Film Interview

Roland Emmerich: „Ich habe Angst vor einem neuen Krieg“

Filmregisseur Roland Emmerich über seinen Kriegsfilm „Midway“ und das Amerika unter Trump, über Greta Thunberg und den Klimawandel.

Es nervt ihn, dass er immer auf den „Master of Desaster“ reduziert wird: Roland Emmerich, hier in seinem kalifornischen Heim.

Es nervt ihn, dass er immer auf den „Master of Desaster“ reduziert wird: Roland Emmerich, hier in seinem kalifornischen Heim.

Foto: Armando Gallo / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Roland Emmerich lässt es wieder krachen. Diesmal aber hat der deutsche Erfolgsregisseur in Hollywood keinen Katastrophenfilm gedreht, sondern einen Kriegsfilm um die Schlacht von Midway, die die entscheidende Wende im Pazifikkrieg brachte. Den Film „Midway“, der am 7. November in die Kinos kommt, wollte der gebürtige Schwabe schon seit 20 Jahren machen. Dabei wurde das Projekt eigentlich immer wichtiger: um auch mal wieder ein Amerika zu zeigen, auf das seine Bürger stolz sein können. Wir trafen den 63-Jährigen im Berliner Hotel de Rome.

Berliner Morgenpost: Sie haben gerade den Tribute Award in Zürich erhalten. Zuvor gab es schon den Carl-Laemmle-Preis und den Ehrenpreis beim Bayrischen Filmpreis. Kommen Sie jetzt schon in das Alter, in dem man für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird?

Roland Emmerich: Ja, da fragt man sich irgendwann: Muss ich jetzt in Rente gehen? Aber ich möchte schon noch ein paar Filme drehen. Ich mach’ so lange weiter, bis ich nicht mehr darf.

Die Schlacht um Midway ist schon mehrfach verfilmt worden, auch von Hollywood mit Charlton Heston. Warum jetzt noch ein Film?

Zum einen: Der Charlton-Heston-Film ist kein guter Film. Zum anderen war mir ganz wichtig zu zeigen: Die Amerikaner waren auf diesen Krieg nicht vorbereitet. Sie waren schlecht ausgebildet, auch ihre Ausstattung war bei weitem nicht so gut wie die der Japaner.

Sie zeigen nicht nur die Schlacht von Midway, Sie erzählen den ganzen Pazifikkrieg bis dahin.

Midway gilt als die entscheidende Wende im Pazifikkrieg. Ich denke aber eher, Pearl Harbor war der entscheidende Angriff, der den Zweiten Weltkrieg entschieden hat. Der Angriff der Japaner war ein so entsetzlicher Schock für die Amerikaner, dass es keine Frage mehr war, ob sie in den Krieg treten sollen. Ohne Pearl Harbor sähe unsere Welt heute wohl anders aus.

Haben Sie damit auch Jerry Bruckheimer wegen seines „Pearl Harbor“-Films von 2001 eins auswischen wollen?

Der Film hat mich damals wirklich geärgert. Ich wollte „Midway“ schon vor 20 Jahren machen. Das ging erst nicht, weil ich gerade einen Vertrag mit Sony unterzeichnet hatte.

Ein japanischer Konzern.

Und der wollte meinen ersten Film dort mit 150 Millionen nicht finanzieren, wenn der vom Untergang Japans handelte. Also habe ich erst mal „The Patriot“ gedreht. Als dann „Pearl Harbor“ startete, war mir klar, ich muss noch mal fünf bis zehn Jahre warten.

Ist es in Zeiten von Trump auch Balsam, mal wieder eine Geschichte zu erzählen, auf die die US-Amerikaner stolz sein können?

Es ist eher so, dass man sie manchmal ein bisschen anstoßen muss, damit sie sich erinnern, wo eigentlich ihre wirklichen Ideale liegen. Die Amerikaner kämpften im Zweiten Weltkrieg schon auch dafür, ihr Land zu verteidigen. Aber sie haben vor allem die Freiheit verteidigt. Amerika stand mal für Freiheit, Demokratie, Frieden. Und für Moral. Das ist lange vorbei. Zurzeit lachen sich alle über die USA tot. Was da gerade vorgeht, ist dagegen völlig unmoralisch. Aber das ist nicht nur Trump. Es wird hier seit 20, 30 Jahren immer schlimmer. Es gab mal einen Lichtblick mit Obama, aber nur für kurze Zeit. Deshalb wurde meine Filmidee eigentlich immer aktueller. Ich hoffe, Amerika ist jetzt aufgewacht. Ich hoffe auf bessere Zeiten.

Und sollten keine bessere Zeiten kommen, denken Sie je darüber nach, aus den USA wieder fortzuziehen, nach Deutschland zurückzukehren?

Vielleicht nicht nach Deutschland. Ich würde mir eher etwas im Süden von Europa suchen, wo es etwas wärmer ist. Ich habe ein Boot in Griechenland – vielleicht gehe ich ja auf mein Boot? Aber Spaß beiseite: Es ist wichtig, in den USA zu bleiben. Ich habe jetzt einen Pass, ich kann mitwählen. Ich bin auch politisch tätig. Man darf das Land nicht Trump überlassen.

Ist das seltsam, wenn ausgerechnet ein deutscher Filmregisseur einen solchen Hollywoodfilm über dieses Amerika dreht?

Das werde ich eigentlich schon seit 30 Jahren gefragt. Es ist aber so: Ich durfte gleich zwei Mal, als 13-Jähriger und als 14-Jähriger, für drei Monate im Sommer in die USA. Da kam ich schon als kleiner Amerikaner zurück. Ich habe mich damals auch in den Film verliebt. Diese beiden Lieben haben sich irgendwie vermengt.

Es gibt Menschen, die sagen, bei Emmerich gibt es immer Explosionen, es gibt Menschen, die sagen, bei Ihnen gibt es immer Patriotismus. Sind das Ihre Grundzutaten: Explosionen und Patriotismus?

Als wir damals „Independence Day“ geschrieben haben, hat Tim Burton schon „Mars Attacks!“ gedreht. Wir dachten, wir sind zu spät. Wir konnten ihn nur schlagen, wenn wir unseren Film schon vor seinem ins Kino bekommen. Am Independence Day-Wochenende…

… an dem traditionell die meisten Amerikaner ins Kino gehen.

Und wenn das schon im Titel steht, mussten natürlich überall Flaggen wehen. Seitdem hängt mir das nach, dass ich patriotischer als jeder Amerikaner bin. Dabei ist die Hauptgeschichte eigentlich die, dass ein Afroamerikaner und ein Jude die Welt retten. Und dafür musste ich lange kämpfen, da hat sich die 20th Century Fox lange gewehrt. Ich habe mich damals durchgesetzt, ich habe einfach gesagt, Universal würde täglich anrufen. Gut, dann kam auch „The Patriot“. Den fand ich wichtig. Es gibt wenige Filme, die zeigen, wie Amerika entstand und wie der Krieg dort aussah. Und plötzlich war ich Patriot. Das bin ich nicht. Ich bin ein Anhänger des Globalismus. Je globalisierter, desto besser. Denn wenn alle wirtschaftlich miteinander verbunden sind: wie können sie sich dann noch bekriegen?

Es könnten jetzt aber schon ein paar Leute auf die Idee kommen, „Midway“ sei so was wie ein historisches „Independence Day“. Mit Japanern statt Aliens.

Wobei ich die Japaner aber nicht als Bösewichte dargestellt habe. Das war mir sehr wichtig zu zeigen, dass hier zwei Kulturen aufeinanderprallen. Die Produktionsfirma war darüber erst richtig besorgt. Sie war dann völlig überrascht, dass der Film bei Testvorführungen so gut ankam wie „Independence Day“.

Nervt Sie das eigentlich, wenn Sie heute immer noch „Master of Desaster“ genannt werden?

Und wie! Das Schlimme ist, das hat sich ein Freund von mir, Jo Müller, ausgedacht. Der hat sogar eine Biographie über mich so betitelt. Ich habe ihm damals schon gesagt: „Ist dir klar, dass ich mir das jetzt in jedem zweiten Interview anhören muss?“ Ich habe doch auch viele andere Filme gemacht. Aber das ist die Schublade, in die ich immer wieder gesteckt werde. Auch in Amerika.

Aber Ihr nächster Film „Moonfall“ handelt auch wieder vom Mond, der auf die Erde prallt?

Ja, da gibt es ein Katastrophenszenario. Aber das geht diesmal mehr in eine philosophische Richtung. So wie ich auch mit „The Day After Tomorrow“ nicht nur einen Katastrophenfilm gedreht habe, sondern auch den Klimawandel thematisiert habe.

Frustriert das nicht, dass das nur als Popcornkino abgetan wurde?

Wir haben damals nicht nur die klassische Filmwerbetour gemacht. Wir haben auch Klimaforscher mit ins Boot geholt. So dass auch ganz normale Filmmagazine den Forschungsstand hinter dem Film beleuchtet haben. Das war nicht nur Werbemittel, das war wirklich der Grund, warum ich den Film gemacht habe.

Der Film ist schon 15 Jahre alt. Und noch immer gibt es Menschen, und US-Präsidenten, die den Klimawandel leugnen.

Aber dafür hat die kleine Greta Thunberg mit 14 Jahren einen Schulstreik begonnen, der die ganze Welt aufgerüttelt hat. Die Politiker müssen sich eigentlich allesamt schämen. Ich finde es wirklich beschämend, dass Kinder Erwachsenen sagen müssen: Stoppt das, das ist euer Job, sonst haben wir keine Welt mehr.

Verfolgen Sie die deutsche Politik? Was sagen Sie zu dem Klimapaket, das die Große Koalition geschnürt hat?

Das ist alles nicht genug. Man muss sich doch nur den Verkehr hier ansehen. Warum gibt es nicht mehr E-Autos? WO ist der deutsche Elon Musk? Deutschland ist in dieser ganzen Entwicklung schon ziemlich weit hinten. Die beiden größten Umweltverschmutzer sind allerdings China und die USA.

Kann man beim Klimawandel, wie bei Midway im Pazifikkrieg, noch an die große Wende hoffen? Oder ist diese Schlacht schon verloren?

Das ist leider wirklich die Frage. Ich bin kein Experte. Mich treibt nur eine große Angst. Man sieht ja jetzt schon, wie wegen drei, vier Millionen Flüchtlingen aus Syrien und Teilen von Afrika in ganz Europa der Nationalismus und die Rechten wieder auferstehen. Was passiert erst, wenn ganze Landstriche unbewohnbar werden? Ich habe wirklich Angst, dass der Klimawandel zu einem neuen Krieg führen könnte.