Darmkrebs kriegen. „Klar, wir haben die Freiheit, mehr Geld zu fordern – eigentlich.“ Trotzdem: „Der Mensch soll beschäftigt werden, bevor er denkt, was er eigentlich soll auf Erden.“

Doch dazu ist es längst zu spät, erfahren wir im dritten Teil der apokalyptischen Farce. Deren „total uninteressantes“ Personal (was es wiederum so interessant macht) besteht nämlich nicht aus „echten“ Menschen. Sondern, gewiefter Schachzug und passend zum Grotesken: Es sind Trolle mit angeklebt spitzen Schweineohren, super trollig: Johannes Meier, Bruno Cathomas, Jonas Gründer-Culemann, Abak Tafreshian, Cigdem Teke.

Glitzercreme und Discokugel

Und dieser „Haufen Fleisch, der leben will“, kommt nach allem zu dem fatalen Schluss: Die Zumutungen des feindlichen Lebens machten wütend; nur im Hass, der „neuen Leidenschaft“, spüre sich der geschundene Wutbürger und finde zurück zum Profil. Und so beten sie zu Gott um Knarren für die ersehnte Befreiung durch Orgien der Gewalt. „In der Mittagspause mal schnell einen abknallen.“ Totsein aber macht auch nicht froh.

Dass es trotzdem allerhand Spaß gibt, verdankt die Show – und das ist ihr Clou! dem Entertainer Benny Claessens: Eine pralle Rampensau als aashafter Krisentherapeut und Gegenhasser, der erst engelsgleich ganz in weiß, dann bis aufs Höschen nackt mit Glitzercreme wie eine Discokugel den entnervten Schweineohren-Chor dirigiert. – Grelle Kapitalismuskritik zum Totlachen? Ja! Doch der ewige Ernst der Lage und des Lebens sitzt zwar stumm, doch beredt unter uns.

Gorki, Am Festungsgraben 2, Mitte. Nächste Vorstellungen: 23.11., 19.30 Uhr; 1.12., 18 Uhr; 6.12., 19.30 Uhr.