Geschichte

Friedrich II. hat das Berliner Mietenproblem damals gelöst

Im 18. Jahrhundert betrugt der Zustrom nach Berlin ein Vielfaches des heutigen. Trotzdem sanken die Wohnpreise. Wie das möglich war.

Die Klosterstraße mit dem Turm der Parochialkirche auf einer Radierung von Johann Georg Rosenberg, um 1785.

Die Klosterstraße mit dem Turm der Parochialkirche auf einer Radierung von Johann Georg Rosenberg, um 1785.

Foto: akg-images / picture-alliance / akg-images

Berlin. Klar, der Normalfall war das auch damals nicht. Anton Friedrich Büsching schrieb 1775: „Es ist in der That etwas ungewöhnliches, daß ein Landesherr seinen Unterthanen anstatt ihrer alten, niedrigen und geringen Häuser, neue, hohe und schöne steinerne Häuser von weit größerem Werth aufbauen läst, und ihnen eingenthümlich schenket.“

Der weit geachtete Reiseschriftsteller und Geograf schrieb dies über den Preußenkönig Friedrich den Großen, über dessen Wohnungspolitik in der damaligen Hauptstadt Berlin. Und über seine ganz besondere Art von „Mietpreisbremse“, wie man heute dort sagen würde. Tendenziell nämlich liefen die Probleme vor 250 Jahren in dieselbe Richtung wie heute, die Fronten ebenso. Größenordnungen und Lösungen allerdings könnten unterschiedlicher nicht sein.

Einwohnerzahl Berlins war um die Hälfte gestiegen

Es wird eng in Berlin. Zwischen 1999 und 2018 stieg die Einwohnerzahl von 3.386.000 auf 3.644.000. Um siebeneinhalb Prozent in 20 Jahren. Die Folge: Krasse Steigerungen bei den Mieten. Mietobergrenzen, Enteignungen – dies fällt dem Senat dazu ein. Aber sind 7,5 Prozent in 20 Jahren eigentlich viel?

Als Friedrich II. 1740 zum König gekrönt wurde, war die Einwohnerzahl in den zwei Jahrzehnten zuvor um die Hälfte gestiegen. Von 60.000 auf 90.000. Gut, darunter waren einige Soldaten in Kasernen. Doch auch unter Abzug von ihnen wohnten dann im Jahr von Friedrichs II. Amtsantritt ein Drittel mehr Bürger in der Stadt als noch 20 Jahre vorher, das Fünffache (!) der heutigen Wachstumsrate.

Jenes Zitat stammt aus Büschings Buch mit dem elegischen Titel „Beschreibung seiner Reise von Berlin über Potsdam nach Reckahn unweit Brandenburg, welche er vom dritten bis achten Junius 1775 gethan hat“. Unmengen präziser geografischer und sozialer Daten liefert der Autor darin. Als er seine Kutschfahrt entlang der Leipziger Straße wiedergibt, gerät er ins Schwärmen über den „Anblick einer so langen und schönen Straße“, die jeden entzücke, der sie zum ersten Mal durch das Potsdamer Tor betrete.

„Weil der König diese vorhin schon wohl gebauete Straße, und den an derselben liegenden regelmäßigen Dönhoffschen Platz, durch neue, hohe und schöne steinerne Häuser noch mehr verschönert hat. Jetzt werden noch 16 gebauet, welche gewöhnlichermaßen noch vor dem Winter fertig werden sollen.“

Friderizianische Wohnungspolitik: In der Leipziger Straße und Nebenstraßen hat Friedrich II. allein in der Zeit zwischen 1769 und Büschings Spaziergang sechs Jahre später 108 Häuser erbauen lassen. Statt zuvor einstöckige Bauten sorgten jetzt drei- oder vierstöckige für den urbanen Eindruck.

Als Präsente für die jeweiligen Grundstückseigner: „Der König hat durch einen Cabinettsbefehl dem Magistrat anbefohlen, den Eigenthümern darüber Schenkungsbriefe anzufertigen, weil sie ihr Eigtenthum seyn und bleiben sollen, ungeachtet sie auf seine Kosten aufgeführet worden“, schreibt Büsching. In dem Befehl heißt es, dass die Beschenkten „damit überall nach Gefallen schalten und walten mögen, auch selbige, wegen der auf den Wiederaufbau verwandten Kosten, niemals in Anspruch genommen, noch von ihnen die allergeringste Wiedererstattung gefordert werden soll.“

Damaliger Beobachter glaubt an eine Immobilien-Blase

Die Neubauten schlugen durch auf den Wohnungsmarkt: „Es ist wahr, die Preise und Miethen fallen ungefähr seit 1769“, als der König angefangen habe, die Häuser zu bauen „und dadurch mehr Wohnungen zu verschaffen“. Es gab auch Unmut: „Nicht wenige Einwohner dieser Stadt, welche eigene Häuser auf die Weise besitzen, als sie dieselben entweder gebauet, oder geerbet haben, beschweren sich über den königlichen Bau, und erklären ihn für schädlich, weil dadurch der Wert ihrer und aller anderen auf Kosten ihrer Besitzer erbaueten Häuser , heruntergesetzt werde.“

Büsching schlägt sich in diesem Konflikt klar auf die Seite der Mieter, auch seines Landesherrn: „Allein ohne zu erwähnen, dass die Stadt dadurch schöner und ansehnlicher werde, so ist offenbar, dass der größte Theil der Einwohner dadurch gewinne.“

Berliner waren damals schon meist Mieter

Schon damals war Berlin eine Stadt der Mieter, nicht der Eigentümer: „Wahrscheinlicher Weise, sind nicht 6000 Eigenthümer der Häuser in Berlin vorhanden, aber die Familien und einzelnen Personen welche zur Miethe wohnen, sind 4 oder 5 mal mehr, und für diese ist die Verminderung des Miethegeldes sehr erwünscht. Also ist der Königl. Bau im ganzen sehr vortheilhaft.“

Und jenes Argument, dass die königliche „Mietbremse“ den Wert der Häuser verfallen ließe, wischt der so sozial denkende Autor einfach beiseite: „Es ist aber falsch, dass der Königliche Bau an dem Fall der Preise unserer Häuser Schuld sey, denn in vielen anderen Städten nicht nur der Königlichen, sondern auch der auswärtigen Länder, fällt der Preiß der Häuser eben so sehr, als hier, zum deutlichen Beweise, dass man sich zu Berlin eine falsche Ursache dieses Falls einbilde.“

Büsching sah hier eine Art Immobilien-Blase: „Wahrscheinlicher Weise ist dies noch eine Folge des letzten Krieges, in welchem viele Leute durch Handel und andere Unternehmungen, große Geldsummen verdienten, welche sie zum Teil an Häuser verwendeten, die also über ihren Wert im Preise stiegen, der nun notwendig fallen muss, nachdem die Menge des Geldes geringer geworden ist.“

Friedrich II. machte „Unter den Linden“ zur Prachtstraße

Friedrich II. wurde bekannt durch große Repräsentativbauten, er begann, „Unter den Linden“ zur Prachtstraße auszubauen, eine ganze Reihe von Gebäuden aus seiner Zeit wie die Oper oder die heutige Humboldt-Universität dominieren das „Forum Fridericianum“ am Beginn des Boulevards noch heute. Doch offenbar war er auch bemüht um das gemeine Wohnhaus, um das Straßenbild abseits der großen Baudenkmäler. Seine Mietenpolitik: bauen und bauen lassen. Natürlich ließ er den Hausbesitzern nur das Geld zugutekommen, was er zuvor durch Steuern vom braven Bürger eingenommen hatte.

Das hier zitierte Buch ist 2006 unter dem Titel „Anton Friedrich Büsching. Berlin Potsdam Brandenburg. 1775. Beschreibung seiner Reise nach Reckahn“ im Berlin Story Verlag sehr liebevoll wieder aufgelegt worden. Mit vielen Illustrationen, Büschings „Wanderkarte“ und einem umfangreichen Dokumenten-Teil. Es umfasst 755 Seiten.

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