Kultserie

Die „Lindenstraße“ wird museumsreif – in Berlin

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Moritz A. Sachs (Klausi) und Marie-Luise Marjan (Mutter Beimer ) in der Deutschen Kinemathek, Die „Akropolis“-Kulisse ist nur eine Fotowand.  Jörg Krauthöfer

Moritz A. Sachs (Klausi) und Marie-Luise Marjan (Mutter Beimer ) in der Deutschen Kinemathek, Die „Akropolis“-Kulisse ist nur eine Fotowand. Jörg Krauthöfer

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Schon bald fällt die letzte Klappe für die TV-Serie. Davor macht sie noch Station in Berlin: mit einer Ausstellung in der Mediathek

Mutter Beimer sitzt mit Sohn Klausi beim Griechen. Das ist nichts Ungewöhnliches. Das haben sie in der Fernsehserie „Lindenstraße“ unzählige Male getan. Aber das „Akropolis“ ist nur Fake. Die beiden sitzen nicht wirklich vor dem Restaurant, sondern vor einer Fotowand. Dahinter ist viel Glas mit Blick auf den Potsdamer Platz. Verkehrte Welt: Die Serie tut ja immer so, dass sie in München spielt. Gedreht wird sie aber in Köln. Und jetzt ist sie plötzlich in Berlin.

Dort nämlich ist die „Lindenstraße“ bis 23. März in der Mediathek der Deutschen Kinemathek zu Gast. Immerhin 373 der derzeit 1739 Folgen sind da zu sehen, auf sechs Monitoren, zwischen denen kleine Serien-Devotionalien stehen, wie die „Akropolis“-Speisekarte, das Hochzeitskleid von Mutter Beimer oder das Klingelschild von Haus Nummer 3.

Zum Start der Ausstellung kam die halbe „Lindenstraße“-Crew in die Hauptstadt. Gab fleißig Autogramme. Und posierte vor der „Akropolis“-Fotowand am gedeckten Tisch. Wobei Hans W. Geißendörfer, der Erfinder und langjährige Produzent der TV-Dauerwurst, sich am griechischen Wein gütlich hält. Obwohl der eigentlich nur zu Deko-Zwecken dastand und nicht mal gekühlt war.

Die endgültig letzte Folge wird am 23. März ausgestrahlt

Die „Lindenstraße“ wird museumsreif. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Es belegt zum einen, wie wichtig und einzigartig diese Serie ist: die langlebigste des Deutschen Fernsehens, die nichts weniger als die deutsche Seele widerspiegelt. Weil sie den hiesigen Alltag dokumentiert, aber auch den Zeitgeist und alle Krisen der Gesellschaft.

Museumsreif ist die „Lindenstraße“ aber auch insofern, als die Serie ja bald abgesetzt wird. Bis Ende des Jahres werden die letzten Folgen gedreht, am 20. Dezember fällt die letzte Klappe. Und am 23. März soll die allerletzte Folge – Nr. 1758 – ausgestrahlt werden.

Natürlich auch wegen des baldigen Endes erlebt das Filmmuseum zur Eröffnung der kleinen Ausstellung einen Fan-Ansturm, wie ihn das Haus wohl seit der Ruth-Leuwerik-Ausstellung vor 15 Jahren nicht mehr erlebt hat. Treue Serienfans, die ihre Stars mal hautnah erleben wollen. Und sich geduldig für Autogrammkarten anstellen.

Der Serien-Erfinder ist stinksauer

Vor dem Eingang haben sich auch einige unerschütterliche Kämpfer postiert, die noch immer gegen die Absetzung protestieren. Sie werden freilich nichts mehr erreichen. Die Quoten der einst erfolgsverwöhnten Serie sind seit Jahren schlecht, das Serien-Aus beschlossene Sache. Auch das ist wohl ein Grund, warum Geißendörfer, der sein Serien-„Kind“ längst an seine Tochter Hana Geißendörfer übertragen hat, immer wieder zum Wein greift. Er ist noch immer stinksauer.

Die „Lindenstraße“ hat Fernsehgeschichte geschrieben. Was haben sie anfangs gehöhnt und gewettert, die bösen Kritiker, als die Serie am 8. Dezember 1985 anlief. Über die schlechten Drehbücher. Über das anfangs miese, weil billige Videomaterial. Bald wurde mit Filmkameras gedreht. Auch die Drehbücher wurden besser. Und wurden die Schauspieler anfangs noch teils belächelt, teils beschimpft, wuchs die Fangemeinde mehr und mehr.

Seit fast 34 Jahren schon begleitet die Serie die deutsche Seele. Und kein Reizthema der Nation, das hier nicht verhandelt wurde: ob häusliche Gewalt oder Homosexualität, ob Aids oder AfD, Flüchtlingskrise oder Geschlechtsumwandlung. Bis zu zehn Millionen Fernsehzuschauer sahen zu Spitzenzeiten Ende der 80er-Jahre zu. Zuletzt schalteten allerdings kaum noch mehr als zwei Millionen ein.

Folgen zur Bundestagswahl mit verschiedenen Varianten

Was die TV-Sender nicht leisten, dafür sorgt die Mediathek: Fernsehfilme und -serien auf Dauer sammeln. 10.000 Sendungen sind derzeit in der Berliner Mediathek abrufbar, darunter sämtliche „Tatort“-Folgen. Bei der „Lindenstraße“ sind es nun immerhin 773 der halbstündigen Folgen, also 23.190 Sendeminuten. Man hat sich dabei auf Highlights konzentriert, auf Glücksfälle und Schicksalsschläge: Geburten, Taufen, Hochzeiten, Todesfälle.

Und natürlich sind auch die Folgen vertreten, mit denen die ARD ganz aktuell war Wenn Bundestagswahlen anstanden, lief die „Lindenstraße“ direkt nach den Hochrechnungen. Und auch die Serienfiguren guckten zu – und kommentierten die Ergebnisse. Dafür hatten die Serienmacher vorab verschiedene Versionen gedreht. Die Alternativen sind in der Mediathek leider nicht zu sehen.

Der Mauerfall fand nicht statt

Bei den entscheidendsten Stunden der jüngeren deutschen Geschichte musste die „Lindenstraße“ allerdings passen. Die Mauer fiel 1989 an einem Donnerstagabend, am Sonntag darauf war keine Rede davon. Unvorhersehbare Ereignisse konnten nicht eingefügt werden. Die Folgen, auch die bei Wahlen, wurden sechs bis acht Wochen vorproduziert. Spontan konnte man da nicht reagieren. Aber bald schon zog die erste DDR-Bürgerin in der „Lindenstraße“ ein.

Zurück zur „Akropolis“-Fotowand. Vor der können sich übrigens auch die Museumsbesucher für die Dauer der Ausstellung ablichten. Jetzt aber sind hier der Wein und die Gläser abgeräumt. Die Fans sind gegangen. Wir erwarten hier noch Marie-Luise Marjan und Moritz A. Sachs, die Darsteller von Mutter Beimer und Sohn Klausi, zum Gespräch.

Nur acht Schauspieler sind von Anfang an dabei

Sie sind zwei von nur noch acht Schauspielern, die von der allerersten Staffel an dabei sind. Und sie werden sich plötzlich bewusst, dass sie hier gerade die letzte gemeinsame Autogrammaktion für die Serie gegeben haben.

Fast 35 Jahre haben sie Mutter und Sohn gespielt. Das hat sie natürlich zusammengeschweißt. Moritz A. Sachs war bei der ersten Folge erst sieben Jahre alt, er kennt gar kein Leben ohne „Lindenstraße“. Und „Marie-Luise“, schwärmt der 41-Jährige von seiner Kollegin, „hat mich gerade anfangs sehr begleitet und geleitet.“ „Ich habe dich anfangs immer unterm Tisch gestoßen, wenn du deinen Einsatz verschlafen hast“, schmunzelt die 79-Jährige . „Sehr bald hat sich das umgedreht.“

Wie ist das nun für die beiden, wenn bald Schluss ist mit der Serie, die doch für alle „Lindensträßler“, wie sie sich untereinander nennen, wie ein zweites Leben war? Sie habe noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken, meint Marie-Luise Marjan: „Ich habe noch so viel zu drehen. Und so viel emotionale Szenen.“ Andererseits, wendet ihr Film-Sohn ein, ginge das schon das ganze Jahr so. „Mit jeder Folge gehen immer mehr. Schauspieler und Regisseure. Eigentlich ist schon das ganze Jahr über Abschied.“

Marie-Luise Marjan will nie wieder Serien drehen

Beide denken nicht ans Aufhören. Moritz A. Sachs will weiter als Schauspieler arbeiten, auch wenn ihm klar ist, dass er erst mal auf Klaus Beimer festgelegt ist. Er hat aber vorgesorgt und auch früh hinter der Kamera gearbeitet. Marie-Luise Marjan würde auch gern noch den einen oder anderen Fernsehfilm drehen. „Aber auf keinen Fall mehr eine Serie. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. So eine Serie, in diesem Format, wird es nie wieder geben.“

Dieses Weihnachten könnte ein trauriges Fest werden. Die große Leere nach der letzten Klappe wenige Tage zuvor. Zur Ausstrahlung der letzten Folge am 29. März wollen sich die Lindensträßler aber alle noch einmal treffen. Vielleicht sogar in den Studiowohnungen. Die bleiben so lange noch stehen: für öffentliche Führungen. Museumsreif also auch die Kulissen. Aber an diesen Tag möchten die beiden jetzt noch nicht denken. Wir müssen da natürlich nachhaken: Wissen die Schauspieler denn schon, was in der letzten Folge passieren wird? „Natürlich“, meint Marie-Luise Marjan. „Wir wissen alles. Aber wir dürfen natürlich nichts sagen.“

„Leben, sterben, Hochzeit feiern: Die ,Lindenstraße’ in der Mediathek“. Deutsche Kinemathek, Potsdamer Str. 2, Mitte. Tel.: 300 90 30. Mi–Mo 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr. Bis 23. März..