Ai Weiwei

„Mein Herz hat Berlin verlassen, mein Körper ist noch da“

Vor Unternehmern des VBKI spricht Ai Weiwei über Kunst und Politik. Und er erklärt, warum ihn Berlin enttäuscht hat.

Künstler Ai Weiwei bei der Podiumsdiskussion beim VBKI.

Künstler Ai Weiwei bei der Podiumsdiskussion beim VBKI.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. „Kunst interessiert mich nicht so sehr“, sagt Ai Weiwei. Von einem der angesehensten Künstler der Gegenwart mag diese Aussage, die er am Sonntag zwischen belegten Brötchen und Büfett-Smalltalk am Rande einer Podiumsdiskussion des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) macht, überraschen.

Und doch trifft sie den Kern des Kunstverständnisses von Ai Weiwei – und den seines Haderns mit Berlin. Jener Stadt also, die dem Menschenrechtsaktivisten, Dissidenten und Künstler seit November 2015 zum Zufluchtsort vor der politischen Verfolgung in seiner Heimat China wurde.

Im Sommer dieses Jahres dann kündigte er in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ an, Berlin zu verlassen. Grund: „Deutschland ist keine offene Gesellschaft.“ Die deutsche Kultur sei so stark, dass sie keine anderen Ideen und Argumente akzeptiere. „Es gibt kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen.“

Ai Weiwei soll zweimal aus Taxi geworfen worden sein

Er kritisierte den Umgang mit Geflüchteten und ein – in seinen Augen – wirtschaftliches Buckeln vor der Volksrepublik China. Seine Aussagen wurden kontrovers diskutiert. Auch weil er als Beispiel für die deutsche Intoleranz seinen Rauswurf aus einem Taxi anführte.

Um all das sollte es an diesem Sonntag beim VBKI gehen. Aber zunächst die Frage der Berliner Morgenpost: Hat er der deutschen Hauptstadt nun den Rücken gekehrt oder nicht? Sein Studio sei in Berlin, seine Wohnung auch. Und er sei nun mal viel unterwegs, bei Kunstausstellungen und bei seiner Freundin und dem Sohn im englischen Cambridge. „Mein Herz hat Berlin verlassen“, sagt er, „aber mein Körper ist noch hier.“

Ai und Yang: Kunst ist politisch oder sie ist schlecht

Rund 60 Zuhörer sind der Einladung des VBKI im Ludwig-Erhard-Haus in der City West gefolgt. Auf dem Podium: Yang Lian, der seit 2012 in Berlin lebt und für seine Poesie auf der Shortlist für den diesjährigen Literatur-Nobelpreis stand, Rechtsanwalt und VBKI-Mitglied Henning von Zanthier als Moderator – und Ai Weiwei, wie gewohnt in Schlabberhemd und Sneakers.

Schnell erreicht die Diskussion ihr Kernthema. Ai ebenso wie Yang machen klar: Kunst ist entweder politisch – oder sie ist schlecht. Das moderne Konzept, dass Kunst vor allem schön sein solle, sei falsch. Sie müsse sich auch immer aus Wahrhaftigkeit speisen. „Sonst ist die Kunst hohl. Genauso wie Politik, die nicht auf der Wahrheit fußt“, so Yang.

Yang: China will Einfluss

Da scheint die Frage, die Ai Weiwei in den Saal stellte, nur folgerichtig: Wie viel sind unsere Werte, die Menschenrechte und Demokratie wert, wenn Deutschland zwar das Vorgehen Chinas in Hongkong kritisiert, gleichzeitig aber in der Volksrepublik investiert?

„Wenn man dort Geschäfte machen will, muss man die Konditionen des Regimes akzeptieren und macht es dadurch stärker“, sagt Schriftsteller Yang Lian. Der Konflikt mit China sei ein anderer als mit der Sowjetunion im Kalten Krieg. China wolle den Westen nicht mit Waffen vernichten, es wolle Einfluss. Und die Verlockung, die westlichen Werte für wirtschaftliche Rendite zu verkaufen, sei seine stärkste Waffe.

Deutschland habe ihn nur als Künstler gewollt

Und Berlins Image der Weltoffenheit, als sicherer Hafen für Dissidenten und Oppositionelle aus aller Welt? Auch alles hohle Phrasen? „Nein“, sagt Ai Weiwei. Viele Verfolgte fänden hier Zuflucht. „Und vielleicht kann man mir vorwerfen, dass ich zu wenig getan habe, um Dinge zu verändern.“ Man habe ihn und seine Werke mit offenen Armen empfangen, ihm große Ausstellungen bei der Documenta ermöglicht. Aber etwa seine Expertise über Menschenrechtsverletzungen in China, die habe kaum jemanden interessiert. Kurz: Deutschland sei nur am Künstler Ai Weiwei interessiert gewesen, aber nicht am politischen Aktivisten, am Bürgerrechtler Ai Weiwei.

Auf die Frage des Moderators, wie sich Deutschland denn nun dem Ideal der offenen Gesellschaft annähern könne, will Ai nicht recht antworten. Nur so viel: Die Vernunft, die in der deutschen Kultur eine große Rolle spiele, sei eine gute Grundlage. Und dann spricht er über seine persönlichen Erfahrungen, über die zwei Male, die ihn Taxifahrer rauswerfen wollten. Und davon, wie die Polizei seine Beschwerden darüber verschleppte. „Wenn es mir nicht gelingt, wie soll dann irgendein Außenseiter, der hier Diskriminierung anprangern will, dieses System durchdringen?“, fragt Ai Weiwei.