Kritik

„Don Quijote“: Ulrich Matthes und Wolfram Koch in Bestform

Ulrich Matthes spielt am Deutschen Theater Don Quijote - Wolfram Koch den Sancho Panza. Das Duo überzeugt in der Inszenierung.

Ulrich Matthes (l.) als Don Quijot

Ulrich Matthes (l.) als Don Quijot

Foto: Arno Declair / Deutsches Theater Berlin

Berlin. Wo Riesen nur Windmühlen und feindliche Heere bloß Hammelherden sind, da spricht absolut nichts dagegen, dass Don Quijotes edles Schlachtross Rosinante in Wahrheit ein handelsüblicher Supermarkt-Einkaufswagen ist. In dem schiebt Don Quijotes treuer Knecht Sancho Panza seinen Herren einmal übermütig kreuz und quer über die Bühne, dem „Ritter von der traurigen Gestalt“ baumeln die langen Beine vorne übers Einkaufswagengitter, der Knecht galoppiert hinterher und bläst voller Tatendrang ins Horn. Auf in die Schlacht, forsch in den Kampf! Gegen alles, was fad und freudlos ist – und das ist bei den beiden wackeren Desperados vor allem die Realität. Deshalb erfinden sie bekanntlich ihre eigene.

Der spanische Nationaldichter Miguel de Cervantes hat aus den ausgedachten Abenteuern des selbsternannten fahrenden Ritters und seines Dieners Anfang des 17. Jahrhunderts einen fast 1500 Seiten dicken Roman gemacht, Regisseur Jan Bosse braucht für seine „Don Quijote“-Inszenierung (in einer eigens beauftragten Fassung von Jakob Nolte) am Deutschen Theater 150 Minuten. Als fabulöse Fantasten stehen auf der Bühne: Ulrich Matthes als Don Quijote und Wolfram Koch als Sancho Panza. Und wie sie da stehen! Matthes, ein hagerer Träumer im Kettenhemdchen über der Jogginghose, mit zauseligem Langbart und blumenbekränztem Aluhut auf dem Kopf. Wolfram Koch schmerbäuchig, strähnig, bauernschlau, breitbeinig in hautengen Jeans und Cowboy-Boots. Dazu: Sehr viel Nebel, den Wolfram Koch immer dann aus einer kleinen Handnebelmaschine ausstößt, wenn die Realität mal wieder reif dafür ist, ein bisschen weichgezeichnet zu werden. Das ist sie oft.

Schräge Vögel in bizarren Männerfreundschaften

Vor zwölf Jahren hatte Regisseur Bosse genau diese beiden Schauspieler hier am Deutschen Theater schon einmal gemeinsam aus der Realität katapultiert. Das war in Samuel Becketts „Endspiel“, auch damals war Wolfram Koch der Diener, Clov hieß der, und Matthes sein Herr namens Hamm. Schräge Vögel in bizarren Männerfreundschaften, das können sie, der Matthes und der Koch, und zeigen es auch in der neuen Produktion mit ziemlich viel Körpereinsatz. Gemeinsam nehmen diese beiden windschiefen Recken die Imagination ernster als das Leben, machen einander das Schwere leicht, gehen sich auf die Nerven und quatschen sich gegenseitig raus aus der Tristesse. Es ist ihnen egal, dass sie bei ihren Abenteuern ganz schön zerkloppt werden, dem Don Quijote tropft schon bald das Blut aufs Hemd und ein halbes Ohr hat er auch opfern müssen auf dem Schlachtfeld. Zwei Männer gegen den Rest der Welt, die hier aus der Holzkiste kommt.

Stéphane Laimé hat den beiden einen roh gezimmerten Kasten auf die Bühne gestellt, groß wie ein Container, mit zu allen Seiten ausklappbaren Wänden. Der steht auf Rollen und wird von Wolfram Koch immer wieder in neue Positionen geschleppt und geschoben. Ein maximal neutrales Provisorium, das mal zum Wirtshaus wird, mal zur Höhle und ganz vorne an die Rampe geschoben den Bühnenraum verengt für Szenen der Nahbarkeit. Das sind überhaupt die schönsten und die anrührendsten des Abends, wenn beim einen die Zweifel durchbrechen und wenn dann allein durch das Erzählen, das Zuhören, das Spielen des jeweils anderen im richtigen Moment Zuversicht und Abenteuerlust wiederbelebt werden. Wenn der eine versponnen auf der Stelle tanzt und der andere dazu auf dem Dudelsack dilettiert, wenn einer erschöpft ist und der andere zur Tat drängt, wenn einer schläft, der andere wacht und sie sich vorher noch am Lagerfeuer mit Geschichten aufmuntern.

Es gibt zum Glück einige solcher Momente, es gibt allerdings auch ein paar längere Strecken, in denen die Inszenierung ins eher oberflächlich Episodenhafte ausfranst und eine fokussierendere, straffere Regie sehr gutgetan hätte. Überhaupt schürft der Abend insgesamt nicht allzu tief im quijotesken Universum, das ja durchaus ein paar universelle Fragen verhandelt, dafür sind hier zwei Großschauspieler in Bestform zu erleben, komisch und tieftraurig, tollkühn und tragisch, die aus dem Nichts eine ganze Welt erfinden. Der eine, Don Quijote, weil er ein Idealist ist, der fest an die Kraft der Fantasie glaubt. Und daran, dass er als Held die schöne Dulcinea beeindrucken kann. Der andere, weil er, was er nicht müde wird zu erwähnen, darauf setzt, dass ihm sein Herr als Dank ein Eiland schenkt, auf dem er königlicher „Gubernator“ sein wird. Und beide, weil sie ohne einander ja gar nicht sein können. Aber das würden sie so natürlich niemals zugeben. Im Kampf mit seinem Spiegelbild sagt Don Quijote einmal: „Ohne zu sehen, müsst Ihr glauben, müsst Ihr bejahen, bekennen, beschwören, verfechten.“ Im Theater gilt das erst recht. Dort wurden die Inszenierung und ihre beiden Hauptdarsteller am Sonnabend heftig bejubelt.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine: 14.10., 20.10., 22.10.