Rezension

Frederick Forsyths neuer Roman „Der Fuchs“

Der neue Roman des Erfolgsautors Frederick Forsyth ist erschienen: „Der Fuchs“ handelt von einem jugendlichen Hacker

Der britische Autor Frederick Forsyth ist 81 Jahre alt.

Der britische Autor Frederick Forsyth ist 81 Jahre alt.

Foto: picture alliance / Photoshot

Der Schakal stand im Regal, im Wohnzimmer meiner Eltern. Die Bücher waren allesamt Leinenbände. Das Lexikon war allerdings nur zweibändig (A-K und L-Z) - überschaubar wie die Welt, damals in den Siebzigern. Neben dem Schakal von Frederik Forsyth stand die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Die meisten Bücher kamen durch die Mitgliedschaft im Buchclub Bertelsmann ins Haus. Frederik Forsyths neuer und - wie er wieder mal behauptet - letzter Roman erschien soeben auf Deutsch: bei C. Bertelsmann: „Der Fuchs“.

Natürlich liefert Forsyth wieder einen politischen Thriller. War der Schakal noch ein gejagter Auftragskiller in Frankreich, so ist der Fuchs ein jugendlicher Hacker aus England, der am Asperger-Sydrom leidet: fast schon ein Opfer, das vom Westen benutzt aber auch beschützt wird, denn gejagt wird auch der Hacker - ja, von den Russen. Immerhin geht es um die Kontrolle der feindlichen Waffensysteme. Gleich zu Beginn entert ein britisches Einsatzkommando das Einfamilienhaus seiner arglosen Familie in einem friedlichen Vorort der Provinzstadt Luton. „Niemand sah sie. Niemand hörte sie. Die schwarz gekleideten Special-Forces-Soldaten schlichen unbemerkt durch die pechschwarze Nacht auf das Zielobjekt zu.“

Forsyth ist psychologische Tiefe nicht so wichtig

In diesem Stil und Tempo geht es weiter: „Beim dritten Klingeln ging die Nachttischlampe an. Der Schläfer war jetzt hellwach und einsatzfähig - die Folge eines lebenslangen Trainings.“ Mit psychologischen Charakterstudien hält Forsyth sich nicht lange auf. Das entspricht nicht zuletzt auch seinem persönlichen Schreibtempo. Nach aufwendigen Recherchen, sortiert er zuhause sein Material, den Text tippt er dann innerhalb weniger Wochen in seine Schreibmaschine. Computer lehnt der inzwischen 81-Jährige beim Schreiben noch immer ab.

Das erstaunt natürlich, wenn er jetzt von militärischen Datenspeichern der NSA berichtet und wie ein 18-Jähriger heimlich in sie eindringt. Und es wirkt dann doch aus der Zeit gefallen, wenn Forsyth im Buch die Bedeutung von Trojanern oder Malware erklärt, als wüsste der moderne Leser nicht längst mehr über die Firewall seines PCs, als über altertümliche Schreibmaschinen.

Aber so darf man Forsyth natürlich nicht lesen. Wenn er im neuen Roman an 9/11 erinnert, „bohrt“ sich der American-Airlines-Flug Nummer 77 ins Pentagon“. Und in New York sackte der Südturm zu einem „Berg von rotglühendem Schutt zusammen“. Geschenkt. Wer saubere Prosa sucht, greift kaum zu einem Spionage-Thriller. Frederick Forsyth selbst hält die Bond-Romane von Ian Fleming für großartige Fiktion. Und er hat nie einen Hehl daraus gemacht, was er über die Anspruchshaltung des Literaturbetriebs denkt: „Diese Gequatsche über Literatur nervt. Ich brauch das Schreiben nicht, das ist doch in Wirklichkeit eine sehr einsame und harte Arbeit.“ Keine Frage: Der Mann wollte zeitlebens mit Schreiben Geld verdienen.

Die klar eingeteilte Welt des Kalten Krieges

Und hat er ja auch. Schon sein erstes Buch stand 23 Wochen lang auf Platz Eins der Spiegel-Bestsellerliste. Das waren natürlich andere Zeiten. Als Forsyths Schakal 1971 sein Attentat auf den französischen Präsidenten Charles de Gaulle plant, ist Willy Brandt Bundeskanzler und die RAF tötet in der BRD einen Polizisten, ihr erstes Opfer. Ein Jahr später dann der Angriff von Terroristen auf das Olympische Dorf in München. Eigens für die Olympiade 1972 hatten meine Eltern einen Farbfernseher angeschafft. Dann diese Bilder. Trotzdem: Der Eiserne Vorhang teilte die Welt noch brav in Gut und Böse, und der Schakal garantierte spannende Unterhaltung im heimischen Bücherregal gleich neben der anspruchsvollen „Deutschstunde“. Bei einem Thriller, so Forsyth in einem Interview, ginge es darum, „einem Bankangestellten oder Versicherungsmakler für ein paar Stunden eine unbekannte, gewaltbereite Welt zu zeigen, die sich meilenweit von seinem langweiligen Dasein unterschiedet.“

Aber funktioniert das heute noch? Jedenfalls im politischen Weltbild von Frederick Forsyth ist noch immer klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. Sicher, auch der britische MI6 muss tricksen. Immerhin gilt es die Welt zu retten. Im Spiel der Geheimdienste gibt es Opfer auf beiden Seiten Auch die russischen Gegenspieler sind kluge Strategen, dienen aber einem „kaltäugigen, kleinen, ehemaligen Geheimpolizisten mit einer Vorliebe für homoerotische Fotos von sich selbst, auf denen er mit blanker Brust und einem Gewehr in den Händen durch Sibirien ritt.“

Edward Snowden gilt als „Verräter“

Da Frederick Forsysth wie schon im Schakal auch beim Fuchs immer wieder auf reale Figuren und Vorkommnisse rekurriert (etwa den Giftanschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal), siedelt er seinen Roman bewusst in der realen Welt an. Wenn er Edward Snowden dann schlicht als „Verräter“ bezeichnet, darf man das wohl als politische Sicht des Autors verstehen.

Auch die mag man überlesen. In der Welt der Spionage-Thriller bildet Frederick Forsyth quasi das Gegenmodell zu seinem stets moralischen Landsmann John le Carré, über dessen aufrechte Charaktere man ja auch wunderbar einschlafen kann. Forsyth hält wach. Der Mann ist ein Handwerker vor dem Herrn - auf seiner Schreibmaschine. Das muss man ihm lassen: auch sein letzter Roman ist ein echter Page-Turner. Im Teakholz-Regal meiner Eltern fand übrigens dann auch John le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ noch seinen Platz, gleich neben „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ von J. M. Simmel.

Frederick Forsyth, Der Fuchs. C. Bertelsmann, 320 Seiten, 20 Euro.