Autobiographie

Angela Winkler – die Virtuosin mit den Bauernhänden

Die große Berliner Schauspielerin Angela Winkler legt ihre Memoiren vor. Sie sind erstaunlich kurz geraten – und erstaunlich offen.

Gerade erst hat sie den Deutschen Schauspielerpreis in der Kategorie Theater erhalten, jetzt legt sie ihre Lebenserinnerungen vor: der Film- und Bühnenstar Angela Winkler.

Gerade erst hat sie den Deutschen Schauspielerpreis in der Kategorie Theater erhalten, jetzt legt sie ihre Lebenserinnerungen vor: der Film- und Bühnenstar Angela Winkler.

Foto: Ingo Röhrbein / Ullstein Bild

Wenn man von jemandem behauptet, dass er in der Arbeit nicht alles gibt, ist das gemeinhin kein Kompliment. Und wird von den Betroffenen auch eher verschwiegen. Nicht so Angela Winkler. Robert Wilson, der große Regisseur, sagte ihr, dass er genau das an ihr liebe. Schon auch die Stille und Ruhe, die sie ausstrahle, aber eben auch: dass sie nur 70 Prozent gebe.

Angela Winkler gesteht das nicht nur in ihren Memoiren „Mein blaues Zimmer“, die jetzt erschienen sind, sie gibt ihm auch noch recht: „Es stimmt“, schreibt sie da, „ich habe eine Ablehnung, ,perfekt’ zu sein.“ Jeder Mensch müsse heute, ob er wolle oder nicht, 100 Prozent perfekt sein. „Und genau das“, so ihr Fazit, „will ich nicht.“

Kurz, knapp – und sehr ehrlich

Konsequent hat sie nun auch bei ihrer Autobiographie nur 70 Prozent gegeben. Memoiren erschöpfen sich ja gern in zahllosen Anekdoten, wo die oder der Schreibende sich vor allem damit brüstet, mit wem man schon alles zu tun hatte. Angela Winklers Buch dagegen ist überraschend schmal, lebt auch von vielen Leerstellen und wird im Untertitel gar zu „autobiographischen Skizzen“ heruntergespielt Und doch sind diese Skizzen beredter, klarer und ehrlicher als so manch dickleibiger Schmöker.

Wer tiefe Einblicke in einzelne Film- oder Theaterproduktionen der virtuosen Mimin erwartet, wird wohl enttäuscht. Wird aber entschädigt durch viele verblüffende Äußerungen, die die meisten Kollegen wohl eher nicht tätigen würden. „Vielleicht“, schreibt die 75-Jährige – die doch gerade erst den Deutschen Schauspielpreis erhalten hat und dabei von Ulrich Matthes in den höchsten Tönen gelobt wurde –, „vielleicht bin ich gar keine richtige Schauspielerin“.

Das leben ist ihr wichtiger als das Theater

Das Kino, obschon es sie populär gemacht hat, nimmt sie nicht so wichtig wie das Theater. Aber auch auf der Bühne sieht sie sich nur als Gast. Nie wollte sie ein festes Ensemblemitglied sein, sie braucht keine Theaterfamilie, schreibt sie fast trotzig, sie hat ja eine richtige. Sie könnte es auch nicht aushalten mit jemanden, der ebenfalls am Theater spielt. Nein, so das klare Fazit: „Das Leben ist mir wichtiger. Das ist mein Theater.“

Wenn man sonst von großen Künstlern gern behauptet, dass sie im entrückten Elfenbeinturm hausen, dann ist Angela Winkler unter ihnen die Erdige, Bodenständige, die sich eher noch in die Erde krallt anstatt abzuheben. Gleich bei ihrem ersten Fernsehfilm hat Elisabeth Wiedemann gallig konstatiert: „Kindchen, du bist sehr nett und begabt. Aber warum hast du so dreckige Fingernägel?“ Die Winkler bekennt sich dazu. Sie wühlt so gern und oft, dass sie sogar „mit Maulwurfshänden aufwacht“.

Kein Widerspruch, sondern ihre Art, die Dinge, das Leben anzupacken. Für sie heißt Theaterspielen auch, „die Kinderkacke wegzumachen“. Eine derbe Wortwahl, die aber wörtlich zu nehmen ist. Sie möchte, „dass das immer zu spüren ist: die große Liebe zum Kleinen, Hässlichen, Schrägen.“ Als sie für Klaus Michael Grüber in Berlin die Iphigenie spielen sollte, fragte sie: Warum zupft sie nicht Unkraut?

Aufruf zur Maulwurfshügelkontrolle

Goethes hehre Verse hat sie dann beim Hacken und Hauen gesprochen. Als sie Jahre später wieder für Grüber in Wien in Janaceks „Tagebuch eines Verschollenen“ mitwirkte, tönte es vor jeder Vorstellung aus dem Lautsprecher: „Frau Winkler, bitte zur Maulwurfshügelkontrolle“.

Ein schönes, ein sinniges Bild. Immer wieder beschreibt Angela Winkler, wie sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Wigand Wittig, alte Häuser kauft und instand setzt. Mal in Ligurien, am Jadebusen oder an der Elbe, mal in der Auvergne oder in der Bretagne. Immer draußen, auf dem Land. Wo sie erst mal die Ärmel hochkrempeln und Hand anlegen muss. Und, wenn sie eingerichtet ist, gärtnert. Und von neuem anpackt.

Kein Wunder, dass sie es nie in einem Ensemble ausgehalten hat: Angela Winkler ist ein unsteter Charakter. Sie scheint es nie lange an einem festen Ort auszuhalten. Die Häuser, die sie mit ihrem Mann instand setzt, tauscht sie immer wieder gegen neue ein. Und fängt von vorne an. So seien sie eben, bilanziert sie lakonisch.

Und ist das nicht auch ein schönes Bild für die Rollen, die sie spielt? Die ja auch irgendwann fertig und abgespielt sind? Wenn sie auf ihre Arbeiten zurückschaut, bleibt ihr vom Leben in dieser Zeit viel mehr in Erinnerung: „Die Arbeiten selbst, die Rollen sind eigentlich gar nicht da.“ Das aber ist für sie gerade das Schöne am Theater: „Das Flüchtige“.

Immer auf der Flucht, immer Neues wagen

Eine Flüchtige, das war sie immer auch selbst. Sie wollte weg aus Erlangen. Deshalb wollte sie Schauspielerin werden. Aber auch die Schauspielschule auf die sie kam, war ihr zu sehr Schule, auch hier floh sie. Und als sie später an die Berliner Schaubühne kam, die damals gerade schwer angesagt war, hat sie sich auch da nicht wohlgefühlt. Und ist gern wieder gegangen.

Sie kommen alle vor, die Arbeiten, für die sie berühmt wurde. Auch die frühen Filme, „Jagdszenen in Niederbayern“, der erste, der ihr immer noch der liebste ist. Und natürlich Schlöndorffs - Filme, „Die Blechtrommel“ und davor „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, für den sie als Terroristin und Kommunistensau beschimpft wurde und unschöne Konfrontationen mit der Polizei hatte. Aber all das wird nur kurz angerissen. Nur zwei Regisseure werden von ihr wirklich oft und ausführlich beschrieben, Peter Zadek und Klaus Michael Grüber. Zwei, die ihr wirklich Freunde waren. Und denen sie folgte.

Auch dies ist wieder so eine sympathische Untertreibung der großen Mimin mit dem markanten Leberfleck über der Lippe: dass sie ihre Rollen nie gesucht habe, sondern die immer sie. Wenn ein Zadek sagte, sie müsse den Hamlet spielen, dann hat sie das eben getan. Auch wenn sie, wie so viele männliche Kollegen zuvor auch, erst mal eine „Hamletkrankheit“ überwinden musste.

Direkte Einblicke ins Tagebuch

Es sind nur wenige Rollen, der Hamlet und die Iphigenie etwa, auf die Angela Winker näher eingeht. Aber auch hier geht es nur um die Ausarbeitung, die Annäherung, um die Überwindung der eigenen Ängste. Nie kokettiert die Schauspielerin mit den Triumphen, die sie damit einfuhr.

An manchen Stellen reißen sogar ihre Skizzen ab. An deren Stelle setzt sie stattdessen Auszüge aus ihrem Tagebuch, die noch nicht den all- und besserwissenden Ton des Rück-Blicks haben. Gerade auch im Hinblick auf ihre Tochter Nele Winkler, die 1982 mit Downsyndrom geboren wurde. „Hoffentlich ist sie nicht mongoloid“, schreibt die Winkler nach der Geburt ganz offen. Später: „Mein Kind ist ein kleiner Mongo.“ Es braucht ein paar Tage, bis sie sich damit abfindet. Aber dann ist es „vorbei mit der Heulsuserei“: „Es ist geschehen und das Nelchen wird schon werden.“

Die Angst um ihr jüngstes Kind hat sie stark gemacht

So offen, so ehrlich würden wohl nur wenige Einblick geben in ihr Innerstes. Am Ende ist es von ihren vier Kindern ausgerechnet dieses, das ihrer Mutter gefolgt ist und seit über 20 Jahren im Ramba Zamba Theater spielt, zuweilen auch mit der Mutter an ihrer Seite. „Von Nele habe ich unheimlich viel gelernt“, bilanziert sie da. „Durch sie habe ich gelernt, den Mund aufzumachen. Zu kämpfen.“ Und auch das konstatiert sie: „Ohne sie würde ich anders Theater spielen.“

Das Buch Angela Winkler: Mein blaues Zimmer. Autobiographische Skizzen. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 18.99 Euro.