Jüdische Kulturtage

Gerhard Kämpfe: „Die Leute lieben es zu lachen“

Es wird politischer: Der Berliner Konzertmanager Gerhard Kämpfe veranstaltet zum vierten Mal die Jüdischen Kulturtage „Schalom Berlin“.

Gerhard Kämpfe, Leiter der Jüdischen Kulturtage in Berlin, in der Synagoge Rykestraße. Dort fand am Donnerstag das Eröffnungskonzert des Festivals „Schalom Berlin“ statt.

Gerhard Kämpfe, Leiter der Jüdischen Kulturtage in Berlin, in der Synagoge Rykestraße. Dort fand am Donnerstag das Eröffnungskonzert des Festivals „Schalom Berlin“ statt.

Foto: Yan Revazov

Festivalmanager Gerhard Kämpfe veranstaltet nicht nur das Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt, sondern seit vier Jahren auch die Jüdischen Kulturtage in Berlin. Das Festival wurde am Donnerstag in der Synagoge Rykestraße mit einem Konzert des russischen Stargeigers Yury Revich eröffnet. Im Gespräch erklärt Kämpfe, wie sich die Vielfalt der jüdischen Kultur im Programm spiegelt, welche Sicherheitsauflagen es fürs Publikum gibt und wie es beteiligte Künstler mit dem koscheren Essen halten.

Berliner Morgenpost: Herr Kämpfe, eine Reihe von Künstlern reist von weither an. Läuft bislang alles glatt oder gibt es die üblichen letzten Verwicklungen um verlorene Pässe, fehlende Visa oder gar Absagen?

Gerhard Kämpfe: Es gibt immer wieder erstaunliche Geschichten, diesmal rund um die Moskow Male Jewish Capella, die am Sonnabend auftritt. Für den Chor hat die Deutsche Botschaft in Moskau wirklich vier Wochen gebraucht, um die nötigen Visa zu erteilen. Das fand ich unverständlich. Ansonsten läuft alles wie geplant.

Es ist jetzt Ihr viertes Festivaljahr und Sie beobachten die jüdische Kulturwelt über Berlin hinaus. Gibt es erwähnenswerte Entwicklungen?

Erfreulich für uns ist es, dass viele junge Juden aus aller Welt und vor allem auch aus Israel nach Berlin kommen wollen. Es gibt uns die Möglichkeit, die ganze Bandbreite von Literatur, über Tanztheater, modernen Pop bis hin zu ganz spezifischen Traditionen abzubilden. Im Abschlusskonzert am 17. November tritt Yasmin Levy mit ihrer Band in der Synagoge Rykestraße auf. Sie präsentiert Ladino Soul aus Israel, also Songs in der fast vergessenen Sprache der sephardischen Juden, die einst aus Spanien vertrieben worden waren.

Gibt es ein Thema im Programm, dass Sie für sich selbst neu entdeckt haben?

Um ehrlich zu sein, die Geschichte von Kurt Eisner hatte ich nicht mehr auf dem Schirm. Der gebürtige Berliner war ein links-intellektueller Jude aus Preußen, der 1918 Ministerpräsident in Bayern wurde. Als Anführer der Novemberrevolution hatte er König Ludwig III. für abgesetzt erklärt und den Freistaat Bayern ausgerufen. Eisners Geschichte endete tragisch, denn er wurde Opfer eines Attentats. Reinhard Kuhnerts szenische Lesung „Der rote Jud aus Preussen“ findet am Montag in der Vaganten Bühne statt.

Die Kulturtage sind diesmal erstaunlich politisch. Ein Abend im Literaturhaus am 14. November greift auf Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis zurück. Auch sie war Anfang 1919 von Angehörigen eines Freikorps ermordet worden. Darüber hinaus widmet sich Schauspielerin Katja Riemann am Sonntag in ihrem Programm „Das Märchen vom letzten Gedanken“ Edgar Hilsenraths Buch über den Genozid an den Armeniern durch die Türken.

Das sind alles Themen für uns. Edgar Hilsenrath, der mit seinem Weltbestseller „Der Nazi und der Friseur“ berühmt geworden war, hatte sich als Jude mit der Schoa auseinandergesetzt, aber er wollte auch auf einen anderen Genozid hinweisen. Was Katja Riemann auf die Bühne bringt, ist extrem berührend. Es gibt Filmeinspielungen, in denen ihre Schauspiel-Freundin Yasmina Tabatabai den türkischen Ministerpräsidenten spielt. Der wird von einer Therapeutin befragt. Es erklingt Musik von Kurt Weill. Katja hat das literarisch-musikalische Programm bereits beim Kurt-Weill-Fest in Dessau aufgeführt. Das Publikum jubelte ihr am Ende zu.

Gab es keine politischen Proteste?

Von türkischer Seite? Nein. Vielleicht passiert es ja in Berlin. Ich denke, wenn wir über die Schoa reden, müssen wir auch darüber sprechen, dass es auf der Welt andere Genozide gab. Der an den Armeniern fand auf eine ebenso zynische, unmenschliche Art statt. Aber während Deutschland sich mit der Schoa auseinandergesetzt hat, wird der Genozid an den Armeniern nach wie vor in der Türkei geleugnet.

Die Kulturtage finden über den 9. November hinweg statt. Der gefeierte 30. Jahrestag des Mauerfalls hat auch für die jüdischen Gemeinden in Deutschland eine große Bedeutung, man spricht vom Wiedererblühen des jüdischen Lebens. Rund 200 000 Juden aus der früheren Sowjetunion waren als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen. Wie greifen Sie das Thema auf?

Vor der Lesung der Luxemburg-Briefe findet im Literaturhaus in Zusammenarbeit mit dem RBB die Podiumsdiskussion „Ankommen in Berlin – Das Forum mit Harald Asel“ statt. Darin soll es um das Ankommen in Berlin nach der Jahrhundertwende und nach dem Fall der Berliner Mauer gehen. Im Rahmen der Kulturtage wird im Centrum Judaicum darüber hinaus die Kunstausstellung „?! Angekommen!?“ eröffnet.

Was sind nach dem Vorverkauf die begehrtesten Programme beim Publikum?

Das sind die Klezmatics als Grammy-ausgezeichnete Klezmer-Band, die am 13. November in der Synagoge Rykestraße auftreten. Katja Riemanns Programm ist stark nachgefragt. Meine kleine Matinee „Gott lacht mit seinen Geschöpfen“ im Renaissance-Theater am 10. November ist seit Wochen ausverkauft. Die Leute lieben es zu lachen. Auch die beiden humoristisch-musikalischen Abende „Lerne lachen, ohne zu weinen“ sind begehrt. Das Programm wird von Simone Thomalla, Nadine Schori, Pierre Besson und Christoph M. Orth gestaltet, die Musikalische kommt von Sharon Brauner und Karsten Troyke. Ich tauche wie in der Muppet-Show ab und zu auf und erzähle einen Witz.

Kürzlich ist ein junger Syrer mit Messer auf das Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße zugestürmt, er konnte überwältigt werden. Wenige Tage später gab es einen mörderischen Anschlag auf die Synagoge in Halle. Wie sicher kann sich das Publikum der Kulturtage fühlen?

Wir haben einige Meetings zur Frage der Sicherheit gehabt. Wir glauben, dass wir mehr dafür getan haben als eigentlich nötig wäre. Insbesondere in der Synagoge Rykestraße wird es doppelte Sicherungen durch die Behörden und die Sicherheitskräfte der Jüdischen Gemeinde geben. Besucher sollten aber rechtzeitig kommen, weil die Kontrollen etwas Zeit benötigen. Man darf keine Rucksäcke mitbringen, Handtaschen sollen nicht größer als DIN A4 sein.

Gibt es hinter den Kulissen der Kulturtage noch Vorgänge, nach denen man normalerweise nicht fragen würde?

Wenn uns die Manager die Verträge ihrer Künstler zuschicken, dann sind darin auch die Anforderungen ans Catering hinter der Bühne enthalten. Da wir eine Synagoge bespielen, müssen wir schon darauf achten, dass wir keine Schweinswürste hinstellen. Aber es ist erstaunlich zu sehen, wer sich als jüdischer Künstler koscher ernährt und wem es egal ist.