Interview

„Das Alter spielt sich zuerst im eigenen Kopf ab“

Dirigent Donald Runnicles wird 65 und ist seit zehn Jahren Musikchef der Deutschen Oper in Berlin. Ein Interview.

Donald Runnicles ist seit zehn Jahren Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin.

Donald Runnicles ist seit zehn Jahren Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Seinen 65. Geburtstag wird Donald Runnicles am Sonnabend in der Deutschen Oper verbringen, er dirigiert die Abendvorstellung der „Tosca“ mit Nina Stemme in der Titelrolle. Danach wird gefeiert. Für den Briten steht sogar ein doppeltes Jubiläum an, denn vor genau zehn Jahren wurde er Generalmusikdirektor an der Charlottenburger Oper.

Berliner Morgenpost: Herr Runnicles, als Sie antraten, gab es ein Imagefoto von Ihnen, wo Sie sich auf ein Schwert stützen.

Donald Runnicles: Meine Idee war das nicht.

Welches Motiv würden Sie heute wählen?

Ich würde nur die Arme öffnen und willkommen sagen.

Aber ganz falsch lag das Schwertfoto nicht.

Es gab einen gewissen Kampf für die Deutsche Oper. In der Zeit, als ich kam, war es gar nicht selbstverständlich, dass es die Deutsche Oper, wie wir sie kennen, weiterhin gibt. Es war eine Frage der Präsenz, nicht nur in Berlin, auch in Deutschland und der Welt.

Was war der Höhepunkt für Sie in den zehn Jahren? Und, da Sie die Frage nach dem Tiefpunkt wohl nicht beantworten würden, was war das größte Missverständnis?

Das größte Missverständnis ist, dass viele außerhalb der Häuser glauben, dass entweder der Intendant oder der Generalmusikdirektor die starke Figur sein muss. Und dass es immer eine starke Rivalität gibt. Ich habe von Anfang an gesagt, ich komme nicht als Machtmensch nach Berlin, sondern möchte zu einem Führungsteam gehören. Der respektvolle Austausch über Spielpläne, Premieren und Besetzungen hat sich in den Jahren zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt. Wir ziehen alle an einem Strang.

Meistens ist es doch aber so, dass die Chefdirigenten die Ansagen machen?

In Amerika ist es oft anders.

Zuerst sind Sie aber für ein Opernorchester mit ganz eigenen Ansprüchen zuständig.

In den letzten Wochen haben wir drei wichtige Positionen im Orchester neu besetzt. Das ist für mich ein Höhepunkt. Einige Stellen waren sehr lange vakant, denn es gab eine Zeit, wo gute Musiker nicht unbedingt an die Deutsche Oper kommen wollten. Entweder, weil es hieß, das Haus stecke in einer Krise, oder weil die Musiker lange nicht so gut bezahlt wurden wie an anderen großen Häusern. Jetzt haben wir unter anderem einen neuen Haustarifvertrag, und das Orchester steht anders da.

Es wird seit einigen Jahren über das neue, offene Verhältnis von Dirigenten zu ihren Orchestern diskutiert. Kennen Sie denn die Namen Ihrer Musiker?

Die meisten ja. Das gehört dazu.

Haben reisende Dirigenten heutzutage überhaupt noch die Zeit, die Namen zu lernen?

Es gibt eine schöne Anekdote von Michael Tilson Thomas, die er mir selbst erzählt hat. Bei der ersten Probe vor einem bekannten Orchester fragte ihn der Solo-Klarinettist: Maestro, wie soll die Stelle sein. Es folgten weitere Fragen an den Maestro. Irgendwann sagte der Dirigent, man könne ihn ruhig beim Namen nennen. Worauf der Klarinettist zurück fragte, wie er dann eigentlich heiße? Wir wissen, dass bei vielen Orchestern jede Woche ein neuer Dirigent am Pult steht. In Amerika wird man ziemlich oft Maestro genannt.

Als Sie vor zehn Jahren antraten, kündigten Sie Benjamin Britten als einen Lieblingskomponisten an. Auch in dieser Spielzeit dirigieren Sie mit dem „Sommernachtstraum“ wieder eine Oper Brittens.

Es liegt weniger daran, dass wir beide aus Großbritannien stammen, seine Opern sind einfach großes Musiktheater. Seine Musik berührt und erschüttert mich immer wieder. Ich habe sehr viel Britten in San Francisco und an der Met dirigiert. Britten gehört an die großen Opernhäuser.

Berlin hatte Sie ursprünglich umworben, weil Sie Götz Friedrichs „Ring des Nibelungen“ so überzeugend dirigierten, dass die Orchestermusiker Sie unbedingt als Chef haben wollten. In dieser Spielzeit startet Ihr eigener „Ring“-Zyklus am Haus. Wie weit sind die Vorbereitungen?

Wir hatten bereits Bauproben fürs „Rheingold“, was im Juni Premiere hat, und die „Walküre“. Ich bin viel mit dem Regisseur Stefan Herheim zusammen. Er ist auch anderswo oft gebeten worden, den „Ring“ zu inszenieren. Wir sind stolz, dass er sich für die Deutsche Oper entschieden hat. Er hatte viele Konzepte und Bühnenbilder, hat darüber diskutiert und einige wieder verworfen. Jetzt hat er meines Erachtens ein grandioses Konzept. Vor allem hat er großen Respekt vor dem „Ring“-Projekt. Ein Regisseur muss im „Rheingold“ bereits wissen, wie es in der „Götterdämmerung“ endet. Ich als Dirigent habe es leichter, weil ich immer die gleiche Musik vor mir habe.

Die Deutsche Oper sei kein Haus für Experimente, haben Sie mal gesagt, und waren bei provokanten Regisseuren immer eher zögerlich. Herheim ist ein Bilderstürmer.

Einen neuen „Ring“ zu machen, ist immer ein Experiment. Stefan Herheim weiß genau, warum er etwas macht. Wenn ich in unseren Gesprächen gemerkt hätte, wir gehen in unterschiedliche Richtungen, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt. Aber die Situation gab es gar nicht. Ich glaube, es gibt kaum einen anderen Regisseur, auf dessen „Ring“-Deutung man so gespannt ist.

Werden Sie den „Ring“ anders dirigieren?

Ich werde nichts anders machen, nur weil es anders sein soll. Aber ich bin zehn Jahre älter geworden und habe mehr Erfahrungen mit dem „Ring“. Oft empfinde ich mehr Freiheit, mit dem Notentext umzugehen. Als junger Dirigent hat man immer Respekt vor dem Orchester und den Meisterwerken. Den habe ich natürlich immer noch, aber mit den Orchestern, mit denen ich lange zusammenarbeite, besonders meinem Berliner Orchester, kann ich einfach spontaner sein.

In vergangenen Zeiten war der 65. Geburtstag ein Lebensschnitt, man wurde in den Ruhestand verabschiedet.

Ich kann mich genau an den Tag erinnern, als mein Vater nach Hause kam mit einem Geschenk seiner Firma. Diese Verabschiedung hatte etwas Bedrückendes. Ich quäle mich schon mit der 65, auch wenn heute alle sagen, die 65 ist das neue 45. Ich fühle noch sehr jung, das Alter spielt sich zuerst im eigenen Kopf ab.

Gerade Chefdirigenten können doch heutzutage locker bis in die 80er hinein planen, was in Berlin an Daniel Barenboim und Christoph Eschenbach zu sehen ist. Denken Sie über Veränderungen nach?

Ich bin sehr selbstkritisch. So lange ich das Gefühl habe, etwas sagen und weiterentwickeln zu können, so lange die künstlerische Beziehung zum Orchester und zum Chor eng bleibt und wir als Opernhaus relevant bleiben… Ich werde spüren, wenn es Zeit ist, aber wir haben hier noch viel vor.

Ihr Vertrag geht offiziell bis 2022. Gibt es schon Verhandlungen?

Dafür ist es eigentlich zu früh. Warten wir ab.