Ausstellung

„Traum der Bewegung“: Pole-Dance-Stange im Bauhaus

Das große Bauhausjubiläum klingt mit einer Ausstellung in Hohenschönhausen aus: „Avanti-Avanti-100“ im Mies-van-der-Rohe-Haus.

Blick in das einstige Arbeitszimmer des Mies-van-der-Rohe-Hauses, das nun ein Ausstellungssaal ist.

Blick in das einstige Arbeitszimmer des Mies-van-der-Rohe-Hauses, das nun ein Ausstellungssaal ist.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Es war ein großformatiges Bauhaus-Gedenken, fast schon staatstragend, manche sagen auch „ideologisch“. Erholung vom bombastischen Bauhaus-Jubiläum, das von großen Kulturinstitutionen und Soft-Power-Einrichtungen getragen wurde, bietet ausgerechnet ein kleines Berliner Bauhaus.

In der goldenen Oktobersonne strahlt das Rot der Ziegelwand des minimalistischen Bungalows noch wärmer. Der Blick durch die Glasvorhangfassade des Mies-van-der-Rohe-Hauses fällt auf den herbstlichen Garten und den Obersee. Im Stahlrohrschwinger auf der Terrasse kommt man sich vor wie in einem Zen-Retreat.

Pure Sachlichkeit und zugleich Poesie

Das Kleinod von Mies van der Rohe hat sich Anfang der 30er-Jahre das Druckereibesitzer-Paar Lemke geleistet. Es war das letzte Bauprojekt des Bauhausmeisters vor dessen Emigration. Die Fabrikantenvilla in Hohenschönhausen ist pure Sachlichkeit und zugleich Poesie. Von der Straßenseite aus dominiert das Garagentor, die Gartenseite könnte man mit einer Garage verwechseln. „Ein fast Nichts ist das. Es ist nur so eine Rückwand“, sagt die Direktorin des Hauses, Wita Noack.

Ins offizielle Bauhausgedenken war das kleine Museum, das täglich bis zu 100 Besucher zählt, nicht eingebunden. Von einem entspannten Verhältnis zur Tradition, für die das Haus steht, zeugen ironisch klingende Ausstellungstitel im Gedenkjahr: „Beglückung der Welt“ oder „Weiße Kiste“.

Idealbild einer Stadt aus Drohnenperspektive

Den Ausklang bildet „Avanti-Avanti-100 – Bewegung als Traum“. Internationale Künstler setzen sich mit hochfliegenden Moderne-Versprechen auseinander und loten aus, in welches Verhältnis wir uns zur Tradition setzen können. Die lange Rückwand im einstigen Arbeitszimmer hat der Architekt Sergei Tchoban mit einer kühnen Kohlezeichnung gefüllt: ein Idealbild einer europäischen Stadt aus der Drohnenperspektive. Zwischen historischen Monumenten schlängelt sich als utopischer Einschub eine schwebende, gläserne Röhre, von der aus sich die Stadt wie eine Bühne betrachten lässt.

Das Modell eines Bühnenbildes für Olivier Messiaens einzige Oper von Ilya und Emilia Kabakov steht im Schlafzimmer. Im Zentrum eine Kuppel, die gekippt ist, wodurch die innere Konstruktion offengelegt wird. Kuppel und Globen sind seit der Aufklärungszeit Symbole für Öffentlichkeit.

Eröffnung ohne den Star-Gast

Es sind Architekturen, „um den Allgemeinwillen zu produzieren“, wie der Anthropologe Bruno Latour es ausdrückt. Weil es Ilya Kabakov gesundheitlich schlecht geht, konnten die beiden leider nicht zur Eröffnung aus den USA anreisen.

Einen aktuellen Akzent setzt das Hamburger Künstlerduo Heike Mutter Ulrich Genth im ehemaligen Wohnzimmer der Villa mit einem Readymade: eine chromblitzende Pole-Dance-Stange. Das Requisit aus der Erotikunterhaltung wird inzwischen auch als Turnstange in Fitnesszentren genutzt. Sogar der aus dem Ruhrgebiet kommende Praktikant des Mies-von-der-Rohe-Hauses übt in der Freizeit Pole-Dance.

„Es ist das Ende dieser Vision vom Stahlrohrmöbel“, sinniert Direktorin Wita Noack. „Das sagt doch etwas über die Zeit aus, in der wir leben.“ Was genau sagt es aus? Darüber denkt man am besten in einem Stahlrohrschwinger auf der Terrasse mit Blick auf den Obersee nach.

Die Ausstellung Avanti-Avanti-100: Bewegung als Traum: Mies-van-der-Rohe-Haus, Oberseestr. 60, Hohenschönhausen, Di.–So., 11–17 Uhr. Bis 22. Dezember.