Theater

Der Lebenshunger der „Franziska Linkerhand“

Daniela Löffner bleibt bei der Bühneninszenierung für das Deutsche Theater nah an der Buchvorlage von Brigitte Reimann.

Impressionen vom Stück.

Impressionen vom Stück.

Foto: Deutsches Theater

Rein und weiß liegt dieses Land und dieses Leben als Papierbahn vor uns. Bis an die Rampe reicht der Streifen, den die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer gerade von einer riesigen Papierrolle gelassen hat. Jetzt fährt die Rolle nach oben, eine Hohlkehle entsteht, bereit, beschrieben zu werden. Mit der Geschichte der „Franziska Linkerhand“, mit den Auf- und Umbrüchen eines sehnsüchtigen Lebens in den 60er-Jahren der noch jungen DDR, so wie es Brigitte Reimann in ihrem gleichnamigen, durch den frühen Tod der Autorin unvollendet gebliebenen und 1974 postum erschienenen Roman aufgeschrieben hat.

Tatsächlich hält sich Regisseurin Daniela Löffner, die das Werk anlässlich des Mauerfalljubiläums auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht hat, eng an die inhaltlichen Eckpunkte der Vorlage. Wir erleben Franziska Linkerhands Reifung zur jungen Architektin, die nach Neustadt (das für Hoyerswerda steht) geht, um dort am sozialistischen Städtebau mitzuwirken. Sie will das Zusammenleben der Menschen neu und würdevoll gestalten. Ihr Chef allerdings will Werkstätigenunterkünfte bauen, „so schnell, so viele, so billig wie möglich.“

Kathleen Morgeneyer spielt Franziska Linkerhand mit melancholischem Trotz

Kathleen Morgeneyer in der Titelrolle ist eine hervorragende Besetzung, den Lebens- und Liebeshunger der Franziska Linkerhand spielt sie zurückgenommen, mit einem melancholischen Trotz, der unermüdlich glimmt. Umso stärker spürt man die Weite ihres Denkens, die so heftig kollidiert mit der Enge ihres Umfelds. Verstärkt wird das durch Videoprojektionen ihres Gesichts, ihrer Hände in Großaufnahme. Auf dem Boden ist inzwischen ein Wohnungsgrundriss zu erkennen, ein nach Effizienzkriterien entworfener Lebensraum für entindividualisierte Menschen.

Für die Bühnengestaltung ist Wolfgang Menardi verantwortlich. Sie ist ebenso gelungen wie das ausgewogene Zusammenspiel der Figuren. Wir sehen in diesen vier Theaterstunden große Ideale und kleines Glück, auch Angepasstheit und Verzweiflung. Was dabei allerdings über weite Strecken zu kurz kommt, ist die spezielle Atmosphäre dieser Jahre, all die Beobachtungen und Alltagsdetails, die den Roman so reich machen. Das ist einerseits ein Manko dieses Abends, andererseits macht er gerade damit auch große Lust auf eine (Wieder-) Entdeckung des Originals.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine: 07.11., 17.11., 25.11., je 19.00 Uhr.