Pergamonmuseum

Im Babel-Bibel-Streit gerieten die Gelehrten aneinander

Das Pergamonmuseum erinnert an den historisch-theologischen Babel-Bibel-Streit, der seinerzeit sogar Witzblätter beschäftigte

In Holzkisten wie diesen wurden Ziegelfragmente aus Babylon nach Berlin transportiert.

In Holzkisten wie diesen wurden Ziegelfragmente aus Babylon nach Berlin transportiert.

Foto: Olaf M. Teßmer / Staatliche Museen zu Berlin - Vorderasiatisches Museum

„Hier wird gestritten!“ steht auf einer Litfaßsäule im Berliner Pergamonmuseum. Eine unwiderstehliche Einladung, in ein Seitenkabinett einzutreten und der Sache mit dem sogenannten „Babel-Bibel-Streit“ auf den Grund zu gehen. In der historisch-theologischen Auseinandersetzung ging es um die Frage, ob die biblischen Schriften weitgehend auf babylonischen und assyrischen Vorlagen fußen. Vom Zaun gebrochen hat den Disput der Begründer der Vorderasiatischen Sammlung in Berlin und Mitinitiator der Deutschen Orient-Gesellschaft, Friedrich Delitzsch (1850-1922).

Die ausgestellten Keilschrifttafeln, Reliefs und Figürchen gehören zu den frühesten Stücken, die ins Museum gelangt sind. Delitzsch war beim Entziffern verblüfft über Analogien zur Bibel. Den Schöpfungsbericht oder die Sintflutgeschichte fand er fast wortwörtlich in Tausende Jahre alten Keilschriftbelegen. Anfang 1902 hielt der Assyriologe im Beisein des deutschen Kaiserpaares in der Berliner Singakademie einen Vortrag mit dem knappen Titel „Babel und Bibel“, der wie eine Bombe einschlug. Der Kaiser war von dem Professor begeistert.

Die Bibel sollte neu bewertet werden

In der Folge gerieten Delitzsch und seine Thesen aber zunehmend unter Druck, die konservativ-protestantische Seite sah die Offenbarungsreligion infrage gestellt und auch die jüdische Seite war irritiert. Der Angegriffene ließ sich zu Polemiken hinreißen. Er behauptete eine kulturelle, sittliche und schließlich sogar religiöse Überlegenheit der babylonisch-assyrischen Kultur über die alttestamentlich-israelitische, spekulierte über eine arische Herkunft Jesu und empfahl, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon auszuschließen.

Der Babel-Bibel-Streit trug erheblich zur Popularisierung der Altorientalistik bei, ramponierte aber nachhaltig den Ruf des „Professor Babylonowitsch“, wie ihn Satiriker nannten. Eine zeitgenössische Karikatur zeigt, wie der Professor von einem babylonischen Fabeltier gegen eine Kirchenmauer gequetscht wird. Der „Simplicissimus“ druckte eine Zeichnung, auf der ein assyrischer Herrscher einen Diener, der Bockwurst serviert, anfährt: „Hebe dich hinweg Sklave. Wir können in Babylon keine Wurst mehr essen, wenn nicht die Berliner ihren Senf dazu gegeben haben.“

Die Ausstellung bietet einen vergnüglichen Einstieg in ein historisches Thema, ohne jedoch theologische Streitpunkte zu vertiefen. Dass Fragen nach dem Ursprung des Alten Testaments und seinem Verhältnis zum Neuem Testament keineswegs als historisch abgehakt werden können, belegen jüngere Bibelstreitfälle. Ende der 1990er-Jahre war es der Ägyptologe Jan Assmann (“Moses der Ägypter“), der eine „Gedächtnisspur“ vom Aton-Kult des Pharaos Echnaton in die Überlieferungen der Bibel zog und viel Gegenwind erhielt.

Vor vier Jahren erregte mit Notger Slenczka ein Dogmatiker der Berliner Humboldt-Universität öffentliches Aufsehen mit dem Vorschlag einer Dekanonisierung des Alten Testaments und musste sich den Antijudaismusvorwurf gefallen lassen. Der Vorwurf krankt indes an umstandsloser Identifikation von Altem Testament und jüdischer Religion. Nach neuerem Forschungsstand ruhen die Fundamente von Christentum und rabbinischem Judentum auf einer gemeinsamen Überlieferungsbasis.

Pergamonmuseum, Museumsinsel Berlin, Bodestraße 1-3, Berlin-Mitte, Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr. Bis 28. März 2020.