Konzert-Kritik

Fettes Brot in Berlin: Jede Lovestory hat schlechte Phasen

Fettes Brot spielen mit ihrer „Lovestory“-Tour in der Columbiahalle. Ihren Fans sind sie schon lange ans Herz gewachsen. Zum Glück.

Treue Gemeinde: Die Berliner Fans lieben Fettes Brot seit mittlerweile Jahrzehnten.

Treue Gemeinde: Die Berliner Fans lieben Fettes Brot seit mittlerweile Jahrzehnten.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Berlin. Mit Selbstbewusstsein zieht es sich immer am besten in die Schlacht. Und wenn die Vergangenheit etwas gelehrt hat, mangelte es Fettes Brot an diesem nie. So ergibt es Sinn, dass zum Auftakt des Konzertes der Hamburger in der ausverkauften Columbiahalle König Boris zuerst das Wort erhebt. Gleich zu Beginn erklärt er: „Ich liebe mich.“

Die Fans lieben ihn, seine Bandkollegen Björn Beton und Doktor Renz ohnehin. „Lovestory“ heißt entsprechend passend das neue Album des Trios, und nach dem Intro spielt das erst einmal gar keine Rolle mehr. „Wackelige Angelegenheit“, „Erdbeben“ (an diesem Abend vorgetragen vom „Trio de Janeiro”), dann der Hit „Emanuela” (kompetent auf „Bad Guy” von Billie Eilish gemixt) - man überlässt wenig dem Zufall.

Seit ihrem Durchbruch in den 90er-Jahren haben Fettes Brot eine Fangemeinde, die sie nicht im Stich lässt, der die Hamburger als zuverlässige Zeitmaschine dienen, zurück in die verrauchten Butzen der Studienzeit, in denen man sich fröhlich enthemmt „Jein“ entgegenbrüllte.

Es ist viel Nostalgie im Spiel, auch an diesem Abend. Fettes-Brot-Tourneen sind Greatest-Hits-Tourneen, auch, weil sie davon so viele haben, Schlager eines Bildungsprekariats, für vor dem Schnaps, wenn das mit dem Denken noch funktioniert („An Tagen wie diesen“), und für lange danach (das mit „Bettina“ und ihren Brüsten, zum Beispiel).

Fettes Brot hat es schon einmal viel, viel besser gemacht

Auffällig ist, dass die neuen Lieder von den Fans durchaus warm aufgenommen werden, aber eben doch stark abfallen zu dem, was über Jahre, Jahrzehnte an und ins Herz gewachsen ist. Das liegt zum einen daran, dass Neues ja oft immer erst einmal ein bisschen bezweifelt, begriffen werden muss. Im Fall der Brote aber vor allem daran, dass der Sprachwitz etwas flacher, auch die musikalische Ausgestaltung etwas fader geworden ist.

„Deine Mama“ ist einer dieser neuen Songs, die wohl damit spielen, dass Fettes Brot nun alt genug sind, sich für die Mutter statt für die Töchter zu interessieren. Leider ist „Girl, du bist heiß und süßer als Zucker/Doch tut mir leid, ich will deine Mutter“ textlich unangenehm, groovt aber dank der kompetenten Band wenigstens.

„Geile Biester“ kommt mit tierischen Geräuschen irgendwie albern, „Robot Girl“ auf jeder Ebene schlicht fad. Es fühlt sich alles irgendwie an, als hätten die Brote das alles schon einmal viel, viel besser gemacht.

Schwamm drüber, es gibt ja „Schwule Mädchen“

Und tatsächlich folgt auf jedes neue auch meist ein altes Lied, dass das noch offensichtlicher macht. „Denxu“ reiht sich noch ganz gut ein. „Du driftest nach rechts“, ein Lied über eine Freundin, die immer mehr populistischen Thesen verfällt, ist zwar schön gedacht, aber irgendwie so plakativ und simpel ausformuliert, dass es ein bisschen nach Schulaufführung zehnte Klasse klingt, Leuchteherzen auf dem Rücken inklusive. Dazu kommt dieser Dudelpop-Teil nach dem Chorus, der klingt, als covere eine Abiband Rihanna-Dance-Songs von 2012.

Schwamm drüber, wenn man dafür „Schwule Mädchen“ im Repertoire hat, wenn man die Columbiahalle eben doch immer noch beinahe abreißen kann, weil die Leute noch „Da draußen“ sind. Live war immer die wahre Stärke der Hamburger, und wie sie ganz nebenbei „Firestarter“ von The Prodigy, ein bisschen Frank Sinatra und ein bisschen Depeche Mode in ihre Klassiker mischen - das ist die Spielkunst und -freude, mit der sie groß wurden. Und dann jetzt auch sind.

Und dass am Ende alle die 9. von Beethoven grölen, muss man auch schaffen. Jede Lovestory hat ein paar schlechte Phasen. Solange das Herz am rechten Fleck bleibt, darf weiter geliebt werden.