Gestaltung

Die Antwort Skandinaviens auf das Bauhaus

Das Bröhan-Museum zeigt, wie nordische Designer wie Alva Aalto den Funktionalismus diskutierten und ihren eigenen Weg gingen.

Die Kuratoren Julia Hartenstein und Fabian Reifferscheidt im Bröhan-Museum inmitten von Exponaten zur aktuellen Ausstellung.

Die Kuratoren Julia Hartenstein und Fabian Reifferscheidt im Bröhan-Museum inmitten von Exponaten zur aktuellen Ausstellung.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Obwohl das schmale Krankenbett, der Nachtschrank und der Beistelltisch im zarten, hellen Grün ihre besten Zeiten sichtbar hinter sich haben, wirken sie mit ihren geschwungenen Linien leicht und elegant. Wie auch der abgerundete Wandschrank und das Waschbecken. Ein Foto zeigt das Gebäude, in dem sich das Krankenzimmer befand: Das Paimio-Sanatorium für Tuberkulosekranke im Südwesten Finnlands. Entworfen von Aino und Alvar Aalto. Erbaut von 1929 bis 1933.

Ein weiteres Bild an der Wand verrät, dass man aus dem Fenster in Kiefernwälder blicken konnte, was der Heilung dienen sollte. Schaut man hoch an die Decke, sieht man mitnichten tristes Krankenhaus-Weiß, sondern ein Blaugrün, das die Farben von Wald und Himmel vereint. „Alles ist sehr reduziert, aber genial. Aalto hat darauf verzichtet, Ecken einzubauen, weil die Kittel der Ärzte daran hängen bleiben konnten“, erklärt Fabian Reifferscheidt.

Das kühle, technoide Bauhaus wurde emotional überarbeitet

Der Architekt hat das Krankenzimmer aus der Perspektive eines Erkrankten im Liegen, nicht im Sitzen entwickelt. Selbst der Wasserstrahl im Waschbecken ist flach und leise, um nicht zu stören. „Alles ist abwaschbar, sehr hygienisch und dennoch organisch. Es ist die finnische Art des perfekten Funktionalismus“, sagt Reifferscheidt.

Mit seinem modernen Meisterwerk schrieb Aalto Design- und Architektur-Geschichte. In der Ausstellung „Nordic Design. Die Antwort aufs Bauhaus“ im Bröhan-Museum sind die Möbel aus dem Paimio-Sanatorium ein absoluter Höhepunkt. Zeigen sie doch, wie die Skandinavier auf den avantgardistischen Funktionalismus des Bauhauses reagierten, der von ihnen als zu kühl, zu technoid empfunden wurde.

Bereits Anfang des Jahres zeigte das Museum die Ausstellung „Von Arts und Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit!“. Die neue, von Direktor Tobias Hoffmann kuratierte Schau schließt quasi nahtlos daran an. Sie setzt sich intensiv damit auseinander, wie Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland den Funktionalismus diskutiert haben und ihren eigenen gestalterischen Weg gegangen sind.

Hygge als Lebensstil steckt tief in der Mentalität

In den 20er-Jahren hatte das deutsche Design eine große Strahlkraft. Vor allem das Dessauer Bauhaus, der Werkbund und die Stuttgarter Weißenhofsiedlung, aber auch das Neue Frankfurt. Letzteres war ein großes Wohnungsbauprogramm, das umfangreichste Projekt der Moderne in Deutschland. Ziel war es, die Lebensbedingungen zu verbessern, für die breite Masse alltägliche Objekte funktional und gut zu gestalten. Schließlich in Zusammenarbeit mit der Industrie alles kostengünstig seriell herzustellen. Deutschland setzte so die nordischen Länder wirtschaftlich unter Druck.

Die skandinavischen Designer und Architekten wie Alvar Aalto schauten sich diese internationalen Sehenswürdigkeiten an. Sie haben aus dem deutschen Funktionalismus das extrahiert, was ihnen gefiel und mit ihrer eigenen Kultur verwoben. „Die nordischen Nationen haben einen starken Naturbezug in Form und Material. Es geht nicht nur darum, dass etwas funktional ist, sondern auch um eine emotionale Komponente. Hygge als Lebensstil ist tief in der Mentalität verwurzelt“, weiß Julia Hartenstein, Co-Kurator der Schau wie Fabian Reifferscheidt.

Handwerklich perfekt und zeitlos schön

In der Ausstellung sind den skandinavischen Ländern einzelne Räume gewidmet, die ihre spezielle gestalterische Entwicklung zeigen. In Schweden präsentierte die „Stockholmer Ausstellung 1930“ moderne Architektur. „Es geht dabei um Schönheit, Festlichkeit und um den Wohlfühlaspekt. Die Ausstellung ist ganz nah an der Natur“, sagt Julia Hartenstein. Vieles erkennt man wieder. Der berühmte „Chair“ von Carl-Axel Acking nimmt die modulare Bauweise von Ikea vorweg. Der Möbelkonzern ist natürlich auch Teil der Ausstellung. Die eigens aufgebaute Werkstatt, in der an Wochenenden Workshops stattfinden, ist komplett mit Ikea-Möbeln eingerichtet.

Im Gegensatz zu den deutschen Designern, ging es den Dänen Arne Jacobsen und Kaare Klint um menschliche Proportionen und ergonomische Bedürfnisse bei ihren Möbeln. Die sind aus Holz gemacht, mit weichen und runden Formen. Ab Ende der 40er-Jahre weisen skulpturale Möbel in die Zukunft. Handwerklich perfekt und, wie Hans J. Wegners „Pfauenstuhl“, von zeitlos schönem Design. Wie übrigens auch Gebrauchsgegenstände wie Vasen, Geschirr und Lampen.

Gestaltung auf musealer Ebene in Berlin unterrepräsentiert

Aufsehenerregend indes ist Peter Opsiks Stuhl „Garden“ aus dem Jahr 2014, auf den man erst mal klettern muss, um zwischen großen, gepolsterten Kugeln Platz zu nehmen. Das Exponat gehört seit Neuestem dem Bröhan-Museum, obwohl das Haus bei den Objekten der Sammlung eigentlich im Jahr 1940 eine Grenze zieht. „Das Leihen wäre genauso teuer gewesen wie der Kauf“, erklärt Tobias Hoffmann.

Für ihn ist das Thema Gestaltung in Berlin auf musealer Ebene unterrepräsentiert, obwohl in der Stadt gerade in dieser Hinsicht viel passiert. Im Bröhan-Museum setzt man daher bei Ausstellungen weiterhin auf das einzigartige Wechselspiel von Kunst und Design.

Am Ende wartet „Nordic Design“ noch mit einer Überraschung und knalligen Farben auf. Mit der Mode von Marimekko, dem futuristischen Schmuck von Björn Weckström, den einst Prinzessin Leia in „Star Wars“ trug, und Pop-Art-Möbeln. Darunter das „Pony“ von Eero Aarnio. Eine extravagante Sitzgelegenheit in Grün, die tatsächlich eher an einen Frosch erinnert.