Theaterkritik

Die falschen Schuhe zur Kreuzigung

Nicole Heesters spielt in „Marias Testament“ im Renaissance-Theater eine geerdete Mutter Gottes. Und erhält dafür viel Applaus.

Heesters’ großartige Schauspielkunst auf spärlich möblierter Bühne überzeugt das Publikum.

Heesters’ großartige Schauspielkunst auf spärlich möblierter Bühne überzeugt das Publikum.

Foto: Bo Lahola

Berlin. Maria legt Zeugnis ab: „Ich werde nichts sagen, was nicht wahr ist“, kündigt sie an. Es geht um ihren Sohn. Seine Geschichte ist vielfach erzählt worden, nur eben noch nie von der, die es am besten wissen müsste. Die heilige Maria spricht Klartext. Sie will nicht mehr nur die stumm Leidende sein. Und sehr heilig wirkt sie auch nicht gerade, wie sie da am abgewetzten Holztisch sitzt, eine Metallschüssel auf den Knien, und Kartoffeln schält.

Der irische Autor Colm Tóibín erzählt in seiner Novelle „Marias Testament“ die christliche Passions- und Erlösergeschichte aus neuer Perspektive, er lässt Maria kundtun, was in der Bibel nicht vorkommt. Regisseur Elmar Goerden hat eine Theaterfassung für eine Schauspielerin daraus gemacht, einen anderthalbstündigen Monolog, den die Hamburger Kammerspiele produziert haben und der jetzt im Renaissance-Theater gastiert.

Mühelos füllt Nicole Heesters die Bühne

Nicole Heesters spielt diese Maria mit atemraubender Präzision. Mühelos füllt sie die spärlich möblierte Bühne, nichts lenkt ab von dieser Frau, nur eine sehr dezente Lichtregie kommt zum Einsatz. Der Rest ist großartige Schauspielkunst.

Die 82-jährige Schauspielerin zeigt Maria als aufrechte Frau, klar, einfach, aber mit gesundem Menschenverstand. Sie ist keine Heilige, sie ist vor allem eine Mutter. Eine die ihren Sohn nicht erst am Kreuz verloren hat, sondern schon viel früher. Sie forscht selbstkritisch, wann er ihr abhandenkam. Wann fing er an, so gestelzt zu reden und diese Truppe aus „Nichtsnutzen“ um sich zu scharen?

Sie will nicht mitschreiben an der Legendenbildung

Sie erzählt auch von der Hochzeit in Kana. Die Geschichte vom Wasser, das zu Wein wird, kommt ihr reichlich seltsam vor, und die Auferweckung des vermeintlichen toten Lazarus ist für sie eine „Verhöhnung der Natur“. Mit Erlösung und ewigem Leben kann diese geerdete Frau sowieso nichts anfangen. Ihr ist im Gegenteil sehr klar, dass ihr Leben demnächst ein Ende haben wird, das ist der Grund für die Dringlichkeit ihrer Erzählung.

Die fällt allerdings deutlich weniger würdevoll aus, als es sich ihre beiden Beschützer und Bewacher wünschen, die sie immer wieder bedrängen, mitzuschreiben an der Legendenbildung. Maria will das nicht. Wenn sie vom Tag der Kreuzigung berichtet, dann erinnert sie sich an jedes grausige Detail, aber auch daran, wie sehr ihre Füße wehtaten, weil sie die falschen Schuhe anhatte.

Radikal subjektiv und mehr menschlich als heilig

Und dass das mit der Pietà, der Schmerzensmutter so auch nicht stimme, sie habe den toten Sohn nicht im Arm gehalten, sondern sei vorher weggelaufen, um ihr eigenes Leben zu retten. Regelrecht empört ist sie über die Behauptung, ihr Sohn sei der Sohn Gottes, sie weiß nämlich sehr genau, wie das damals mit der Empfängnis und mit Joseph war.

Marias wechselnde Gefühlslagen werden bei Nicole Heesters nicht zu großen Gesten, es ist vor allem ihre Stimme, die solche Momente dirigiert, sie ist kraftvoll und entschlossen, sie bricht aber auch immer wieder ab. Die Stimme stockt, hält inne, wenn die Frau, zu der sie gehört, sich sammelt und sortiert. Zu erleben ist hier ein gerade in seiner Zurückgenommenheit sehr großer Abend, der radikal subjektiv und vor allem sehr menschlich ist. Am Schluss: ein stehendes Publikum und großer Jubel für die Solistin.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100. Kartentel.: 312 4202. Nächste Termine: 24.10. bis 27.10. sowie 03.11. und 04.11.