Ausstellung

Der Mann der Zukunft

Syd Mead hat für viele Sci-Fi-Klassiker moderne Welten gestaltet. Jetzt werden Entwürfe des Designers erstmals in Berlin ausgestellt.

Legendäre Bilderwelt: Los Angeles als verrotteter Zukunfts-Moloch im Kultfilm „Blade Runner“.

Legendäre Bilderwelt: Los Angeles als verrotteter Zukunfts-Moloch im Kultfilm „Blade Runner“.

Foto: (C) Syd Mead, 1981

1982 klingelte bei Syd Mead das Telefon. Ridley Scott war am Apparat, für dessen Film „Blade Runner“ Mead die futuristischen Welten entworfen hatte, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen sollten und mit dazu beitrugen, dass „Blade Runner“ ein Kultfilm wurde. Welche Bezeichnung er gerne im Nachspann haben wolle, fragte Scott. Normalerweise gibt man bei einer solchen Tätigkeit Production Design an. Manchmal auch Conceptual Artist. Mead wählte kühn einen neuen Begriff: „Visual Futurist“.

Er hat unsere Vorstellung von Zukunft maßgeblich geprägt

Diese Anekdote sagt viel über den US-Designer und seinen Stellenwert. Es ist erstaunlich genug, dass sich einer aus der Filmcrew selbst einen Credit ausdenken darf, und belegt die Hochachtung Ridley Scotts. Es sagt aber auch etwas über das Selbstverständnis von Mead aus. Visueller Futurist trifft genau zu auf diesen Mann, der behauptet, Science-Fiction sei bloß „der Realität voraus“. Man könnte es noch einfacher auf den Punkt bringen: Syd Mead ist der Mann der Zukunft.

Wie kein Zweiter hat Mead unsere Vorstellung von der Zukunft geprägt. Mit Filmen wie „Star Trek“ (1979 seine erste Arbeit für Hollywood), „Aliens“, „Timecop“, „Mission To Mars“ oder „Mission: Impossible III.“ Auch bei „Blade Runner 2049“ war er wieder dabei. Berühmt aber wurde er 1982 mit gleich zwei Science-Fiction-Filmen, die komplette Antithesen entwarfen.

Zwei komplette Antithesen der Zukunft

Hier „Blade Runner“, in dem der Moloch Los Angeles verrottet und verrostet und von allerlei Kabelei und Technik wie Unkraut überwuchert ist: eine Zukunft im Verfall. Und da „Tron“, eine hypergestylte, ultramoderne Welt, ewig neu, aber aseptisch, in der das einzig Störende der Mensch ist.

Beides Filme, die oft kopiert und doch nie erreicht wurden. Dabei ist Mead kein klassischer Filmausstatter. Zum Film kam er nur nebenbei. Von Haus aus ist er Industriedesigner. Als solcher hatte er zuvor schon für Firmen wie Philips, Ford oder Sony gearbeitet. Er hat Toaster und Fahrzeuge entworfen und bereits in den 60er-Jahren über selbstfahrende Autos gebrütet, als es noch nicht mal Sicherheitsgurte gab. Sein großes Thema aber war die Stadt von morgen.

Nun sind die Arbeiten der lebenden Legende erstmals in Berlin in einer Einzelausstellung zu sehen. Dass „Syd Mead - Future Cities“ gerade jetzt eröffnet, im November 2019, ist kein Zufall. Im November 2019 spielte auch „Blade Runner“ – 1982 war das noch ferne Zukunft.

Großflächige Gouachen voller Details

Zu sehen sind Meads Arbeiten aber nicht etwa in einem Museum, wo sie durchaus auch ihre Berechtigung hätten, sondern in der kleinen Architekturgalerie O&O Depot, für die das, wie Markus Penell, einer der Geschäftsführer, selbst meint, „eigentlich ein paar Nummern zu groß“ sei.

Das Architekturbüro O&O Baukunst hat 2015 in Berlin den Wettbewerb gewonnen, die „Urbane Mitte am Gleisdreieck“ zu gestalten. Eine neue urbane Welt, die in die Zukunft weisen soll. Dabei fragte sich O&O, wo man Vorbilder dafür finden könnte. Und stieß früh auf die Entwürfe von Mead.

San Francisco im Mondkrater

Werke, die teils vor Jahrzehnten entstanden sind und doch immer noch kühne Visionen entwickeln, die auch für Architekten ikonisch sind. Bilder voller Nähe zur Natur und zivilisatorischer Hoffnung. „Blade Runner“ ist da eine große Ausnahme. Es war nicht leicht, Meads Arbeiten nach Berlin zu bekommen. Dort werden sie nun im O&O Depot gezeigt, einer Nullprofitgalerie, die quasi als Laboratorium für Baukunst dient.

Dort sind nun 30 Originale des 1933 in Minnesota geborenen Designers zu sehen, die zwischen 1979 und 2004 entstanden sind. Überwiegend großformatige Gouachen mit kräftigen Farben und großer Liebe zu kleinen, versponnenen Details, die doch alle so funktionieren könnten. Ergänzt durch Bleistiftzeichnungen und Skizzen verschiedener Entwicklungsstufen einer Bildidee.

„Die Zukunft beginnt genau jetzt“

Am berühmtesten sind natürlich die Stadtvisionen für das verfallende Los Angeles in „Blade Runner“, von denen hier gleich mehrere Bilder zeugen. Es finden sich aber auch Entwürfe zu „Lunar Scout Commandos“, einem Filmprojekt von 2003/2004, das leider nie realisiert wurde.

Was wirklich schade ist, wenn man Meads Entwürfe dazu sieht, in denen er eine Mondbasis kreierte und dabei das komplette San Francisco, die Golden-Gate-Brücke inklusive, in einen Mondkrater umgetopft hat. Es gibt aber auch Bilder, da muss man lange überlegen, aus welchem Film sie stammen könnten. Und in der Tat stammen sie aus keinem Film. Für eine Firma hat er etwa 1979 eine „Future Urban Architecture“ entworfen. Und ein ultimatives Renn-Event hat er sich 1979 für die Sportmesse in Tokio ausgemalt.

Syd Mead, der mittlerweile 86 Jahre alt ist, wird leider nicht selbst zur Ausstellung nach Berlin kommen. Und trotzdem ist er präsent: weil er am Ende der Ausstellung in einem frisch gedrehten Film mit jungenhaften Witz direkt zum Besucher spricht. Und seine Visionen und Bilderwelten noch mal auf den Punkt bringt. Sie sind gerade deshalb so stilbildend, weil die Zukunft gar nicht so weit entfernt, sondern fast eine Parallelwelt ist. „Die Zukunft“, so Meads Credo, „beginnt genau jetzt.“

„Syd Mead - Future Cities“: O&O Depot Leibnizstr. 60, Charlottenburg. Tel.: 28 48 860. Mo-Fr, 15-18 Uhr. Bis 16.1.2020.