Wiederentdeckung

Neue Museum: Historische Wandbilder virtuell gezeigt

Vor zehn Jahren wurde das Neue Museum wiedereröffnet. Aus diesem Anlass lässt es jetzt historische Wandbilder virtuell auferstehen

Virtuelle Rekonstruktion der Treppenhalle mit Fresken. © Architectura Virtualis

Virtuelle Rekonstruktion der Treppenhalle mit Fresken. © Architectura Virtualis

Foto: Architectura Virtualis

Als das Neue Museum vor zehn Jahren im Herbst wiedereröffnet wurde, war Berlins Museumsinsel endlich wieder komplett. Der britische Architekt David Chipperfield hat aus einer Ruine – das Museum war von 1843 bis 1855 von Friedrich August Stüler erbaut und im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden – ein Monument geschaffen. Wunden des kriegszerstörten Hauses wurden verarztet, Narben blieben sichtbar.

Das gefiel nicht allen. Einige wünschten sich das 19. Jahrhundert zurück und demonstrierten im Vorfeld der Wiedereröffnung am Kupfergraben mit Schwarzweißkopien der verlorenen Historienbilder von Wilhelm von Kaulbach (1805-1974) aus dem zentralen Treppenraum. Zum zehnjährigen Jubiläum der Wiederauferstehung des „Phönix der Museen“ (Hermann Parzinger) ist genau diese Bilderfolge zurückgekehrt: als Rekonstruktion, allerdings virtuell und temporär.

Steinerne Sitzbänke verwandeln sich in Polstermöbel

Die Monumentalgemälde im Treppenhaus hatte seinerzeit der preußische König Wilhelm IV. persönlich in Auftrag gegeben. Per Virtual-Reality-Brille wird man in eine lichtdurchflutete, schwebende Parallelwelt versetzt. Die steinernen Sitzbänke verwandeln sich in feingepolstertes Mobiliar, die Kopie der Korenhalle des Erechtheions in Athen strahlt zahnpastaweiß, sämtliche Mitbesucher erscheinen wie ausgelöscht und vor den Augen ersteht die damalige Sicht der Welt als Abfolge einander ablösender und überbietender Epochen.

Den Untergang Babylons wie auch Jerusalems hat der Historienmaler als göttliches Gericht dargestellt. Die Juden müssen den Status des auserwählten Volkes an die Christen abgeben, die mit strahlender Hostie davonziehen. Das Kreuzfahrertum des Mittelalters erscheint mystisch überhöht, Massaker an Muslimen und Juden bleiben ausgeblendet.

Am Endpunkt steht der Reformator Martin Luther

Ihren Höhepunkt erreicht das symbolpolitisch bombastische Fortschrittsmärchen, das seinerzeit mehr als 600 Quadratmeter Wandfläche füllte, in der Neuzeit mit Gestalten wie dem Entdeckungsreisenden Christoph Kolumbus, Heroen der wissenschaftlichen Weltsicht und dem Reformator Martin Luther.

In dem Zyklus findet sich eine fragwürdige Beweisführung vorgezeichnet, nach der ein reines Christentum und christliches Herrschertum eine universell gültige Moral verkörpern und einzig die eigene, also die europäische Kultur geschichtsmächtig ist, während andere Kulturen und Religionen abgestorben sind und deswegen musealisierbar.

Der fragwürdige kulturevolutionistische und geschichtstheologische Deutungsrahmen war seinerzeit nicht nur im Treppensaal bestimmend, sondern auch im restlichen Haus mit seinem „Vaterländischen Saal“, „Griechischen Saal“ und „Ägyptischen Hof“. Einer der intellektuellen Stichwortgeber war der Religionsphilosoph Joseph Görres, der ein aus heutiger Sicht abstruses Weltzeitaltermodell entwickelte.

Gespickt mit rassistischen und antisemitischen Klischees

Einen Spaß erlaubte sich Kaulbach, indem er den deutschen Malerfürsten Albrecht Dürer deutlich höher setzte als italienische Renaissancekünstler und sich selbst auf einer Leiter als Dürers Assistent verewigte. Der Zyklus wäre zum Lachen, wäre er nicht gespickt mit rassistischen und antisemitischen Klischees.

Die Kommentierung in dem 360-Grad-Film lenkte den Blick auf Fragwürdigkeiten der Darstellung. Eine Kontextualisierung, kulturhistorische Einordnung oder postkoloniale Kommentierung bleibt allerdings aus. Daraus erwächst die potenzielle Gefahr eines radikalen Missverstehens. Was seinerzeit im Museum zu viel an Deutung dargeboten wurde, geschieht heute zu wenig. Das Publikum wird lediglich süffisant darauf hingewiesen, dass Kaulbachs Weltsicht „sehr eigenwillig“ sei.