Museumsinsel

Prinzessin Ghettoblaster

Faszinierend-irritierend: Iranische Gegenwartsfotografie im Museum für Islamische Kunst auf der Museumsinsel.

In „Qajar“ reinszeniert die Künstlerin Shadi Ghadi­rian historische Porträts.

In „Qajar“ reinszeniert die Künstlerin Shadi Ghadi­rian historische Porträts.

Foto: © Silk Road Gallery / Shadi Ghadirian

Berlin. Frauen, die den Iran bereisen, müssen beim Verlassen des Flugzeugs ein Kopftuch aufsetzen. Auf Teherans Plätzen prüfen staatliche Sittenwächter, ob Schleier richtig sitzen. Dabei war das schon mal anders. Vor der „Islamischen Revolution“, die 1979 zur Absetzung des Schahs führte, lag es im Ermessen der Bürger, ob sie islamischen Kleidervorschriften folgen oder mit Föhnfrisur herumlaufen.

Die iranische Fotokünstlerin Shadi Ghadirian, 1974 in Teheran geboren, behandelt in einer Porträtserie Ungleichzeitigkeiten, die aus der spezifischen Situation ihres Landes erwachsen, in dem Moderne und Tradition die Plätze vertauscht zu haben scheinen. Sie hat historische Porträts reinszeniert und dabei verwirrende Details eingeschmuggelt: Junge Damen in Kostümen der Kadscharen-Dynastie tragen Ghettoblaster auf der Schulter, trinken amerikanische Softgetränke oder rücken Sonnenbrillen zurecht.

Die witzige Porträtserie „Qajar“ aus den 90er-Jahren ist in einer Sonderausstellung des Museums für Islamische Kunst auf der Berliner Museumsinsel zu sehen, die den Titel „Capturing Iran’s Past“ trägt. Das Haus, das zu den best­besuchten historischen Museen Berlins gehört, öffnet mit der Sonderschau einen kleinen Sehschlitz auf die ungemein vi­tale und vielfältige Fotografieszene der Islamischen Republik.

Außer Ghadirian werden drei weitere iranische Fotokünstler vorgestellt: Taraneh Hemami setzt sich in einer Installation aus Spiegelfliesen mit dem Thema Migration und Genealogien der Diaspora auseinander, Arman Stepanian beleuchtet in nachdenklich-poetischer Weise die Erinnerungskultur der christlich-armenischen Minderheit.

Najaf Shokri, Jahrgang 1980, geriet zufällig in den Besitz von Personenstandsbüchern, sogenannten „Schenasnameh“. Die Einwohnerbehörde in Teheran hatte die Dokumente aus den 50er- bis 70er-Jahren in den Müll gekippt. Shokri verdeutlicht, dass sie nicht nur überraschende grafische Qualitäten besitzen, sondern eindrückliche Symbole bürokratischer Exzesse darstellen.

Seit den 90er-Jahren gibt es den internationalen Trend der Einbeziehung von Gegenwartskunst in historische Museumspräsentationen. Sammlungen werden mittels Interventionen zeitgenössischer Künstler „aktualisiert“, wie es heißt, manche sprechen auch von „Frischzellenkultur“, „Facelift“ oder „Jungbrunnen für Alte Meister“ (Peter Keller). Auf der Berliner Museumsinsel wird noch geübt.

Iranische Gegenwartsfotografie muss sich zwischen dichter Bestückung mit Perserteppichen und Steinreliefs behaupten. Schweinchenrosa Stellwände zeugen ebenso wenig von Sensibilität gegenüber dem feinnervigen Medium Gegenwartskunst wie ein zusammengegoogelt wirkender Zeitstrahl am Treppenaufgang. Das zufällige Pendant von Forugh Farrochzād bildet beim iranisch-deutschen Vergleich die Österreicherin Ingeborg Bachmann.

Zu den Kooperationspartnern der Fotografieausstellung gehört das Goethe-Institut. Seit Rudi Carrell in den 80er-Jahren mit einer Persiflage auf den iranischen Staatschef eine diplomatische Verstimmung provozierte, hat das Goethe-Institut in Teheran keine offizielle Vertretung mehr. Behelfsmäßig ist es in der Deutschen Botschaft untergeschlüpft.

Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum, Bodestraße 1–3, Mitte, Mo.–Mi. und Fr.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr. Bis 26. Januar 2020.