Flüchtlinge

Wortgetreues Wehklagen im Heimathafen Neukölln

In Michael Rufs „Mittelmeer-Monologen“ verwandeln sich die abstrakten Zahlen über Flüchtende in erschütternde Einzelschicksale.

Schauspieler leihen den Figuren ihre Stimmen. 

Schauspieler leihen den Figuren ihre Stimmen. 

Foto: Luca Abbiento

Berlin. Überleben? Ist für Flüchtende auf dem Mittelmeer ein Zufallsspiel. Wenn Naomie erzählt, wie auf ihrer Route von Kamerun über Libyen nach Italien Frauen in die Sklaverei verkauft werden, wie sie von Vergewaltigung und Erschießung bedroht ist und wie schließlich, kurz vor der Rettung durch die marokkanische Marine, die Wellen ihre Tochter wegreißen, dann verwandeln sich in Michael Rufs „Mittelmeer-Monologen“ die abstrakten Zahlen über Flüchtende in erschütternde Einzelschicksale.

Interviews mit vier Personen – zwei Geflüchteten, zwei Helfenden – verarbeitet Ruf in seinem dokumentarischen oder: „wortgetreuen“ Theater. Vier Schauspieler leihen den Figuren am Heimathafen Neukölln ihre Stimmen. Mimisch und gestisch minimal agierend, adressieren sie den Text direkt ans Publikum. Leise Töne erklingen an Flügel und Cello – eine verzichtbare Untermalung, denn wirkmächtig ist, was Naomie (Sara Hiruth-Zewdi), Joe (Soheil Boroumand), Selma (Meri Koivisto) und Yassin (Aydin Isik) erzählen. Von Menschen, die vor ihren Augen lautlos ertrinken. Von traumatischen Erlebnissen, die in ihren Träumen wiederkehren. Von der Angst vor fatalen Entscheidungen.

Glücklich machen gelingende Überfahrten

In den Händen von Joe, der sich bei der zivilen Seenotrettung Sea-Watch engagiert, zittert das Fernglas, als er per Funkspruch hört: Er muss aufs Schnellboot, Menschen retten oder verloren geben. Selma, die für das Netzwerk Alarm Phone Notrufe von Booten entgegennimmt, plagen Schuldgefühle. Ob sie mitverantwortlich ist für den Tod eines Menschen? „Hätte ich nach zehn Minuten angerufen, dann würde er vielleicht noch leben.“

Glücklich machen sie gelingende Überfahrten, so wie die von Yassin, einem ihrer Anrufer. Mit Frau und Tochter wagt er sich aufs Meer. Navigationskundig und gut ausgerüstet, meldet er sich, als seine schwangere Frau psychisch einbricht und die Tochter unablässig weint, angstvoll auf dem Boden des Bootes kauernd, in Zentimeter hohem Salzwasser, gemischt mit die Haut verätzendem Benzin. Panik steigt in Yassin erst auf, als er erfährt, dass die italienische Küstenwache sie an Libyen ausliefern könnte, wo er als Gaddafi-Gegner vom Regime gesucht wird. Doch er hat Glück und wird nach Italien gebracht.

Glück oder Unglück: für Flüchtende entscheidend. In den „Mittelmeer-Monologen“ sprechen zwei, die davongekommen sind. Stellvertretend für all diejenigen, die auf dem Weg verloren gingen. Warum das noch immer Alltag ist, fragen sich die Aktivisten, die Michael Ruf rund um seine Inszenierung zu Wort kommen lässt. Bewegungsfreiheit für alle Menschen fordern die Alarm- Phone-Aktivisten.

Auf der gleichen Strecke um sein Leben rudern

Lisa Täger, die häufig in die Lager festgesetzter Fluchtwilliger in Marokko reist, fasst die fundamentale Ungleichheit zwischen Europäern und Afrikanern anschaulich in Worte: „Die Fähre von Marokko nach Spanien kostet 20 Euro, die Überfahrt dauert eineinhalb Stunden und ich kann Kaffee trinken. Freunde von mir und Menschen, mit denen ich verbunden bin, rudern auf der gleichen Strecke um ihr Leben.“

Ruben Neugebauer von Sea-Watch erzählt eine Begebenheit aus dem Jahr 2016, die auch in Rufs Text vorkommt: „Wir haben ein 16-jähriges Mädchen reanimiert, das uns unter den Händen weggestorben ist. Ich frage mich und uns alle: Mit welchem Recht entscheiden wir, wer kommen darf und wer nicht?“ Lisa Täger ergänzt: „Die Realität ist: Wir reden mit Menschen, die eine Woche später nicht mehr erreichbar sind.“ Was das bedeutet, kann man sich nach den „Mittelmeer-Monologen“ allzu lebhaft vorstellen. Sie wurden verhaftet, ihnen wurde ihr Smartphone abgenommen oder sie sind tot.