Konzertkritik

Italien feiert seinen ESC-Sieger Mahmood im Frannz Club

Im Berliner Frannz Club wird das ESC-Lied „Soldi“ von Mahmood von den überwiegend italienischen Fans wie eine Hymne zelebriert.

Mahmood wurde beim Eurovision Songcontest in Tel Aviv Zweiter.|

Mahmood wurde beim Eurovision Songcontest in Tel Aviv Zweiter.|

Foto: Henrik Montgomery/Tt / picture alliance / TT NYHETSBYRÅN

Seinen Hit „Soldi“ hat sich der diesjährige ESC-Zweite Mahmood am Sonntag im ausverkauften Berliner Frannz Club bis fast zum Schluss aufgehoben. Dabei ist es ganz egal, welches Lied seines Albums „Gioventù Bruciata“ er an diesem Abend auch anstimmt. Mahmood wird wie ein Superstar von den etwa 500 Fans gefeiert. Kaum eine Hand bleibt unten, als er fragt, wer denn alles aus Italien komme.

Viele hier haben ihre Heimat Italien längst hinter sich gelassen. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Perspektive nach Berlin gekommen, geflüchtet vor Jugend- und Perspektivlosigkeit. „Menschen, die wie ich aus dem Nichts kommen und nichts haben, können alles erreichen — wenn sie sich auf ihren Traum konzentrieren“, sagt Mahmood, dessen Karriere durch die Teilnahme an der italienischen Version von X Factor geebnet wurde, im Gespräch mit unserer Redaktion. Seine Botschaft: Seht her, ich bin einer von Euch!

In einer lässig mit einer Metallkette verzierten Lederhose steht Mahmood auf der Bühne, wobei er dabei nur wenige Minuten der knappen Stunde Konzertzeit wirklich auf einer Stelle steht. Mahmood springt auf und ab, mit seiner zu einer Pistole geformten Hand feuert er zu „Sabbie Mobillie“ in Richtung Publikum.

Mahmood belegte beim ESC den zweiten Platz

Beim ESC wurde Mahmood Zweiter, nur knapp hinter dem Niederländer Duncan Laurance. Weniger als 30 Punkte trennten die beiden voneinander. Ein Sieg beim ESC, so war im Vorfeld geschrieben worden, wäre ein Zeichen, das Italien an Europa senden würde. Ein Land, das doch soeben erst seine Häfen für im Mittelmeer von Hilfsorganisationen gerettete Flüchtlinge geschlossen, und das unter der vor ein paar Monaten gewählten Regierung, einen besonders harten Kurs in der Migrationspolitik eingeschlagen hatte.

Mit seiner Teilnahme beim ESC war Alessandro Mahmoud, so sein bürgerlicher Name, quasi über Nacht und unfreiwillig zum Gegenpol einer Ressentiments schürenden italienischen Politik geworden. Ein ESC-Sieger mit Migrationshintergrund, Sohn eines ägyptischen Vaters und einer sardischen Mutter, würde auf der anderen Seite — so die Hoffnung vieler — als eine Art politisches Symbol die italienische Politik, die insgeheim vom im August zurückgetretenen Salvini geführt wurde, konterkarieren. Ein Sieg Mahmoods wäre nicht nur ein Signal an das rechtsextreme Italien, sondern auch eines an das krisengeschüttelte Europa.

„Mich hat das genervt“ sagt Mahmood, der in Italien geboren wurde und in Gratosoglio, einem Vorort von Mailand, aufwuchs. „Sie haben versucht, mich als politisches Symbol zu instrumentalisieren, aber ich habe mich geweigert.“

Matteo Salvini zeigt Abneigung gegenüber Mahmood

Nachdem klar wurde, dass der 27-Jährige als italienischer Kandidat zum Grandprix nach Tel Aviv reisen wird, gab es nicht nur den für solche Anlässe gewöhnlichen Applaus aus der Politik. Der damalige Innenminister Matteo Salvini polterte nach Mahmoods Sieg beim italienischen Vorentscheid — in Italien fährt der Sieger des im Fernsehen übertragenden Gesangswettbewerb San Remo zum Grandprix — auf Twitter: „Mahmood... na ja... Das schönste italienische Lied?!? Ich habe Ultimo (wurde bei dem Wettbewerb Zweiter hinter Mahmood; Anm. d. Red.) gewählt, was denkt Ihr?“

Wohlwissend, damit den Geschmack der Leute getroffen zu haben. Denn Mahmood holte bei den Fernsehzuschauern gerade mal 14 Prozent der Stimmen; nur dank der Jurystimmen sicherte er sich sein Ticket für Tel Aviv. Salvini hatte ein Feuer entfacht: In den sozialen Netzwerken entbrannte nach seinem Tweet eine zum Teil rassistische Debatte. „Sie haben uns einen Vollhorst aufs Auge gedrückt“, hieß es da etwa. Kommentare wie „Ali Baba“ gehören noch zu den nettesten.

ESC-Lied „Soldi“ wird wie Hymne in Berlin zelebriert

In Berlin ist von einer solchen Stimmung nichts zu spüren. Im Gegenteil: Mahmood, der mit „Soldi“ vier Mal mit Platin in Italien holte, wird frenetisch gefeiert. Es ist so, als hätte sich ein Teil der in Berlin lebenden italienischen Enklave zu einer Art Volksfest versammelt. Wie eine Hymne wird Mahmoods ESC-Lied „Soldi“ gerade zu inbrünstig zelebriert. Er wirkt dabei selbst wie ein Kind, das zu seiner eigenen Musik, einer Mischung aus Soul, Pop und R&B, tanzt.

Gerade mal 56 Minuten dauert der Auftritt, ohne große Pausen spielt Mahmood sein Programm ab. Und wenn er wie etwa bei bei „Asia Occidente“ einmal aussetzt, setzt das Publikum fehlerfrei ein. Mitreißend und authentisch und irgendwie ziemlich echt, „real“, wie man so schön neudeutsch sagt, wirkt dieser Mahmood.

Dass er bis zum Morgen noch auf der Tanzfläche der Grießmühle, einem in der Berliner Technoszene beliebten Club, stand, ist ihm in keinen Moment anzumerken. Anschließend wolle er vielleicht noch ins Berghain. „Aber ich muss am Montagmorgen arbeiten“, sagt Mahmood, der vor ein paar Wochen im Europäischen Parlament aufgetreten ist. Über Politik spreche er aber nicht so gerne. „Ich konzentriere mich auf meine Musik.“

Und so wundert es kaum, dass Mahmood die Aufregung um die Sache mit Salvini pragmatisch nimmt. „Er mochte einfach einen anderen Song mehr als ‘Soldi‘. Und das ist okay.“