Berliner Schaubühne

Wenn die Götter ihren Schabernack treiben

Molières Doppelgänger-Komödie „Amphitryon“ an der Berliner Schaubühne in der Inszenierung von Herbert Fritsch ist ein Riesenspaß.

Schaubühnen-Neuzugang Joachim Meyerhoff (l.) als Sosias und Florian Anderer als Feldherr Amphitryon.

Schaubühnen-Neuzugang Joachim Meyerhoff (l.) als Sosias und Florian Anderer als Feldherr Amphitryon.

Foto: Thomas Aurin

Berlin. Was für ein Einstand! Mit entfesselt komödiantischem Karacho startet Schauspieler Joachim Meyerhoff in seine erste Saison an der Berliner Schaubühne. Auf dem Spielplan: Molières Doppelgänger-Komödie „Amphitryon“, inszeniert von Herbert Fritsch. Meyerhoff spielt Sosias, den Diener des titelgebenden Feldherrn Amphitryon und ist auf den ersten Blick kaum wiederzuerkennen – in seinem orange-roten Barockfantasie-Outfit mit den überlangen Puffärmeln, blonde Locken quellen aus dem Goldhelm, obendrauf sitzt ein üppiger Federbusch. Und dann legt er los: Er zappelt und wippt, knickt ein, schnellt hoch, reißt die Augen auf, verzieht schief den breiten Mund. Sein Sosias versteht die Welt nicht mehr.

Wie auch, die Götter sind zu Schabernack aufgelegt. Ober-Gott Jupiter hat ein Auge auf Alkmene geworfen, nimmt die Gestalt ihres Gatten Amphitryon an und verbringt die Nacht mit ihr, bevor der echte Ehemann aus der Schlacht zurückkehrt. Als wäre das nicht schon genug Verwirrung, bekommt auch Sosias einen Doppelgänger, Merkur übernimmt diesen Job. Der hat sich bei Sosias‘ Gattin Cleanthis in sexueller Hinsicht zwar besser im Griff als sein Chef, aber Sosias gerät trotzdem in eine Sinn- und Ich-Krise. In die stürzt sich Joachim Meyerhoff mit vollem Körpereinsatz, er passt ganz trefflich in die bewährte Fritsch-Truppe und findet dabei in einer erregten, verstolperten Verzagtheit gleichzeitig doch auch seinen eigenen Ton.

Kabarett, Krimi-Groteske, Schlager-Parodie und Musical

Auch an den anderen geht die Sache nicht spurlos vorüber, lauter hochvirtuose Hampelmänner- und frauen sind hier zu sehen, Sprachakrobaten allesamt, Körperartisten, von fremden Mächten wunderbar verbogen. Und weil inzwischen eh keiner mehr genau weiß, wer und wo er ist, schlittern sie dabei durch allerlei Genres und Tonlagen, wechseln vom Kabarett in die Krimi-Groteske, von der Schlager-Parodie ins Musical. Alles natürlich knallbunt eingetunkt, wie bei Frisch üblich.

Victoria Behr hat sehr hübsche pseudo-barocke Kostüme entwickelt und der Regisseur selbst eine Bühne, die von sich nach hinten verjüngenden bunten Papierrahmen umfasst ist, dazwischen die im Barocktheater gängigen Gassen freilässt, durch die die Schauspieler raschelnd auftreten und abgehen. Musikalisch angetrieben von Ingo Günther am Klavier und Taiko Saito an Vibraphon und Schlagwerk.

Ein schriller, schräger, sehr komischer Abend

Ein Riesenspaß ist das und das Tolle dabei: Molières Komödie gibt das tatsächlich alles her. Fritsch hält sich erstaunlich eng an die Vorlage, gleichzeitig hat er den Abend mit viel weniger formaler Strenge durchchoreografiert als sonst bei ihm üblich. Das gibt der Inszenierung zwar etwas leicht Nummernhaftes, ermöglicht den Darstellern aber auch deutlich mehr Individualität. Es geht hier ja schließlich um Identitäten.

Bastian Reibers Merkur zum Beispiel ist ein herrlich nervöser Haudrauf. Alkmene wird bei Annika Meier, die ebenfalls neu im Schaubühnen-Ensemble ist, zu einer wunderbar exaltierten, giftig-grotesk Gekränkten, gekleidet in einen Traum aus gepufftem Violett. Ein schriller, schräger, sehr komischer Abend ist Fritsch und seinem Ensemble da gelungen, vom Publikum gab es zur Premiere am Sonntag dafür tosenden Applaus.