Berliner Gemäldegalerie

Die Wiederauferstehung eines Bildes

In der Werkstatt der Gemäldegalerie wird Bastianinos Altarbild „Lebendes Kreuz von Ferrara“ restauriert. Ein Besuch.

Maria Zilke, ausführende Restauratorin, erklärt in der Werkstatt der Gemäldegalerie die Arbeiten zum Altarbild „Lebendes Kreuz von Ferrara“ von Sebastiano Filippi.

Maria Zilke, ausführende Restauratorin, erklärt in der Werkstatt der Gemäldegalerie die Arbeiten zum Altarbild „Lebendes Kreuz von Ferrara“ von Sebastiano Filippi.

Foto: Carsten Koall / dpa

Berlin. Dass es schon bei seiner Entstehung ein teures Gemälde war, erkennt man am blauen Himmel. „Ja, es wurde Lapis verwendet“, sagt Restauratorin Maria Zielke. Lapislazuli ist der Grundstoff für das begehrte Ultramarinblau des Himmels. Viel Ultramarin bedeutet, dass das Bild viel Geld gekostet hat, dass die Auftraggeber eine hochwertige Ausführung wünschten. Und keine billige Kopie.

Sebastiano Lippi wurde Bastianino genannt, er lebte zwischen 1528 und 1602. Fast 100 Jahre galt sein „Lebendes Kreuz aus Ferrara“ als verschollen. Noch heute wird es im Online-Katalog der wissenschaftlichen Sammlung der HU, denn ihr gehört das Bild, als anonyme „Kopie nach Garofalo“ geführt. Verschollen war es also nicht, nur falsch gelistet und wohl für zweitrangig befunden.

Von dem Bild gibt es drei Varianten

Auf den ersten, flüchtigen Blick wirkt es ja auch wie eine Kopie der „Allegorie auf das Neue und das Alte Testament“, das der Landsmann von Bastianino, Garofalo (1481-1559), gleich zweimal gemalt hat: einmal als Fresko für ein Refektorium – es hängt in der Pinakothek von Ferrara –, dann in Öl als Altarbild, das heute in der Eremitage in St. Petersburg zu sehen ist.

Nach 50 Jahren im Depot wurde es 2008 für eine große Garofalo-Schau in Ferrara wiederentdeckt. Bastianinos Berliner Holztafel ist demnach Variante drei. Alle drei Werke wurden für drei verschiedene Klöster in Ferrara geschaffen. Und alle sind in Aufbau und Bildmotiv sehr ähnlich, aber keinesfalls gleich. Besonders der lebhafte Skizzenstil Bastianinos steht für ein eigenständiges Werk, das eher eine Nähe zu Tizian aufweist als wie bei Garofalo zu Raffael.

Aus den Balken des Kreuzes wachsen Arme

In der Mitte das Kreuz Jesu, oben der Gott-Vater mit Engeln im himmlischen Jerusalem, unten die Hölle. Auf der einen Seite die Allegorie auf die neue Kirche als schöne Frau, umrahmt von den Symboltieren der Evangelisten, eine Krone senkt sich auf ihren Kopf. Auf der anderen Seite die alte Kirche auf einem Esel, die Krone abgefallen, das Zepter zerbrochen, der Tempel in Trümmern.

Was zunächst irritiert, sind die menschlichen Arme, die aus den Balken des Kreuzes wachsen, als würde das Holz leben und aktiv ins Geschehen eingreifen. Denn die Hände halten Schlüssel, Fäden, eine Lanze und ein Kreuz. Sie schließen den Himmel und die Hölle auf, setzen der neuen Kirche eine Krone auf und stoßen der alten eine Lanze ins Herz.

Bildmotiv stammt aus dem 17. Jahrhundert

Garofalo hat das lebende Kreuz nicht erfunden, das Bildmotiv ist selten, hat aber eine gewisse Tradition seit dem Spätmittelalter und verschwand nach dem 17. Jahrhundert. Den Oberen der Klöster in Ferrara muss das Motiv gefallen haben.

Und auch Direktor Ferdinand Piper vom Christlichen Museum der Friedrich Wilhelm-Universität, dem ersten seiner Art, wird sich 1912 über die Schenkung aus der Sammlung des Hamburger Konsuls Eduard Friedrich Weber gefreut haben. Kopie oder Original, das war für ihn zweitrangig. Die Sammlung war nach theologischen und nicht nach künstlerischen Kriterien angelegt.

Piper interessierte sich für das Dargestellte. Gerade hatte er die Gipskopie eines frühchristlichen Sarkophags aus dem Vatikan aufgestellt und feierlich eingeweiht. Bastianinos Bild bot viel Stoff für theologische Gelehrsamkeit und Bildbetrachtung. Allein schon der Verlauf des Blutfadens aus Christus Wunde, der sich in der Hand der neuen Kirche verzweigt und in die Sakramente mündet.

Frage nach Kopie oder Original stellt sich nicht

Die Frage nach Kopie oder Original stellt sich heutigen Restauratoren so nicht. Sie sehen eine knapp drei Meter hohe Pappelholztafel aus dem 16. Jahrhundert. Das Holz ist geschrumpft, Risse und Farbschäden haben sich gebildet. Sie fragen sich eher: Was ist nun von Bastianino, was sind spätere Retuschen?

Die Größe des Bildes allein ist schon eine Herausforderung. Die Schäden gehen auf die kriegsbedingte Lagerung in der Teilruine des Berliner Doms zurück. Pipers Museum steht nicht mehr, fast alle Objekte wurden im Krieg zerstört. Die Universität hat das Bild an die Gemäldegalerie der Staatlichen Museen dauerhaft verliehen.

Kosten belaufen sich auf rund 60.000 Euro

In ihren Werkstätten wurde es untersucht, verleimt, gekittet und von vergilbten Firnissen befreit. Ein paar Wochen wird es noch dauern, bis die letzten weißen Kittstreifen komplett retuschiert sind.

Die Kosten werden von der Ernst-von-Siemens-Stiftung im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“ getragen. Sie entsprechen einem Brösel von einem Gerhard-Richter Bild (ca. 60.000 Euro), sagt der Generalsekretär der Stiftung, Martin Hoernes.

Es wird auf jeden Fall spannend zu sehen sein, wie Kurator Roberto Contini das „Lebende Kreuz“ in einer Sonderpräsentation in einen größeren Zusammenhang stellen wird, um das Bild zwischen den Kunstzentren Ferrara und Venedig besser einordnen zu können. Die Schau mit Deutschlands einzigem Bastianino ist für den kommenden Sommer geplant.