Meisterschaften

25 Jahre Poetry Slam: Von Ballade bis Rap ist alles erlaubt

Vor 25 Jahren gab es das erste Poetry Slam in Berlin. Am Sonnabend wird hier wieder die deutschsprachige Meisterschaft ausgetragen.

Sie veranstalten die Poetry Slam Meisterschaften in Berlin:  Annette Flemig, Wolf Hogekamp (M.) und Max Gebhard.

Sie veranstalten die Poetry Slam Meisterschaften in Berlin: Annette Flemig, Wolf Hogekamp (M.) und Max Gebhard.

Foto: Maurizio Gambarini

Ab Sonnabend wird in Berlin eine internationale Meisterschaft ausgetragen, die wieder Abertausende Besucher anziehen wird. Es handelt sich um die 23. deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam. Ein Genre, das viele bis heute nicht so richtig auf dem Radar haben, das die Pressemappe aber selbstbewusst als „eine der stärksten Kunstströmungen der Gegenwart“ bezeichnet.

„Das ist keineswegs zu hoch gegriffen, Poetry Slams sind die größte Bühnenliteraturbewegung seit den 1920-er Jahren“, sagt Wolf Hogekamp. Er hat Expertise. Was 1986 in Chicago begann, brachte er Anfang der Neunziger nach Berlin. Vor 25 Jahren organisierte er im legendären Schöneberger Club Ex’n’Pop die ersten Poetry Slams Berlins, ein Vierteljahrhundert später nun die deutschsprachigen Meisterschaften.

Die deutsche Slamszene ist die dichteste weltweit

Allerdings nicht allein. Seit drei Jahren hat ein ganzes Team den Slam-Gipfel vorbereitet, es gab im Vorfeld viel zu tun. „Die Slamszene im deutschsprachigen Raum ist riesig und mittlerweile die dichteste weltweit“, sagt Max Gebhard, selbst Autor und Veranstalter. „Hier werden größere Häuser gefüllt und man ist untereinander viel enger vernetzt als selbst in den USA.“

Gebhard organisiert zusammen mit Annette Flemig eine der jüngeren und größten Szene-Veranstaltungen der Hauptstadt. Vor fünf Jahren begannen sie den stets gut besuchten Tempelslam zu moderieren und konnten nun erstmalig einen Startplatz für die Meisterschaften besetzen. „Das ist dieses Jahr mein persönliches Highlight“, sagt Flemig. Garantiert ist so ein Platz nämlich nicht. Zu groß ist die Fülle der Slams im deutschsprachigen Raum, als dass von überall Teilnehmer nach Berlin geschickt werden konnten.

Reim dir was in sechs Minuten

Nach einer szene-intern festgelegten Formel wird zunächst also errechnet, welche Veranstalter überhaupt je einen Poeten oder eine Poetin nominieren dürfen. Insgesamt 150 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Südtirol treten nun in Berlin auf. 18 Veranstaltungen plus Rahmenprogramm in diversen Klubs und Theatern vom Admiralspalast bis zum SO 36 werden geboten.

Das Schlagwort Poesie sollte man übrigens nicht zu eng auslegen. Es werden bei Poetry Slams beileibe nicht nur Gedichte vorgetragen. Inhaltlich gibt es ganz im Gegenteil keinerlei Vorgaben. Von der Ballade bis zum Rap ist alles erlaubt.

Umso strenger wird der performative Rahmen gesetzt. Einerseits gilt ein Zeitlimit, das vom Moderator gnadenlos durchgesetzt wird – während der Meisterschaften werden pro Performance sechs Minuten erlaubt. Andererseits dürfen keinerlei Hilfsmittel wie Kostüme oder Requisiten eingesetzt werden.

Ein weiteres, sehr zum Publikumsvergnügen beitragendes und geradezu stilprägendes Element der Slams ist die Beurteilung der vorgetragenen Texte durch eben das Publikum. Mittels Lautstärkepegel, mitunter auch nur mit Gesten beim ,Gehörlosenapplaus‘, wird so immer ein Gewinner ermittelt.

Unterhaltsame Texte machen nach diesem Prinzip besonders häufig das Rennen. Tatsächlich sind die Slams für Comedians und Kabarettisten hochattraktiv. Marc-Uwe Kling und der Liedermacher Sebastian Krämer beispielsweise gewannen beide schon deutschsprachige Slam-Meisterschaften. Ein Sieg, der fast immer zum Karrierekatalysator wird.

Das Teamfinale ist die Königsdisziplin

In den einzelnen Runden des anstehenden Wettstreites wird zwar jeweils eine Jury die Daumen heben oder senken, aber auch die wird per Zufallsprinzip aus anwesenden Gästen zusammengestellt. Neben den klassischen Einzelauftritten gibt es auch eine Teamwertung. „Es treten die 20 Slam-Teams an, die zuletzt am aktivsten im deutschsprachigen Raum unterwegs waren“, sagt Gebhard.

Für die Organisatoren ist das die heimliche Königsdisziplin, „an Dynamik kaum zu vergleichen mit den Einzelauftritten, quasi die Rock’n’Roll-Variante“. Das große Teamfinale findet im Admiralspalast statt. Wer sich die ganze Bandbreite der Slamszene zu Gemüte führen möchte, ist am 24. Oktober im Lido oder im Gretchen richtig. In beiden Clubs läuft dann sowohl ein Einzel- wie ein Teamhalbfinale. Mehr Poetry Slam an einem Abend geht nicht.

Eigentlich sind die Vorrunden „der heiße Scheiß“

Das große Einzelfinale am 26. Oktober im Tempodrom ist bereits so gut wie ausverkauft. Aber das ist kein Grund, sich zu grämen. Denn anders als es der Laie vielleicht erwarten würde, sind die Endrunden bei Poetry Slams nicht zwangsläufig das größte Highlight.

„Wer sich den besten Text fürs Finale aufhebt, kann allzu leicht vorher rausfliegen“, sagt Hogekamp. Um die Konkurrenz hinter sich zu lassen, holen viele also schon zu Beginn Bravourstücke aus der Tasche. „Eigentlich sind die Vorrunden der heiße Scheiß.“

Keiner zieht mehr Publikum als die Slammer

Wer die Slammer einmal nicht am Mikrofon, sondern bei Leibesübungen mit Ball beobachten möchte, kann sich auch das „interne Highlight“ am übernächsten Freitag gönnen. Um 13 Uhr tritt dann der Fußballclub Interslam 09 auf dem Günter-König-Sportplatz am Südstern gegen die ‚Autorenmannschaft‘ an.

„Unser Team trainiert nur einmal im Jahr und verliert auch schnell 14 zu Null, aber es ist immer ein großes Spektakel“, sagt Gebhard. „Gegen die Autoren haben wir letztes Mal auch verloren, aber das wollen wir ändern.“

Wie das auch ausgehen mag – in der entscheidenden Disziplin lassen sich die Poetry Slammer nicht die Butter vom Brot nehmen: Kaum einer zieht mehr Publikum zu Lesungen. Pardon, Slams. Wer füllt schon stadtbekannte große Clubs und Hallen mit puren Texten? Los geht es am kommenden Sonnabend mit der großen Eröffnungsgala im Konzertsaal der UdK.

Poetry Slam 23. deutschsprachige Meisterschaften: 19. bis 26. Oktober. Programm, Tickets
und weitere Infos unter www.slam2019.de