Wilhelm und Alexander

So war das Verhältnis der Brüder Humboldt zu Berlin

Wilhelm und Alexander von Humboldt hatten ein ambivalentes Verhältnis zu Berlin – und kehrten doch immer wieder zurück.

Alexander von Humboldt im Studierzimmer an der Oranienburger Straße. Farblithographie, 1856. |

Alexander von Humboldt im Studierzimmer an der Oranienburger Straße. Farblithographie, 1856. |

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Berlin. Drei Straßen, ein Park, die größte Universität, das größte Schloss, Schulen, ein Friedhof, ein Hafen, eine Akademie, was heißt nicht noch alles in Berlin nach Alexander oder Wilhelm oder gleich beiden Brüdern Humboldt, die vor rund 200 Jahren das Geistesleben von Jung und Alt in der Stadt maßgeblich belebten.

Und sie durch ihre Anwesenheit schmückten – oder auch gerade mal nicht: „Macht nur, dass ich niemals nötig habe, die Türme Berlins wiederzusehen“, schrieb der eine, Alexander, an den anderen, Wilhelm, aus dem fernen Amerika. Es fehlte also noch, dass man in Berlin auch einen Turm nach ihm benennen würde. Das wäre des Guten dann doch zu viel.

Insbesondere Alexander, geboren 1769 in Berlin nahe dem heutigen Gendarmenmarkt, hatte die meiste Zeit seines Lebens ein gespaltenes Verhältnis zur Stadt. Kaum flügge geworden, mit 18 Jahren, verbrachte er von den nächsten 18 Jahren, zwischen 1787 und 1805, gerade einmal elf Monate in der preußischen Metropole.

Und davon einen geraumen Anteil in Wahrheit draußen in Tegel, das ja noch längst nicht in Berlin lag, auf dem Familiensitz. Fünf Jahre davon war er auf Amerikareise. Bis etwa 1830, bevor er sich auf Geheiß des Königs dann doch in Berlin niederließ und dort bis zu seinem Tod 1859 blieb, änderte sich an Alexanders Abwesenheit wenig.

Die Humboldts hielten Distanz zum Königshaus

Hinter der häufigen Berlin-Abstinenz beider Brüder, die heute so präsent in Berlin sind, steckte – in unterschiedlichem Ausmaß – auch eine Distanz zum Königshaus der preußischen Monarchie. Nicht persönlich, eher „systembedingt“: Die Hohenzollern waren für sie der Inbegriff der patriarchalen Herrschaft des Hochadels, die ihren Absolutismus noch nicht abgeschüttelt hatte, auch wenn sie seit Friedrich dem Großen als aufgeklärt galt.

Gleichzeitig allerdings hatten sie von Kindesbeinen an bis zum Tod ein inniges Verhältnis zur königlichen Dynastie. Ihr Vater, der preußische Major Alexander Georg von Humboldt, war wegen seiner Verdienste im Siebenjährigen Krieg zum Kammerherrn der Kronprinzessin ernannt worden. 1769, im Geburtsjahr von Sohn Alexander, konnte er sich als Frühpensionär bei vollen Bezügen zur Ruhe setzen, weil die Ehe des Kronprinzen geschieden worden war. Der wurde Patenonkel von Alexander, und 1786, beim Tod Friedrich des Großen, als Friedrich Wilhelm II. dann König von Preußen.

Die beiden Brüder wurden zu Hause privat unterrichtet, unter anderem von Joachim Heinrich Campe, der ihnen nicht nur den bildungsbürgerlichen Kanon beibrachte, angefangen von der Antike und ihren Geistesgrößen, sondern auch von dem gerade aus dem Pazifik heimgekehrten James Cook und der exotischen Welt vorschwärmte. In der unterschiedlichen Rezeption dessen, was ihnen der gute Herr Campe (Vorfahr der späteren Verleger-Dynastie) beibrachte, ist vieles von dem angelegt, was sie im weiteren Leben trennte – und vereinte. Und was ihr jeweiliges Verhältnis zu Berlin hervorbrachte.

Alexander von Humboldt packte das Fernweh

Bei Alexander schlugen besonders die Erzählungen von anderen Erdteilen an, fortan bezeichnete er, voller Fernweh, die hochherrschaftliche Heimstatt in Tegel als „Schloss Langeweil“, erzählte jedem, er sei „für die Tropen geboren“ und träumte von der Südsee, vom irdischen Paradies dort.

Wilhelm dagegen war eher empfänglich für das Elysium in den Köpfen der alten Griechen und was diese literarisch daraus gemacht hatten, wie auch überhaupt für deren Mythologie und Philosophie. Beide entwickelten denkbar unterschiedliche Naturelle. Der Ältere schrieb über den jüngeren, er sei „geltungssüchtig“ und müsse „immer im Mittelpunkt stehen“. Der Jüngere hielt den Älteren schlicht für langweilig.

Als erst der Vater 1779 und dann die Mutter – die als reiche Witwe eine überaus stattliche Mitgift in die Ehe eingebracht hatte – im Jahr 1796 gestorben waren, erbten Wilhelm und Alexander ein Vermögen. Die Vereinbarung über die Aufteilung war richtungsweisend für ihr weiteres Leben. Wilhelm, 1767 geboren, bekam Gut und Schloss Tegel, Alexander das ganze Geld: 38.000 Taler sowie laufende Zahlungen aus Außenständen der Mutter.

Alexander schied sofort aus dem Staatsdienst als Bergbauingenieur aus und begann sich auf seine ausgedehnte Südamerikareise mit Abstecher zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vorzubereiten. Planung, Durchführung (1799–1804) und die anschließende, Jahrzehnte andauernde Nachbereitung konnte er sich komplett aus dem Erbe leisten. Er war unabhängig, in jeder Hinsicht.

Wilhelm von Humboldt spürte den Geist der Revolution in Paris

Wilhelm brach auch aus, ließ sich in Paris den revolutionären Wind um die Ohren wehen, ohne dass der ihn besonders mitriss, unternahm von dort mit seiner jungen Familie Reisen nach Spanien, um die dortigen regionalen Sprachen zu studieren. Er schloss auf Reisen in Deutschland Freundschaft zu Goethe und Schiller, war anschließend stolz und froh, seinem Landesvater als Gesandter am Heiligen Stuhl dienen zu können. Auch ihm war Berlin zu eng, das Königshaus zu altbacken, aber er arrangierte sich. Er fühlte sich zu den Klassikern hingezogen, und dann gab es ja auch noch Tegel, sein „Schloss Langeweil“.

Auch Alexander schloss Kontakt zu Goethe, suchte auch den zu Schiller, doch der war schon weniger von ihm angetan, fühlte sich eher genervt von Wilhelms kleinem Bruder. Weit größere Bedeutung für Alexander hatte Cooks Reisebegleiter, Georg Forster, und dessen revolutionäre, antimonarchistische Gesinnung. Mit Georg zog er noch vor seiner großen Südamerikafahrt im Kleinen durch die Welt, nach Belgien, nach London – und nach Paris, unmittelbar nach der Revolution, die Alexander begeisterte, ihn in seiner republikanischen Gesinnung stützte. Forster wurde von ihr verzehrt, starb daran. Alexander hielt die nötige Distanz, knüpfte gleichwohl eine starke Beziehungen zu Paris und dessen kulturellem wie wissenschaftlichem Aufbruch.

Alexander blieb auch nach seiner Rückkehr aus Amerika selbstständig. Auch wenn er das Angebot Friedrich Wilhelms III., „Kammerherr“ des Königs und bezahltes Mitglied der Wissenschaftsakademie zu werden, annahm. Ganz aus der preußischen Räson wollte er sich eben doch nicht verabschieden, auch nicht aus seiner Verbundenheit mit dem Hause Hohenzollern, von dem er das immense Jahreseinkommen von 2500 Talern gerne nahm. Natürlich war er auch gebauchpinselt vom Beweggrund des Königs. Der wollte sich mit dem weltgewandten Star schmücken, die Berliner Gesellschaften, Salons, Events durch ihn veredeln. Ihn auch als ein Zugpferd für andere Forscher nutzen, um sie in die aufstrebende Wissenschaftsmetropole zu locken.

Alexander von Humboldt schloss Freundschaft mit Simón Bolívar

Dennoch nahm Alexander sich die Freiheit, die weit überwiegende Zeit in Paris zu leben. Dort freundete er sich mit dem späteren südamerikanischen Freiheitshelden Simón Bolívar an, erzählte ihm auch von seinen Gesprächen als wochenlanger Gast im Wohnhaus des US-Präsidenten in Washington, bei denen er Jefferson Vorhaltungen wegen der Sklaverei in den USA gemacht hatte.

Noch lukrativere Angebote schlug der Freigeist Alexander aus, etwa in Berlin das Kultusministerium zu übernehmen oder in Paris die Botschaft Preußens. Besonders letzteres wäre unmöglich gewesen, ohne seinen großen, republikanisch gesinnten Freundeskreis an der Seine zu verprellen. 1827 dann beorderte der König seinen Kammerherrn doch zurück nach Berlin, verdoppelte sein Gehalt – und gestattete ihm weiterhin, vier Monate pro Jahr in Paris zu verbringen.

Auch Wilhelm war ein Freund der Hohenzollern und Kritiker ihres Herrschaftssystems. Auch ihn zog es ins revolutionäre Paris, noch vor dem Bruder, wo er sich gut vernetzte, auch er wollte zunächst raus aus Berlin. So war er froh, als preußischer Gesandter beim Vatikan angestellt zu sein, sich aber in seinem Palast nahe der Spanischen Treppe vor allem als Hausherr eines römischen Treffpunktes für die politischen und geistigen Größen Europas zu betätigen.

Später, nach seiner kurzen Versetzung in die Londoner Botschaft zurück in Berlin, war er – anders als sein Bruder – bemüht, den Status quo in Preußen, vor allem in seiner Hauptstadt, von innen heraus zu reformieren. Als Gründer der Universität (sein größter Erfolg), als Bildungspolitiker, als Reformer, der den kurzzeitig wehenden frischen Wind nach der napoleonischen Zeit in den Jahren von Stein und Hardenberg ausnutzen wollte. Der König hielt ihn in der zweiten Reihe, ein Ministeramt erhielt er erst sehr spät und dann auch nur das für ständische Angelegenheiten.

Verheiratet mit Berlin waren sie beide nicht, beide waren sie Kosmopoliten. In der für sie provinzielleren preußischen Hauptstadt waren sie quasi die Botschafter, die Vertreter der weiten Welt, die sie so oft besucht hatten. Der eine, Alexander, brauchte dafür mehr weite Welt, der andere, Wilhelm, mehr Berlin.

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