Staatsoper

In Scarlattis „Il primo omicidio“ wird barock gemeuchelt

Alessandro Scarlattis Oratorium „Il primo omicidio“ kommt anlässlich der Barocktage in der Staatsoper Unter den Linden zur Aufführung.

„Il Primo Omicidio“ - (v.l.): Brigitte Christensen (Eva), Thomas Walker (Adamo), Olivia Vermeulen (Abele), Kristina Hammarstroem (Caino)

„Il Primo Omicidio“ - (v.l.): Brigitte Christensen (Eva), Thomas Walker (Adamo), Olivia Vermeulen (Abele), Kristina Hammarstroem (Caino)

Foto: Eventpress Hoensch

Berlin. Für die Verhältnisse einer Barockoper geht es akustisch wüst zu an der Staatsoper Unter den Linden: Zur großen Premiere der Barocktage im zweiten Jahr illustriert ein Donnerblech den Mord des biblischen Kain an seinem Bruder Abel, das Pfeifen des Windes aus dem Off versinnbildlicht den teils recht aggressiven und hintertriebenen Geist Gottes.

Wobei das von René Jacobs für diese Produktion entdeckte Werk von Alessandro Scarlatti „Il primo omicidio“ gar keine Oper ist, sondern vielmehr ein Oratorium – es wurde im Jahr 1707 in einer Kirche aufgeführt, sollte dem einfachen Volk die biblische Handlung mitsamt ihrer moralischen Hintergründe nahebringen, und der Komponist musste dafür tatsächlich das Sinnliche nicht mittels Budenzauber auf der nicht existenten Bühne, sondern in Klang und Musik selbst anfachen.

Dieser Ehrgeiz des genialen sizilanischen Komponisten war die Folge eines Banns, den der Papst in Rom Anfang des achtzehnten Jahrhunderts über Theater und Opernhäuser der Ewigen Stadt verhängt hatte: Es galt für die Künstler, ihr Heil in Kirchenmusik zu suchen – welche nicht nur, aber vor allem im Fall Scarlattis in jenen Jahren entsprechend atmosphärisch, plastisch und opernhaft dramatisch geriet.

Scarlatti zeigt sich als Wegbereiter Glucks und Mozarts

Mit der Unterstützung des ehemaligen Countertenors und jetzigen prominenten Dirigenten René Jacobs sowie des B‘Rock Orchestra hört das Berliner Publikum nach den Aufführungen an der Opéra national de Paris sowie dem Teatro Massimo in Palermo nun schließlich ebenfalls die musikalische Brisanz von Scarlattis Partitur, welche sich nicht zuletzt in der Form der Sinfonia äußert: Eine unmittelbare theatrale Darstellung dramatischer bis grausiger Vorgänge gab es im Barocktheater kaum. Scarlatti verlagert Mord und Totschlag in die Sinfonia, ins Zwischenspiel, das sich mit dieser Aufladung anschickte, zum großen Orchesterstück und schließlich vierzig Jahre später zur Sinfonie zu werden.

Selten kann man diesen Aspekt von Musikgeschichte so direkt nachvollziehen wie hier. Scarlatti wird mit diesem selten bis nie gespielten Oratorium seinem Ruf gerecht, ein barocker Wegbereiter des expressiven klassischen Musiktheaters von Gluck und Mozart zu sein.

Romeo Castellucci, der kontroverse italienische Theatermann, ist mit dem biblischen Spiel einerseits, den Verweisen auf das erzkatholische römische Umfeld der Entstehung voll in seinem Element – und kann über die Dauer von zwei Stunden doch längst nicht in allen szenischen Belangen überzeugen. Plausibel ist, wie statisch Castellucci die Figuren Kain und Abel sowie ihre Eltern Adam und Eva über die Bühne führt. Sie werden gehalten wie das Personal auf dem Kirchengemälde des mittelalterlichen Künstlers Simone Martini, das Castellucci zu Beginn verkehrt herum vom Schnürboden herunterhängen lässt: zweidimensional wie Bildbestandteile, in ihren Bewegungen formalisiert wie die ikonenhafte Eva, die auf dem Bild von der teuflischen Schlange eine Verkündigung erhält.

Biblische Archaik weicht bürgerlicher Empfindsamkeit

Auf der Bühne selbst lässt Eva zu Beginn ihre Äpfel zu Boden rollen, die sie offenbar als Trost für die Vertreibung aus dem Paradies gerettet hat. Vor einem in trübem Licht gehaltenen Prospekt singt die norwegische Sopranistin Birgitte Christensen in der Rolle der ersten Frau der Menschheit von jener Vertreibung und vom Ertragen der gerechten Strafe: Die Annäherung des Scarlatti-Oratoriums an die archaischen Anfänge der biblischen Erzählung wirkt hier ein bisschen hausmütterchenhaft – schließlich ist es kaum möglich, den holzschnittartigen Charakteren der Genesis mit den Mitteln der ebenso holzschnittartigen Dramaturgie eines barocken Oratoriums eine Seele einzuhauchen.

Der Tenor Thomas Walker als Evas Mann Adamo kann hier zu Beginn weitaus mehr überzeugen als die Sängerin mit einer noch verhangenen Stimme. Gegen Ende der Oper wird Christensen allerdings einer Arie vom Verlust ihrer Kinder Kain und Abel unter herzzerreißender Begleitung zweier Soloviolinen so sehr Seele einhauchen, dass die biblische Archaik vollends der Empfindsamkeit des noch nicht mal angebrochenen bürgerlichen Zeitalters zu weichen scheint. Allein dieser Arie wegen lohnt den Besuch der Vorstellung.

Schlecht beleuchtete kindliche Heerscharen

Beeindruckend ist auch der szenisch recht diesseitige Auftritt Gottes, der seinen grauen Sakko absichtlich über das Opferfeuer Kains hängt – schließlich ist schon in Scarlattis Oratorium der Schöpfer der Welt und nicht der „erste böse Mensch“ Kain der Fiesling in dem Spiel. Der Gesang des formidablen Altus‘ Benno Schachtner wird bis in alle Verästelungen der Koloraturen so lyrisch wie majestätisch von einer weichen Barockposaune aus dem Orchestergraben begleitet: Dies ist eine der ganz unmittelbaren akustischen Versinnbildlichungen religiösen Gehalts, für welche die modernen Hörer Scarlatti dankbar sein können.

Dagegen geraten szenische Versinnbildlichungen des Regisseurs Castelluccis wie die blutige Markierung des „Opfers“ Abel oft zu konventionell. Olivia Vermeulen in der Rolle des Abel zeigt sich stimmlich durchschlagskräftig und in der sängerischen Gestaltung feingliedrig, kaum dahinter zurück bleibt die schwedische Sopranistin Kristina Hammarström als mörderischer Kain – der genau in jenem Moment, da er den Mord vollführt, erstmals auf der Bühne von einem etwa 8-jährigen Jungen gestisch gedoubelt wird: den Mord vollzieht ein Kind als Sinnbild der menschlichen Unschuld, die nur vom Schöpfergott selbst zum Bösen verführbar ist.

Das mag eine gute Idee von Castellucci sein, die aber im zweiten Teil der Vorstellung so dermaßen und mit schlecht beleuchteten kindlichen Heerscharen ausgewalzt wird, das man diese in der Anlage hervorragende Produktion am Ende doch mit beträchtlichen Ermüdungserscheinungen verlässt.

Staatoper Unter den Linden (Mitte), weitere Vorstellungen: 7. und 9. November, 19 Uhr.