Theater

Wenn Flüchtlinge in „Futureland“ landen

Asyl mit Avatar: Ein Dokumentar-Theaterabend im Container des Maxim Gorki-Theaters gibt acht unbegleiteten Minderjährigen ein Gesicht.

Bunter Sehnsuchtsort mit Seifenblasen und Konfetti: Minderjährige Asylbewerber im „Futureland“. 

Bunter Sehnsuchtsort mit Seifenblasen und Konfetti: Minderjährige Asylbewerber im „Futureland“. 

Foto: © Esra Rotthoff

Der Sprung in schwarzen Jumpsuits aus einer Transportmaschine heraus ist an Coolness nicht zu überbieten. Acht Jugendliche landen so in Futureland. Einem Land, „in dem alles möglich ist“, wie ein Avatar freundlich verkündet.

Am Meer gelegen, mit Wolkenkratzern, Magnetschwebebahnen und einem Fernsehturm, der nicht von ungefähr an das Berliner Exemplar erinnert, ist Futureland ein Sehnsuchtsort für die Jugendlichen.

Sie alle haben bereits mehr erlebt, als manch einer in seinem ganzen Leben. Hinter ihnen liegt eine lange, teils gefährliche und entbehrungsreiche Flucht aus ihren Heimatländern. Nun wollen sie in Sicherheit leben.

Mix aus 3D-Animationen, Videos und Spielszenen

Doch vor ihnen liegen erst einmal viel Arbeit und zahlreiche bürokratische Hürden. Das ist in Futureland genauso wie in der deutschen Realität.

In ihrem Dokumentar-Theaterabend „Futureland“, der am Freitag im Container des Maxim Gorki Theaters Premiere feierte, gibt Regisseurin Lola Arias acht unbegleiteten Minderjährigen ein Gesicht jenseits von Statistiken.

Der Abend ist ein Mix aus 3D-Video-Animationen von Luis August Krawen, Videos von Mikko Gaestel und Spielszenen in einer Box, die sich hinter der Leinwand befindet (Bühne: Dominic Huber).

Acht Flüchtlinge – keiner von ihnen ist kriminell

Protagonisten sind die geflüchteten Jugendlichen Mamadou Allou Diallo, Ahmad Azrati, Fabiya Bhuiyan, Mohamed Haj Younis, Bashar Kanan, Sagal Odowa, May Saada und Sarah Safi. Sie entsprechen dabei nicht dem Bild, das von rechten Populisten oder in sozialen Medien gezeichnet wird.

Sie sind weder kriminell noch wollen sie auf Dauer auf Staatskosten leben. Sie alle arbeiten hart in der Schule, lernen die deutsche Sprache in einer Willkommensklasse.

Das Spiel der Protagonisten kommt erwartbar nicht über das Niveau von Laien hinaus, ist aber dennoch packend. Nach und nach erzählen sie von ihrem Leben vor und während der Flucht.

Langer Weg bis zum Bleiberecht

Ahmad Azrati etwa ist in Kundus, Afghanistan, aufgewachsen. Nachdem seine Eltern ums Leben gekommen sind, ist er mit zwölf über den Hindukusch nach Iran geflohen. Von dort aus ging es weiter in die Türkei und Griechenland, dann nach Norden.

Sagal Odowa ist vor dem Terror der Al-Shabaab-Miliz aus Somalia geflüchtet. Saß mit ihrer Familie acht Monate in Ägypten im Gefängnis und ist dann allein weiter nach Deutschland geflohen.

Wer es geschafft hat, dem steht hier ein langer Weg bevor. Mit einem Clearing zur Altersfeststellung, der Einleitung eines Asylverfahrens und Interviews zum Bleiberecht. Ein Verfahren, das sich Monate, gar Jahre hinziehen kann.

Avatare bestimmen das Leben der Asylbewerber

In Futureland trifft Computerspiel-Ästhetik auf harte Realität. Den Jugendlichen stehen erwachsene Avatare gegenüber, die wie Roboter wirken und das Leben der Acht bestimmen. Die Inszenierung bleibt ganz bei den Geflüchteten, erzählt aus ihrer Sicht.

Gibt keinerlei Erklärungen zu den Anforderungen eines Asylverfahrens oder der Notwendigkeit von Integrationsmaßnahmen. Was durchaus zu humorigen Situationen führen kann. So fragt ein Avatar Sarah Safi aus Afghanistan, ob sie nicht ihren Hidschab ablegen möchte. Die 17-Jährige weiß nicht, warum. Sagal Odowa kennt die Antwort: „Integration.“

Der 15-Jährige Mohamed aus Nordsyrien ärgert sich indes über die Gepflogenheiten seiner alten Heimat. Eigentlich will er sich ungestört seinem Videospiel widmen. Doch seine Mutter ruft unentwegt aus Syrien an und erzählt ihm, dass sein sechsjähriger Bruder mit dem Rauchen angefangen hat, um als Mann zu gelten. Was ihm Mohamed sofort austreiben will, falls es mit dem Familiennachzug klappt.

Angst vor der Volljährigkeit

Alle Papiere dafür auf deutscher und syrischer Seite zu bekommen, ist jedoch gar nicht so einfach. Einer der Gründe, warum alle ihren 18. Geburtstag fürchten und Sagals Feier in Frust und Tränen endet. Nur Minderjährige haben ein Recht darauf, mit ihren Eltern zusammenzuleben.

Danach wird der Familiennachzug äußerst schwierig. Außerdem droht mit der Volljährigkeit die Abschiebung. Ein Damoklesschwert, das über allen schwebt. Daher bereiten sie sich mit Akribie auf ihre Anhörungen vor. Haben doch alle Angst, dass der kleinste Fehler gravierende Folgen hat.

Nur selten können die Acht unbeschwert wie Teenager sein. Dann tanzen und singen sie, sind voller Optimismus.

Zwischen Medizin und Modedesign

Irgendwann fragt ein Avatar nach ihrem Berufswunsch. Bashar will Medizin studieren. Ihm wird eine Ausbildung zum Krankenpfleger vorgeschlagen. Sarah will Modedesignerin werden. Ihr wird eine Schneiderlehre nahegelegt.

Der Avatar empfiehlt allen eine Ausbildung, weil sich dadurch die Chance zu bleiben erhöht. Doch die Jugendlichen wagen es nicht, soweit in die Zukunft zu blicken, ohne zu wissen, wo ihre Heimat ist.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, Tel.: 20 22 11 15, 4. & 5.11. Jeweils um 20 Uhr.