Konzert in Columbiahalle

Lizzo in Berlin: 90 Minuten schönste Gemeinsamkeits-Utopie

Lizzo schickt sich an, Superstar zu werden. In der Berliner Columbiahalle bricht sie mit Konventionen. Es könnte alles so einfach sein.

Lizzo auf der Bühne- (Archivbild)

Lizzo auf der Bühne- (Archivbild)

Foto: Martin Harris / picture alliance / Captital Pictures

Berlin. Der Himmel möge ihr helfen, beteuert sie zum Auftakt: Wenn die Liebe noch lebt, dann muss sie sterben, denn die Liebe bringt sie um, donnert die 31-Jährige in die Columbiahalle. Was hier in diesem Moment, in den ersten Sekunden des Konzerts geschieht, das kann sie nicht meinen. Denn die Liebe, die ihr in Berlin entgegenschlägt, ist mächtig. Die sakrale Präsentation tut ihr übrigens.

Lizzo ist der Superstar der Stunde. Seit Jahren im Geschäft, markierte das Jahr 2019 ihren Durchbruch. Die erste Nummer eins in den USA (keine Rapperin hatte jemals mehr Wochen an der Spitze verbracht). Dauer-Tournee. Und das Cover der "Vogue". Das ist deshalb besonders, weil Lizzo nicht ist wie die Models, die sonst oft den Titel zieren.

Die einflussreiche Bloggerin und Aktivistin Stephanie Yeboah schrieb dazu: „Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals eine fette schwarze Frau auf dem Cover der Vogue sehe. Nicht solange ich lebe.“ Und auch Lizzo wird an diesem Abend sagen: „Plötzlich bin ich auf dem Titel der Vogue.” Sie wird erzählen, dass sie eine schwarze Frau war in Texas, „echt scheiße“. Und man glaubt ihr, was es ihr bedeutet, „dass ihr mir geholfen habt, mich über all das zu erheben“.

Lizzo: Im Zentrum der Aufmerksamkeit – mehr braucht es gar nicht

Tatsächlich ist Lizzo auch deswegen im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil sie für eine neue Sichtweise steht: Jeder wie er mag, fernab des weißen Schönheitsdiktats, eine selbstverständliche Körperlichkeit, die sie auch in der Columbiahalle zur Schau stellt. Mit Zurückhaltung ist da wenig, und wer Lizzo und ihre Energie, ihr Charisma erlebt, der wird sich fragen, wozu auch?

Noch vor wenigen Monaten war die 31-Jährige im Festsaal Kreuzberg aufgetreten, schon da war Wochen vorher nichts mehr mit Tickets. Und schon da war klar, dass das nicht lange währen wird mit den kleinen Clubs. So war auch die Columbiahalle ohne viel Werbung schnell ausverkauft.

Der größeren Halle angepasst ist die „Cuz I Love You Too“-Tour allerdings nicht. Weiter gibt es eine DJane, Tänzerinnen. Und eben Lizzo. Keine Band – aber die erstaunliche Erkenntnis, dass das absolut reicht.

Lizzo in der Columbiahalle: Geschlecht, Sexualität, Aussehen? Völlig egal

Dabei würden – abgesehen von den basswuchernden Rap-Tracks wie „Tempo“ – sich die Songs durchaus für liebevolle Live-Arrangements empfehlen. Noch so ein Talent von Lizzo, zwischen den Genres zu mäandern als wäre es nichts. Eine Verbeugung vor Aretha Franklin gleich zum Start (ihr eigenes „Worship“ wird mit „Respect“ gepaart), Soul für die Plattensammlung von Amy-Winehouse-Fans („Jerome“), dann der Superhit „Truth Hurts“, ein Power-Anthem. Die Stimme der Wahnsinn, die Tanzmoves galant bis ausufernd.

Lizzo zelebriert dazwischen ihren eigenen Erfolg, dass sie sich nicht von ihrem Weg hat abbringen lassen. Sie gibt die Feministin, ruft zur Gemeinsamkeit auf. Heute Abend gilt: Geschlecht, Sexualität, Aussehen spielen keine Rolle. 90 Minuten Utopie, Flöten-Soli der Künstlerin inklusive. Es könnte alles so einfach sein.

Das Ganze endet im funkigen „Juice“: „Ich bin nicht nur ein Snack“, singt sie, „ich bin ein ganzes verdammtes Menü“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wenn Lizzo das nächste Mal nach Berlin kommt, dürfte die Halle noch etwas größer werden.