„Tatort“-Interview

Meret Becker: „Ich bin eine Streunerin“

Meret Becker über ihre neueste „Tatort“-Folge, die Tücke bei Kritik und die Gründe, wieso sie bei der Krimireihe bald aussteigen wird.

Die Schauspielerin Meret Becker sitzt am 30. Oktober 2019 auf der Dachterrasse des RBB, mit blick über Berlin / Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Die Schauspielerin Meret Becker sitzt am 30. Oktober 2019 auf der Dachterrasse des RBB, mit blick über Berlin / Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Im neuen Berliner „Tatort“ kommen sich die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), die sich sonst ständig in der Wolle haben, überraschend nah. Entspinnt sich gar etwas zwischen ihnen? Frau Rubin bewirbt sich allerdings auch auf eine andere Stelle. Ist das schon eine sanfte Vorbereitung für das Serien-Aus? Meret Becker hat ja bereits verkündet, dass sie bald mit der Serie Schluss machen will. Wir haben die Entertainerin und Schauspielerin, die derzeit auch in der Bar jeder Vernunft in der Frauen-Cowboy-Klamotte „Die 5 glorreichen Sieben zu sehen ist, dazu im RBB-Zentrum an der Masurenallee befragt.

Berliner Morgenpost: Die Kommissarsfiguren Nina Rubin und Robert Karow waren sich ja bislang immer in Hassliebe verbunden. Im neuen Fall kommen sie sich plötzlich sehr nahe. Fast kommt es sogar zu einem Kuss. Könnte sich daraus sogar noch mehr entwickeln?

Meret Becker: Oh, da müssen Sie Nina Rubin und Robert Karow fragen. Nee, weiß ich nicht. Wir lassen uns treiben.

Haben Sie denn überhaupt Einfluss auf die Drehbücher. Haben Sie da ein Mitspracherecht. Können Sie auch mal ein Veto einlegen gegen Dinge, die Ihnen gar nicht passen?

Wir kriegen schon fertige Drehbücher. Wir haben aber das Recht, Kritik zu äußern. Was sich leichter sagt als tut. Aber wenn den Figuren zu wenig Raum bleibt, wenn uns etwas zu langweilig oder politisch zu korrekt ist, wenn Frauenfiguren zu blöde dargestellt sind – was leider immer noch häufig passiert –, dann erheben wir schon Einspruch. Und der wird sehr ernst genommen. Es ist aber nicht einfach. Kritik ist immer ein sensibles Thema, weil Menschen verletzlich sind. Außerdem ist es nicht ganz unkompliziert, weil ein Krimi ein Gerüst hat, das oft schon bei kleinen Veränderungen wie ein Kartenspiel zu Fall gebracht werden kann.

In der neuen „Tatort“-Folge bewerben Sie sich auf eine andere Stelle. Ist das schon ein Hinweis darauf, dass Sie die Reihe verlassen werden? Wird da ein sanfter Ausstieg vorbereitet?

Auch das muss ich mit Nina Rubin absprechen. Aber ich wage es zu bezweifeln, weil ich sie ein bisschen kenne. Ein sanfter Ausstieg liegt ihr, denke ich, eher nicht.

Sie haben im März bekannt gegeben, dass Sie aussteigen möchten. Sie drehen noch bis 2021, gesendet wird bis 2022. Warum geben Sie die Dienstmarke ab?

Ich habe dann die schönen verflixten sieben Jahre hinter mir. Ich wollte viel früher schon wegrennen. Das liegt daran, dass ich tendenziell so bin. Deshalb kann ich recht viel, aber nichts richtig. Wenn ich das Gefühl habe, ich habe es begriffen, dann gehe ich wieder und nehme mir etwas anderes vor. Ich bin einfach eine Streunerin. Ich hatte auch noch nie eine Festanstellung vor dem „Tatort“. Ich kenne das gar nicht. Diesmal war es eher so, dass ich mir gesagt habe: Lauf nicht gleich weg. Lern das mal kennen, wenn man etwas länger macht. Aber jetzt sind so viele andere Sachen in der Bahn. Und ich bin auch nicht so ein Sicherheitsfetischist. Es gibt zu viele Dinge, und das Leben ist zu kurz. Meine Uhr tickt. Wirklich.

Sie sind in diesem Jahr 50 geworden. Hat auch das zu Ihrer Entscheidung beigetragen?

Ja, und ich meine das eher künstlerisch. Ich habe noch so viele Projekte, die ich aus unerklärlichen Gründen bisher nicht gemacht habe, die versuche ich jetzt noch hinzukriegen. Weil ich jetzt erst die Reife habe, das zu können. Auch die organisatorische Reife. Ich habe mich früher zu oft verzettelt. Und jetzt nimmt man mich als Künstlerin auch ernst.

Spielt da auch diese berühmte Angst mit, als TV-Ermittler in eine Schublade gesteckt zu werden?

Nicht wirklich. Ich habe so viel Anderes gemacht. Klar hat man noch mal eine andere Popularität durch den „Tatort“. Ich bin auch gespannt, was passiert, wenn das jetzt wieder wegfällt. In Deutschland wird man ja schnell wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Ich sehe mich aber trotzdem nicht so in der Schublade. Okay, früher sind die Leute in meine Konzerte gegangen, oder sie haben einen Arthouse-Film mit mir gesehen. Da kennen sie einen mit Namen. Da ich aus Umweltbewusstsein gerade viel Bahn fahre, höre ich schon immer das Getuschel von wegen „Tatort“ oder „Das ist doch diese Schauspielerin“. Das finde ich lustig, Schauspielerin ist so ziemlich das Letzte, was ich mit mir verbinde. Aber das sind halt zehn Millionen Zuschauer, das ist schon sehr viel.

Vielleicht auch zu viel? Ist man da zu populär? Macht das auch Angst?

Mit Popularität habe ich kein Problem. Nur insofern, als ich schon gern dezent in Kneipen gehe. Schön, wenn mir ein Tisch angeboten wird, weil man mich kennt. Aber es ist mir eher peinlich, wenn alle gucken. Aber ich kann sehr gut verschwinden. Man erkennt mich im Alltag nicht unbedingt.

Ihre „Tatorte“ wurden ausgesprochen gefeiert. Und machen ja auch gute Quoten. Ist es nicht so, dass alle sie überreden wollten, weiterzumachen?

Natürlich hätten sie das beim RBB gern gesehen. Und das freut mich riesig. Aber sie waren nicht sonderlich überrascht. Was nichts damit zu tun hat, dass wir Krach gehabt hätten oder so. Im Gegenteil: Wir haben ein sehr gutes, aufrechtes Verhältnis. Nach sieben Jahren wäre ja eigentlich mit dem 14. Fall Schluss gewesen. Abergläubisch, wie ich nun mal bin, wollte ich aber eine ungerade Zahl haben und bat um einen 15. Film. Das haben sie gern aufgegriffen und meinten, ich könnte auch gern noch mehr drehen. Das hat mich sehr gefreut, dass man nicht sofort austauschbar ist.

Wie war eigentlich die Zusammenarbeit mit Mark Waschke? Ihre Folgen leben ja davon, dass die Kommissare so ungleich sind. Aber es schien anfangs doch, als hätten Sie als Schauspieler Schwierigkeiten miteinander gehabt?

Wir kannten und schätzten uns, aber man muss sich natürlich erstmal finden. Wir sind so grundverschieden. Da gab es schon Kabbeleien. Aber die waren immer nur ganz kurz. Wir sind das immer sehr ehrlich und direkt angegangen. Das hatte bestimmt auch etwas mit anfänglichem Misstrauen zu tun. Schauspieler haben ja großes Konkurrenzdenken. Komischerweise hat sich da vieles durch die MeToo-Debatte gelegt, weil der Blick auf eine Frau, die auch mal was sagt und sich wehrt, ein anderer geworden ist. Plötzlich wird wahrgenommen, dass eine solche Frau vielleicht wirklich früher übergangen wurde und nicht nur um ihr Ego kämpft. Da hat sich viel bewegt. Wir kabbeln uns immer noch. Aber inzwischen ist da ein großes Vertrauen. Mark ist ein so wacher Geist, so schnell und klug. Ich hab' viel von ihm gelernt. Er ist auch weich und sensibel. Und zum schreien komisch. Wir lachen sehr sehr viel zusammen.

Gucken Sie eigentlich selbst „Tatort“? Sitzen Sie sonntagabends vor dem Fernseher?

Ich habe gar keinen Fernsehapparat. Nur im Hotel.

Die Kritik wird immer lauter, es gebe zu viele Krimis. Anders könnten Themen im deutschen Fernsehen gar nicht mehr erzählt werden. Sehen Sie das auch so? ist das vielleicht auch ein Grund, weshalb sie beim „Tatort“ aussteigen?

Das ist unter anderem ein Grund, warum ich keinen Fernseher mehr habe, weil ich mich langweile und es Zeitverschwendung ist. Wenn mich etwas interessiert - meist auf Arte oder ZDF Neo- dann kann ich das Meiste konkret und online gucken. Ich finde es zum Beispiel irre schade, dass keine Klassiker mehr ohne Werbepause ausgestrahlt werden. Das fehlt mir total. Ich finde, da ist etwas an Fernsehkultur verloren gegangen.

Und die eine Frage werden Sie jetzt natürlich immer öfter hören: Wie möchten Sie aus der „Tatort“-Reihe ausscheiden?

Das sage ich nicht. Weil es hoffentlich so sein wird, wie ich mir das wünsche.

„Tatort: Das Leben nach dem Tod“ ARD, 10.11., 20.15 Uhr