Schwules Museum

100 Jahre Schwulenfilm: Zum Jubiläum gibt's eine Ausstellung

Vor 100 Jahren entstand der erste Schwulenfilm „Anders als die Andern“. Das Schwule Museum feiert das Jubiläum mit einer Ausstellung.

Reinhold Schünzel (.) und Conrad Veidt im Stummfilm „Anders als die Andern“ von 1919-

Reinhold Schünzel (.) und Conrad Veidt im Stummfilm „Anders als die Andern“ von 1919-

Foto: Fotoarchiv Deutsche Kinemathek

Berlin. Eigentlich will diese Ausstellung ein Jubiläum feiern. 1919, vor 100 Jahren, entstand der erste Schwulenfilm „Anders als die Andern“. Eine Pioniertat. Lange bevor es so etwas für eine Schwulenbewegung überhaupt gab. Aber leider kann man das nicht nur historisch betrachten. Erst am Wochenende kam es in Georgien zu Protesten bei der Premiere des Films „And Then We Danced“ über die Liebe zweier Balletttänzer.

Gegner des Films riefen vor dem Kino in Tiflis „Schande“ und setzten Feuerwerk ein, Nationalisten wetterten, der Film verstoße gegen georgische Traditionen. Polizisten, die die Vorführung schützen wollten, wurden verletzt. Und auch die russisch-orthodoxe Kirche geißelte das Werk. So weit also ist es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz homosexueller Liebe auch im Jahr 2019 nicht her.

Da kommt diese Ausstellung gerade recht, die aufzeigt, wie mutig und wichtig es 1919, so kurz nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, war, einen solchen Film zu produzieren. Regisseur Richard Oswald gilt als Erfinder des Aufklärungsfilms.

"Anders als die Andern": Der erste Film über einen schwulen Mann

Noch während des Ersten Weltkriegs, als das junge Medium Film noch für Kriegspropaganda genutzt wurde, drehte er sogenannte Kultur- und Sittenfilme über Prostitution, Geschlechtskrankheiten und andere Reizthemen.

„Anders als die Andern“ war dann der erste Film, in dem das Thema Homosexualität offen behandelt wurde. Darin geht es um einen Musiker (Conrad Veidt), der von einem Stricher (Reinhold Schünzel) erpresst wird und, als er sich zu zahlen weigert, wegen des Paragrafen 175 angeklagt wird.

Magnus Hirschfeld: Flammender Appell für Toleranz

Oswald hat für den Film eng mit dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld zusammengearbeitet, der auch selbst eine Rolle spielt und eine flammende Rede für Akzeptanz und Toleranz gegenüber Homosexuellen hält.

„Anders als die Andern“ löste damals eine wahre Kulturdebatte aus. Liberale Kreise feierten den Film, während die reaktionäre Seite die Wiedereinführung der eben erst abgeschafften Zensur forderten und ihre Vorurteile und Homophobie unter dem Vorwand des Jugendschutzes kaschierten. Dabei wurden Oswald und Hirschfeld, beides Juden, auch diffamiert, dem „jüdischen Laster Homosexualität“ Vorschub zu leisten.

Das Schwule Museum zeichnet in seiner Ausstellung sowohl die Genese und Wirkungsgeschichte des Films nach als auch die Biographien der Beteiligten, die später in der Nazi-Zeit aus Deutschland fliehen mussten.

Und, wie die Darsteller Reinhold Schünzel und Conrad Veidt, in Hollywood davon lebten, Nazis zu spielen. Im Zentrum der Ausstellung ist der Stummfilm „Anders als die Andern“ auch in einer Dauerschleife zu sehen.

Mitbegründer des Schwulen Museums in Berlin: „Es muss auch mal ein Ende haben“

Für einen ist diese Ausstellung auch ein Schlusspunkt: Wolfgang Theis ist einer der Mitbegründer des Schwulen Museums und hat hier 35 Jahre gearbeitet.

Um „Anders als die Andern“ ging es schon in der allerersten Ausstellung 1975. Für Theis war klar, das müsse auch sein Endpunkt sein. Wehmut verspürt er dabei nicht: „Es muss auch mal ein Ende haben“, sagt der 71-Jährige: „Man muss die alten Männer ja nicht wegtragen.“

Schwules Museum Lützowstr. 23, Tiergarten. Tel.: 69 59 90 50. Mi-Mo, 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr. Bis 24. Februar 2020.