Konzert

Patti Smith in Berlin: Feier der Verschwundenen

Die Dichter-Sängerin Patti Smith spielt ein intimes Duo-Konzert im Pierre Boulez Saal in Berlin.

Patti Smith im Pierre Boulez Saal.

Patti Smith im Pierre Boulez Saal.

Foto: Peter Adamik

Berlin. So nah sind Menschen, die nicht gerade ihre Freunde sind, Patti Smith vermutlich lange nicht gekommen. Keine zwei Meter trennt die erste Stuhlreihe im Pierre Boulez Saal von der Dichter-Sängerin. Keine Absperrungen, keine Sicherheitsvorkehrung. Nur Smith, die mit jedem ihrer 72 Jahre mehr wie eine weise, wütende Schamanin aussieht, und ihr langjähriger Mitmusiker Tony Shanahan.

Diese Intimität hat jedoch naturgemäß den Beigeschmack des Exklusiven: Es mangelt nicht an Abendgarderobe im fast schon über-geschmackvollen Kammermusiksaal in Mitte. Doch es bleibt seit Jahren ihr Geheimnis, wie Smith ihr Angekommensein in der Hochkultur vereinen kann mit der ungebrochenen Aura des Punk, den sie schon spielte, als es ihn noch gar nicht gab.

Das Duo-Konzert steht unter dem Motto „Erinnerung“ – und ja, man könnte meinen, dass mehr Lieben der Patti Smith nicht mehr auf diesem Planeten weilen als andersherum. Sie singt Lieder für ihrem Ehemann Fred „Sonic“ Smith, dessen Tod sich an diesem Tag zum 25. Mal jährt. Sie liest Erinnerungsstücke an Robert Mapplethorpe, mit dem zusammen sie sich in den 60er-Jahren in New York als Künstlerin erfand. Er hätte am selben Tag Geburtstag – auch er seit 30 Jahren tot.

Patti Smith singt an gegen ihre eigene Musealisierung

Nach den bewusst statischen Song-Meditationen „Wing“ und „Beneath the Southern Cross“ droht der Abend für einen Moment in Andächtigkeit zu versinken. Da kramt Smith ihren Klassiker „Dancing Barefoot“ raus, lässt mitstampfen und -klatschen, singt hoch konzentriert an gegen ihre eigene Musealisierung. Sie macht Witze darüber, dass sie sich im ovalen Konzertsaal, von Publikum umgeben, immer um sich selbst drehen müsse, und man ihr beim Verbeugen von hinten auf den Hintern schauen kann.

Dann spielt sie eine völlig anverwandelte, durchlebte Version von Lou Reeds „Perfect Day“ – für Berlin, wie sie sagt. Sie habe einen wunderbaren Tag allein verbracht, sei im Café gewesen und auf ihrem Lieblingsfriedhof und habe sich verlaufen. Da hätte es vor dem Konzert keine Zeit mehr gegeben zum Haarewaschen – was man ein paar ihrer lustig improvisierten weißen Zöpfe durchaus ansieht. Gelächter.

Und weil doch nicht nur Tod und Abschied herrschen, weil, wie Smith sagt, Erinnerung auch eine Feier sein kann derer, an die man sich erinnert, gibt es noch eine ergreifende Version des Wiegenlieds „The Jackson Song“, den sie einst für ihren Sohn geschrieben hat. Sie widmet ihn ihrem Enkel Frederick, der nach Fred heißt und am selben Tag Geburtstag hat. Verrückter 4. November.

Tosender Applaus und stehende Ovationen für Patti Smith

Sie habe damals ein Lied schreiben wollen, das Kinder in den Schlaf singt und Erwachsene zum Weinen bringt. Im Tonstudio war Mapplethorpe vorbei gekommen, kurz vor seinem frühen Aids-Tod. Als Smith nach der Aufnahme zu ihm schaute, war er in einem Sessel eingeschlafen. Ihr Mann Fred stand daneben und weinte.

Patti Smith, das steht zu hoffen, wird ihnen allen noch lange nicht folgen. Zu tosendem Applaus und stehenden Ovationen geht sie von der Bühne, schüttelt Hände, tätschelt Schultern, hüpft hoch, um jemandem aus dem Rang High Five zu geben. Vielleicht hat die schiere Zahl ihrer Verluste ihr eine Art Superpower gegeben.