Interview

Sam Riley: „Wenn ich wählen muss, werde ich deutsch“

Der Brite Sam Riley verrät, wie es ist, an der Seite von Angelina Jolie zu spielen und an der Seite von Alexandra Maria Lara zu leben.

Der Brite Sam Riley (39) lebt seit Jahren in Berlin. Und schämt sich für die Brexit-Debatte in seiner Heimat.

Der Brite Sam Riley (39) lebt seit Jahren in Berlin. Und schämt sich für die Brexit-Debatte in seiner Heimat.

Foto: Hanna Boussouar/Disney

Wer wäre nicht gern der Sidekick von Angelina Jolie? In „Maleficent“, der Realverfilmung des Disney-Trickfilmklassikers „Dornröschen“, spielte Sam Riley vor fünf Jahren den treuen Gefährten der von Jolie verkörperten Titelfigur. Für den in Berlin lebenden Briten war das die erste Blockbuster-Produktion, sonst ist er eher aus Arthouse-Dramen wie „Das stille Tal“ oder das Musikerdrama „Control“ bekannt. Nie hätte er an eine Fortsetzung geglaubt, nun kommt sie am Donnerstag mit „Maleficent 2: Mächte der Finsternis“ doch ins Kino. Wir trafen den Schauspieler dafür im Soho-House in Mitte. Und da gab er sich überraschend offen. auch auf die Frage, wie es ist, mit einer Frau verheiratet zu sein, die in Deutschland weit bekannter ist.

Berliner Morgenpost: Herr Riley, wie gut ist eigentlich Ihr Deutsch?

Sam Riley: (auf Deutsch): Fast perfekt. Das ist eine Lüge! Ich kann Deutsch. Ein bisschen. Aber in so einer Interviewsituation fliegt es weg. Komplett. Und die Grammatik ist für mich ein Albtraum. (weiter auf Englisch) Mein Sohn sagt, ich bin ganz gut. Er ist sehr großzügig.

Sie leben jetzt seit Jahren in Berlin. Fühlen Sie sich eigentlich als Berliner?

Ich fühle mich zumindest nicht mehr wie in England. Als ich meinen Stempel in Zehlendorf bekam, habe ich wirklich gesagt: „Ich bin ein Berliner.“ Der Beamte konterte mit Berliner Witz und sagte „Rucksackberliner“. Das trifft es vielleicht ganz gut. Aber doch: Berlin ist Heimat. Wenn ich hier lande, denke ich, ich kehre zurück. Wenn ich in England bin, kommt mir das sehr vertraut vor, aber es fühlt sich nicht mehr heimisch an.

Sind Sie vielleicht froh in der ganzen Brexit-Debatte, nicht mehr auf der Insel zu leben?

Um es kurz zu machen: Ja. Ich bin, wie meine Familie, sehr traurig über diese Diskussion. Der Brexit ist ein großer Betrug. Als ich hierher kam, hätte ich nie gedacht, dass ich mich mal fragen würde, ob ich meine Staatsangehörigkeit ändern sollte. Ich verspüre da eine große Scham. Hier bin ich ein Ausländer, meine Frau kam als Flüchtling in dieses Land. Aber wenn ich wählen muss, dann werde ich deutsch. Ich werde immer ein Yorkshirer sein, aber mit europäischem Pass! Ich bin ein großer Fan von Europa.

Jetzt startet „Maleficent 2“. Wie war das, wieder neben Angelina Jolie zu spielen?

Ach, ich bin so oft gestorben in Filmen, dass eine Fortsetzung nie infrage kam. Und wenn’s doch mal möglich war, war der Film nie erfolgreich genug. Bei „Maleficent“ dachte ich schon, da ist jetzt schon zu viel Zeit verstrichen für einen zweiten Teil. Aber mein Vater hat immer gesagt, es wird ihn geben. Er muss wohl seine Finger im Spiel gehabt haben! Ich komme ja eher aus dem Independent-Kino, aus dem Lowbudget-Bereich. Das war ziemlich überwältigend, bei einer solchen Großproduktion mitzumachen.

Wie sind Sie denn überhaupt in diesen Film gekommen?

Angelina Jolie wollte mich unbedingt haben. Aber sie musste darum kämpfen.

Ach so?

Ja. Man hat mich wohl nicht so als „Disney-Material“ gesehen. Deshalb hat man erst mal „Nein“ gesagt. Und dann „Doch“. Beim ersten Film hat mich das alles noch sehr eingeschüchtert. Erst jetzt, beim zweiten Teil, konnte ich das richtig genießen. Der hat auch mehr Humor als der erste. Das ist noch so etwas, bei dem ich nicht so gefragt bin. Mir werden meist Rollen angetragen, die wenig Sinn für Humor haben.

Als dunkle Fee Maleficent ist Angelina Jolie ein, sagen wir, schwieriger und launischer Charakter. Wie ist sie in echt?

Wir kamen sehr gut miteinander zurecht. Wie auch anders? Sie hat ja dafür gesorgt, dass ich mitspiele. Und ich glaube, ihre Kinder mochten meinen Charakter. Das hat auch geholfen. Aber wissen Sie, meine Erfahrung mit Stars ist sowieso die: Je größer sie sind, desto einfacher kann man mit ihnen arbeiten. Schwierig ist es immer nur mit denen, die nicht so groß sind, wie sie es gern wären. Angelina ist ein Star. Aber sie ist keine Diva. Und als Schauspielerin wird sie, glaube ich, unterschätzt.

„Maleficent“ basierte auf dem Disney-Trickfilmklassiker „Dornröschen“. Haben Sie in Ihrer Kindheit diese Trickfilme gesehen?

Gibt es Kinder auf der Welt, die das nicht tun? Es ist wohl eher so, dass jedes Kind seinen eigenen Disney-Film hat. Meine jüngere Schwester liebte „Die Schöne und das Biest“, mein jüngerer Bruder „Aladdin“. Heute schaue ich die alle wieder mit meinem Sohn. Auf Deutsch!

Und lesen Sie ihm auch mal Märchen vor?

Ben möchte lieber, dass wir ihm spontan etwas vorspielen. Ich hab ihm mal griechische Mythologie vorgespielt, die Geschichte von Medusa. Danach haben mich seine Lehrer allerdings zur Rede gestellt. Weil er es allen in der Schule erzählt und damit Angst gemacht hat.

Hätten Sie je gedacht, dass Sie mal in einer Disney-Produktion mitspielen würden?

Ich hatte immer eine sehr lebendige Vorstellungskraft als Kind. Ich konnte keinen Film gucken, ohne mir vorzustellen, ich könnte da mitmachen. Ich hab’ das immer nachgespielt. Solche Kinderspiele habe ich immer sehr ernst genommen. Vielleicht zu ernst. Es gab ja eine Zeit, wo ich Musiker war, als Sänger in einer Band mit meinem Bruder. Wir beide lieben Musik. Aber er ist der Musiker. Ich war nur der Frontman der Band, der Idiot, der mehr Selbstvertrauen hatte.

War der Frontman auch nur eine Rolle?

Das ist es wohl für jeden Frontman. Aber die wachsen dann langsam in diese Rolle hinein, das vermischt sich irgendwann. Ich dagegen habe mich irgendwann dabei ertappt, dass ich das nicht wirklich bin, dass ich nur vorgebe, das zu sein.

Stimmt es, dass davor weder die London Academy of Music and Dramatic Art noch die Royal Academy of Dramatic Art Sie aufnehmen wollten? Hat das an Ihnen genagt?

Sehr! Ich wollte damals unbedingt Schauspieler werden. Ich hatte keinen Plan B. Und nicht nur die haben mich abgelehnt, andere auch. Aber trotzdem habe ich nie mein Selbstvertrauen verloren.

Und wann haben Sie gedacht, jetzt habe ich es geschafft? War dass bei Ihrem Durchbruch mit dem Film „Control“?

Ich habe lange versucht, ein Schauspieler zu sein. Ich bin dann Musiker geworden, weil ich dachte, ich bin doch keiner. Aber dann kam „Control“, der Film über den Joy-Division-Sänger Ian Curtis. Ich war damals unbekannt, ich hatte fünf Jahre lang als Musiker gesungen, teils in denselben Schuppen wie Joy Division zu Beginn ihrer Karriere. Ich sah Curtis etwas ähnlich. Das war alles Schicksal. Und es kam zu einer Zeit, als ich schon nicht mehr daran glaubte. Alle späteren Filme habe ich „Control“ zu verdanken. Auch Angelina Jolie wurde wohl so auf mich aufmerksam. Das ist der Moment, den man sich als Schauspieler erhofft. Der Film hat alles verändert. Und ich bin dabei Alexandra begegnet.

Alexandra Maria Lara und Sie sind beide Schauspieler. Wie schwer ist es für Sie, das Familienleben zu organisieren?

Wir kriegen das hin. Unsere Priorität ist das Familienleben. Auf eine gewisse Weise sind wir glücklich, dass wir nicht so oft zur gleichen Zeit Angebote bekommen. Und wenn doch, springt meine Mutter ein. Wir haben auch gute Babysitter. Und jetzt ist Ben auch in einem Alter, in dem er mal mitkommen kann.

Wie ist das, wenn Sie mal ausgehen? Können Sie das eigentlich? Oder stehen da überall Fans und wollen Autogramme?

(lacht) Leider nicht. Na ja, vielleicht in London, wenn ein neuer Film rauskommt. Dann gucken mich die Leute manchmal an. Aber eher nach dem Motto: Kenn’ ich den von der Schule? In England gibt es schon Fans, die Kollegen, die so viel Erfolg haben wie Alexandra hier in Deutschland, verfolgen. Das ist in Berlin glücklicherweise anders. Da schert es niemanden. Das kam vielleicht zwei Mal vor, dass Leute auf der Straße lauerten und sich dann verstecken wollten. Aber das waren vielleicht eher Paparazzi.

In Deutschland ist Ihre Frau, pardon, ein klein bisschen berühmter als Sie. Nagt das am Selbstwertgefühl? Oder ist Ihnen das womöglich ganz recht?

(ironisch:) Wie können Sie es wagen! Damit habe ich sehr schnell umgehen müssen. Wir haben uns bei den Dreharbeiten von „Control“ kennengelernt. In England war sie nicht so bekannt. Man kannte „Der Untergang“, aber das war’s. Als wir dann erstmals zusammen über den Kudamm liefen, rannte ein Typ wegen ihr buchstäblich gegen einen Laternenpfahl. Das hat mich sehr beeindruckt. Und wenn wir jetzt zusammen über den roten Teppich laufen, stellt mir nie jemand eine Frage. Aber das ist wirklich kein Problem für mich. Ich war nie zuvor mit einer so berühmten Frau aus. Ich fand das ganz attraktiv. Ich meine, wie viele deutsche Filmstars hat sie schon geküsst? Es hat mich nicht eingeschüchtert.