Porträt

Peter Jordan: „Theater kann ein Rückzugsort sein“

Er will nicht immer der Mann sein, dem die Frauen vertrauen: Peter Jordan spielt an der Volksbühne in „Germania“ nach Heiner Müller.

Schauspieler Peter Jordan in der Volksbühne.

Schauspieler Peter Jordan in der Volksbühne.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Ein bisschen angespannt wirkt Peter Jordan an diesem Nachmittag in der Volksbühne schon. Es hat weniger mit der am Donnerstag bevorstehenden Premiere von „Germania“ nach Heiner Müller zu tun, sondern damit, dass der Schauspieler seine zwei kleinen Kinder nebst Fahrradhelm mitgebracht hat. Es ist jedenfalls nicht leicht, die Kleinen aus dem Foto herauszuhalten, aber der Papa erweist sich als liebevoll-humorvoller Typ. Jordan lebt mit seiner Frau, der Schauspielerin Maren Eggert, in Prenzlauer Berg, quasi um die Ecke. Es ist seine erste große Produktion in der Volksbühne.

Die meisten werden ihn sowieso aus einer seiner vielen Film- und Fernsehrollen kennen. Das Typecast im TV ist enger, sagt Jordan. „Wenn man mittelblond, groß und einigermaßen schlank ist, dann ist man immer der Rechtsanwalt oder der Mann, dem die Frauen vertrauen. Natürlich möchte jeder lieber den Psychopathen und Verbrecher spielen.“

Eine Weile lang sei er immer der Staatsanwalt gewesen, aber er kämpfe zunehmend erfolgreicher dagegen an. „Beim Theater kann man sich mehr verstellen, verkleiden, absurdere Sachen machen“, sagt Jordan. „Sicherlich ist bei mir immer der Humor entscheidend, jedenfalls der, den man mir unterstellt.“

Im Kino war er zuletzt in dem Konfliktfilm „Wackersdorf“ und der Mittelschicht-Komödie „Und wer nimmt den Hund?“ zu sehen. „Beide Filme hatten mit einer gewissen Lakonie zu tun. Bei ,Und wer nimmt den Hund?‘ gab es nicht mehr Text für mich, oft saß ich stumm dabei und musste irgendwie dumm gucken. Man wird von der Kamera trotzdem aufgenommen.“

Vor zehn Jahren kam das Schauspielerpaar nach Berlin

Er hat eine eigene Art, sich selbst und die Karriere hin zum Theater zu beschreiben. „Ich wollte aus dem Auto heraus mit der Maschinenpistole schießen und schreien, scheiße, die Bullen sind hinter uns. Ich wollte was Geiles drehen. Im Theater habe ich gespürt, dass das Livespielen viel schöner ist.“

Peter Jordan, 1967 in Dortmund geboren, studierte in Hamburg, war in Rostock, Bochum und am Hamburger Thalia verpflichtet. Vor zehn Jahren entschloss sich das Schauspielerpaar, nach Berlin zu ziehen. Was Jordan eine absolut richtige Entscheidung nennt. „Ruhrgebietler fragen sich immer, wo gehen wir jetzt hin? Für den Hamburger ist es schwieriger, nach Berlin zu ziehen. Und für den Berliner unmöglich, woanders hinzuziehen. Ich als Dortmunder kann sagen, es gab immer einen Grund, woanders hinzuziehen, und es war immer gut so. Kulturell ist Berlin schon sehr spannend.“

Er hat viele neue Seiten seines Berufes kennengelernt

Er wurde Freelancer. „Ich war Anfang 40 und wollte schauen, was so passiert. Ich wollte unabhängig sein und meiner Agentur sagen können, in dem Zeitraum könnt ihr mich einsetzen, für was auch immer.“ Dadurch habe er viele neue Seiten seines Berufes kennengelernt. Er hat den Teufel im „Jedermann“ in Salzburg gespielt, Moderationen übernommen. „Ich habe angefangen, Stücke zu schreiben, neun Stücke sind bei Rowohlt im Köcher. Ich habe jetzt ein Drehbuch geschrieben“, sagt er: „Im Ensemble hätte ich nicht die Muße gehabt, um auf diese Weise kreativ zu werden.“

In der Volksbühne bringt Regisseurin Claudia Bauer jetzt eine Collage aus Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ und „Germania 3“ zur Premiere. Jordan hat seine Erfahrungen mit dem Dramatiker. „Ich hatte viel mit Dimiter Gottscheff gearbeitet, und bei ihm war – egal was wir machten – immer Heiner Müller dabei.“

Später hat er Müllers Version von ,Macbeth‘ in Dortmund inszeniert. Dabei habe er die Sprache lieben gelernt, betont er. Obwohl die Texte sperrig und wuchtig seien. „Man kann sie nicht psychologisch sprechen, es ist schwierig sich einzufühlen“, sagt Jordan: „Es ist kein Boulevard. Man muss die Sätze wie bei Shakespeare vor sich hertragen. Ein Satz beschreibt einen ganzen Vorgang. Man sagt nicht lapidar, gib mir mal einen Kaffee, es geht immer um Leben und Tod.“

Zwischendurch spielt er auch Friedrich den Großen

Ein bisschen will der Schauspieler über die Collagen mosern, denn Müller habe sich nie um Übergänge gekümmert. „Er schreibt einfach ,Auf der Straße‘, dann plötzlich ,Nachtstück‘ oder ,Stalingrad‘ – und wir Spieler müssen schauen, wie wir dorthin gelangen.“ Es gibt also viele kleine Szene und viele Rollen zu erleben.

Die entscheidende Rolle, die er verkörpere, verrät Jordan, „ist Friedrich der Große. Wenn auch nur kurz“. Ansonsten lebe man die ganze Zeit in dieser sprachlichen Düsternis, „wo jemand Tod, Skelett, Gedärme, Auschwitz, Gaskammer, Asche, Stalingrad sagt“. Es ginge um ein starkes schwarzes Weltbild.

Kürzlich habe ihm ein Freund erzählt, so Jordan, dass er sich einen superteuren 3D-Fernseher gekauft habe und die Schauspieler zum Anfassen nah seien. 3D könne man auch im Theater haben, entgegnete Jordan, nur mit dem Anfassen, dass mögen wir nicht so gern. „Theater kann in digitalen Zeiten wieder ein Rückzugsort sein“, sagt der Schauspieler: „Daran glaube ich ganz fest.“