Maxim Gorki Theater

Der Sound zum Dienst am Vaterland

Im kleinen Studio des Maxim Gorki Theaters hat das Stück „Oder: Du verdienst deinen Krieg“ Uraufführung.

Die Schauspielerinnen Elena Schmidt, Catherine Stoyan, Kenda Hmeidan und Abak Safaei-Rad auf der Bühne im Gorki-Studio.

Die Schauspielerinnen Elena Schmidt, Catherine Stoyan, Kenda Hmeidan und Abak Safaei-Rad auf der Bühne im Gorki-Studio.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Berlin. Man stelle sich vor: Acht junge Frauen auf acht rostigen Bettgestellen. Dünne, schmale, schmutziggrüne Matratzen, bezogen mit der Bettwäsche von daheim, pinkfarbener Frottee hier, Donald-Duck- oder Blumenprints dort. Zwischen Matratze und Bettgestell liegt das Gewehr. Das muss griffbereit sein, auch nachts im Militärlager, im Armeezelt, in dem Bett an Bett steht. Man stelle sich weiter vor, wie diese Frauen sich den Regeln beugen, Morgeninspektion, Drill, sexistische Erniedrigung, Übergriffe, patriarchale Riten. Man muss sich das alles mal vorstellen, zu sehen bekommt man es an diesem Abend nämlich nicht. Nichts davon, nicht den Schmutz, nicht den Schweiß, keine einzige Waffe, keinen Tropfen Blut.

Im kleinen Studio des Maxim Gorki Theaters bringt Sasha Marianna Salzmann den Text „Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick)“ der Autorin Sivan Ben Yishai zur Uraufführung. Sie verzichtet dabei komplett auf szenische Bebilderung, vertraut stattdessen uneingeschränkt auf die erzählerische Kraft des Stücks, auf seine sprachliche Wucht, auf die Präzision der Beschreibungen.

Starke Texte im vierten Teil einer Tetralogie

Ihr ist damit eine kluge, berührende Inszenierung gelungen von einem dringlichen, sehr starken Text. Er ist der vierte Teil einer Tetralogie mit dem Titel „Let the blood come out to show them“. Autorin Sivan Ben Yishai ist in Israel geboren, studierte Theaterregie und szenisches Schreiben in Tel Aviv und Jerusalem. Seit mehreren Jahren lebt sie in Deutschland, aktuell ist sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim.

Das, was Sivan Ben Yishai in ihrem Text beschreibt, könnte in Israel stattfinden. Dort ist Wehrdienst Pflicht. Frauen müssen zwei Jahre zum Militär, Männer drei. Es könnte auch stattfinden an jedem anderen Ort der Welt, wo Menschen und insbesondere Frauen auf den Kriegseinsatz vorbereitet werden. Das allermeiste an diesem Abend findet sowieso in ihren Erinnerungen und ihren Köpfen statt. Und in unseren.

Vier Frauen sind auf der Bühne. Die gar keine echte Bühne mehr ist, sondern eine exakte Spiegelung der Zuschauertribüne, auf der wir sitzen. Ein gestuftes Podest, bestückt mit stapelbaren Multifunktionsstühlen. Die vier extrem gut aufeinander abgestimmten Spielerinnen Kenda Hmeidan, Abak Safaei-Rad, Elena Schmidt und Catherine Stoyan tragen militärgrüne Oberteile und weite, weiße Röcke, die sie aber bald ablegen zugunsten von weitaus praktischen Cargohosen. Sie erzählen einzeln und im Chor, werden Einheit, zerfallen wieder. Sie halten sich aneinander fest, verlieren sich, klettern auf Stühle, sinken zu Boden, kommen uns nahe.

Dazu: Geräusche militärischer Operationen, Pfeifen, Knattern, Krachen, Knistern, ein paar Liedzeilen. Hinten am Mischpult von ihnen selbst eingespielt und vielfach geloopt übereinandergelegt. Der Sound zum Dienst am Vaterland. Einen Vater gibt es auch, einen, der die Mädchen, die er später zum Militär schicken wird, einst im Campingbus durch die Gegend kutschierte und sich dabei durch die Hits der 80er-Jahre sang und sie auf dem Lenkrad mittrommelte.

Albträume, Erinnerungen und Schlafwandler-Fantasien

Die Erzählebenen verschränken und verschieben sich, vom Vater, der sie beschützte, zum Vaterland, das jetzt von ihnen einfordert, es zu beschützen. Nach den Regeln, die Männer aufstellen und kontrollieren.

Es formen sich hier keine wirklichen Figuren, es entsteht keine voranschreitende Handlung, stattdessen sind da Albträume, Erinnerungen, Schlafwandler-Fantasien, die sich mit vermeintlichen Berichten überlagern. In immer neuen Anläufen entwerfen sie außerdem diverse Versionen des eigenen Todes: Versehentlicher Selbstmord bei der Reinigung des Gewehres, versehentlich bei der Schießübung erwischt, absichtlich von Terroristen erledigt oder nach Regelverstoß im Camp hingerichtet. Aus dieser losen Verknüpfung von Sound, Text, Stimmen und Körpern entstehen Assoziationsfelder, die in der puren Erzählung und der eigenen Vorstellung tatsächlich mühelos zu Schlachtfeldern werden. Das macht den Abend so brutal und auch so kraftvoll. Es geht nicht darum, was stimmt, sondern darum, was kollektiv erinnerbar ist und was vorstellbar wäre. Und darum, was übrig bleibt nach dem Militärdienst oder nach dem Krieg. Falls man übrig bleibt.

Maxim Gorki Theater, Studio , Hinter dem Gießhaus 2, Karten unter Tel. 20 221 115. Nächste Termine: 10.11. und 11.11. sowie 26.11. bis 28.11., 20.30 Uhr.